„Optimale Versorgung für alle“ krankt noch an einigen Stellen

Auftakt-Pressekonferenz zum 34. Deutschen Krebskongress: Prof. Andreas Hochhaus, Prof. Hans Jochem-Kolb, Dr. Cornelia Link-Rachner, Dr. Johannes Bruns, Gerd Nettekoven (v.l.). Foto: Schmitz.

Beim 34. Deutschen Krebskongress, der vom 19.-22.02.2020 in Berlin stattfindet, hat Kongresspräsident Prof. Andreas Hochhaus in der Auftakt-Pressekonferenz das Ziel hochgehalten, jedem Krebspatienten eine optimale Versorgung zukommen zu lassen. Es wurde jedoch deutlich, dass diesem Anspruch noch viele Hindernisse im Weg stehen.

„Jeder Krebsbetroffene in Deutschland sollte die gleichen Chancen auf eine optimale Versorgung erhalten“, sagte Hochhaus. Innovative, personalisierte Therapien und die Renaissance der Immunonkologie wie mit den neuen Checkpoint-Inhibitoren oder den CAR-T-Zellen bieten Hochhaus zufolge immer bessere Möglichkeiten der Krebsbekämpfung. Dafür müssten die Ärzte mit den neuen Therapien bekannt gemacht werden und den Patienten müsse Zugang dazu geschaffen werden. Hier erkennt der Kongresspräsident noch Defizite: „Hinter unser Motto ‚Optimale Versorgung für alle‘ können wir noch kein Ausrufezeichen setzen. So haben wir in ländlichen Gebieten, wo Reha-Zentren und Apotheken geschlossen werden, keine optimale Versorgung.“

Problem Finanzierung innovativer Therapien

Dr. Johannes Bruns, Generalsekretär der Deutschen Krebsgesellschaft, benannte ein strukturelles Defizit: „Dass wir das, was wir heute schon wissen, auch an die Patienten zu bringen, das ist schon sehr schwer.“ Unser Gesundheitssystem sei auf innovative Therapien wie der CAR-T-Zell-Therapie, die derzeit bei Leukämien und Lymphomen eingesetzt wird, nicht eingestellt. „Ein zugelassenes Medikament führt nicht unbedingt zur Finanzierung im Krankenhaus“, bemängelte er. Wäre die CAR-T-Zell-Therapie ein Medikament, das vom niedergelassenen Onkologen verschrieben werden könnte, so gäbe es kein Problem. Diese neue Therapieform arbeitet jedoch mit den eigenen T-Zellen des Patienten und erfordert einen hohen Aufwand und eine intensive Betreuung, die nur im Krankenhaus gewährleistet werden kann. Wie Bruns berichtete, muss das Krankenhaus derzeit für jeden Patienten bei jeder Krankenkasse einzeln einen Antrag stellen – und das, wo bei vielen Patienten Gefahr im Verzug besteht. Vor dem Hintergrund, dass 20 weitere Indikationen, auch bei soliden Tumoren, in der Pipeline stünden, könne man sich nicht weiter solcher Hilfskonstruktionen bedienen, um Innovationen umzusetzen. Er fordert ein „Innovationszentrum“, das Kriterien für die Berechtigung, eine innovative Therapie anzubieten, aufstellen würde, und sieht hier vor allem den Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA) in der Pflicht. „In dem Moment, wo der G-BA die Kriterien beschlossen hat, muss die Finanzierung gesichert sein.“

Problem Klinik und Forschung

Gerd Nettekoven, Vorstandsvorsitzender der Stiftung Deutsche Krebshilfe, beschrieb ein weiteres, den Innovationen noch vorgelagertes strukturelles Problem: „Wir betrachten die aktuelle Entwicklung mit Sorge, dass es in den Kliniken kaum noch möglich ist, Versorgung und Forschung in Einklang zu bringen.“ Die Unzufriedenheit junger Forscher sei groß, befristete Arbeitsverhältnisse nähmen überhand, so Nettekoven. Durch den Mangel an Forschern und Forschung sei Innovation nur schwer möglich, und Deutschland drohe den Anschluss zu verlieren. „Hauptleidtragende werden letztlich die Patienten sein.“ Um hier abzuhelfen, hat die Deutsche Krebshilfe ein Förderprogramm aufgesetzt, mit dem fünf Fakultäten für fünf Jahre dabei unterstützt werden, wissenschaftliche Strukturen aufzubauen. „Die Resonanz war enorm, wir haben damit wohl den Nerv getroffen“, berichtete Nettekoven: 27 von 30 medizinischen Fakultäten hätten sich beworben, und aus den vielen guten Projekten mussten dann aus Budgetgründen fünf herausgesucht werden: die „Mildred-Scheel-Nachwuchszentren“. Mit Dr. Cornelia Link-Rachner aus Dresden berichtete eine Geförderte bei der Pressekonferenz über ihre Erfahrungen. Sie forscht über die Graft-versus-Host-Disease bei der allogenen Stammzelltransplantation. Die Förderung ermögliche es ihr, je zur Hälfte in der Klinik und in der Forschung tätig zu sein und ihre Arbeit auch noch mit der Familie vereinbaren zu können. Die Jungwissenschaftlerin findet es „super, dass die Förderung diese Möglichkeit für junge Leute schafft”, wie sie in Berlin sagte.

(ms)