Online-Glücksspiel: Wissenschaft will Impulse für Spielerschutz im Netz setzen

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Glücksspiel-Symposium an der Universität Hohenheim: Forschende diskutierten aktuelle Herausforderungen und mögliche Regularien für Online-Glücksspiel.

Seit Mitte 2021 ermöglicht der neue Glücksspiel-Staatsvertrag Anbietern, sich um eine Erlaubnis für Online-Glücksspiele in Deutschland zu bewerben. Für den Spielerschutz stellen die Online-Angebote Experten zufolge eine besondere Herausforderung dar. Denn im Gegensatz zu Casinos vor Ort ist eine direkte Ansprache der Spielenden durch Casinopersonal in Online-Casinos nicht möglich. Betreiber von Online-Angeboten sind daher verpflichtet, Frühwarnsysteme für problematisches Spielverhalten zu nutzen. Erfolgversprechend ist  hier insbesondere der Einsatz von Machine Learning, wie Fachleute der Forschungsstelle Glücksspiel im Vorfeld des 19. Glücksspiel-Symposiums berichteten.

Der neue Glücksspiel-Staatsvertrag (GlüStV) schuf 2021 einheitliche Regelungen: Online-Glücksspiel ist nun bundesweit erlaubnisfähig, zuvor war dies nur in Schleswig-Holstein möglich. Mit Erhalt der Erlaubnis dürfen Anbieter das legale Glücksspiel bewerben. Da sich durch diese Neuerungen ein großer legaler Markt ergibt, ist ein massiver Anstieg der Werbung für Online-Glücksspiel zu erwarten. Ein sicherer Schutz für Spielerinnen und Spieler im Netz ist daher besonders wichtig.

Online-Casinos müssen Konzept zum Spielerschutz vorweisen

Wenn Spielende in einem Casino vor Ort problematisches Spielverhalten zeigen, ist das Personal dazu verpflichtet, einzugreifen. Bei Online-Casinos fehlt diese direkte Interventionsmöglichkeit. „Außerdem sind Online-Glücksspielangebote ständig verfügbar, können also rund um die Uhr immer und überall gespielt werden“, sagte Andrea Wöhr, wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Forschungsstelle Glücksspiel der Universität Hohenheim. „Die ständige Verfügbarkeit sowie die fehlende soziale Kontrolle bergen ein besonderes Gefahrenpotenzial“.

Laut der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung zeige nahezu jede fünfte Person, die Online-Casinospiele spielt, ein problematisches oder abhängiges Spielverhalten, so Wöhr weiter. Anbieter von Online-Glücksspiel müssen daher ein besonderes Sozialkonzept entwickeln. Dazu gehören neben Informationen zu Gefahren von Glücksspiel auch Frühwarnsysteme zur Erkennung problematischen Spielverhaltens.

Frühwarnsysteme müssen transparent sein

Die Frühwarnsysteme für problematisches Spielverhalten im Netz basieren auf Algorithmen. Sie loggen das Spielverhalten mit und warnen, wenn Spielerinnen und Spieler beispielsweise zu viel spielen. „Bei manchen Systemen fehlt es an Transparenz,“ sagte Wöhr. Es sei wichtig offenzulegen, auf welcher Grundlage das System Warnungen anzeigt. „Wenn man das nicht weiß, kann man nicht beurteilen, wie gut diese Systeme funktionieren.“

In Schleswig-Holstein war Online-Glücksspiel schon vor dem neuen Glücksspiel-Staatsvertrag legal. Dort wurde das digitale Spielverhalten bereits aufgezeichnet. Die Forschungsstelle Glücksspiel analysiert derzeit eine Stichprobe der Daten aus Schleswig-Holstein. „Mit der riesigen Datenmenge lässt sich das Spielverhalten schon ziemlich gut beschreiben“, sagte Dr. Steffen Otterbach, Leiter der Forschungsstelle Glücksspiel an der Universität Hohenheim.

„Transaktionen wie Einzahlungen, Auszahlungen, Einsätze, Gewinne und Verluste werden aufgezeichnet und mit einem Zeitstempel versehen“, erläutert er. „Daraus lassen sich wertvolle Informationen über das Spielverhalten ableiten: Wie oft wird gespielt? Wie viel Zeit verwendet jemand darauf? An welchen Wochentagen wird gespielt? Zu welcher Tages- und Nachtzeit wird gespielt? Wie hoch ist die Summe der Einzahlungen? Macht ein Spieler Spielpausen? Wie viel Geld wird unterm Strich verspielt? Letztendlich geht es darum, Spielende mit einem problematischen Spielverhalten anhand dieser Daten möglichst früh zu identifizieren.“

„Die Analyse der Frühwarnsysteme und damit des digitalen Spielverhaltens ermöglicht tiefe Einblicke in die Privatsphäre der Spielenden, weshalb dabei die Einhaltung datenschutzrechtlicher Grundsätze von besonderer Bedeutung ist“, erläutert Benjamin Bäßler, Abteilungsleiter beim Landesbeauftragten für den Datenschutz und die Informationsfreiheit Baden-Württemberg. „Dies ist durch hinreichende gesetzliche Grundlagen und angemessene technische und organisatorische Maßnahmen zu bewerkstelligen.“

Kontinuierliche Verbesserung durch Maschinelles Lernen

Eine umfassende Datenanalyse sei ein erster wichtiger Schritt für ein funktionierendes Frühwarnsystem, sagt Dr. Otterbach. „Maschinelles Lernen basiert zum einen darauf, dass das System immer mehr Spielverläufe kennt und dadurch die Vorhersagekraft der Modelle erhöht wird.“

Er fährt fort: „Für eine weitere Verbesserung wäre es aus wissenschaftlicher Sicht erstrebenswert, wenn man zumindest bei einem Teil der Spielenden ein validiertes Instrument zur Messung problematischen Spielverhaltens einsetzen könnte, um sie besser klassifizieren zu können.“ Auch die Wirksamkeit bestimmter Interventionsmaßnahmen müsse weiter erforscht werden.