Optimierung der onkologischen Versorgung von Menschen mit Migrationsgeschichte

Ein neuer Leitfaden soll die onkologische Versorgung von Menschen mit Migrationsgeschichte verbessern. (Symbolbild: © Hanna/stock.adobe.com)

Menschen mit Migrationsgeschichte und einer Krebserkrankung stoßen beim Zugang zu Gesundheitsinformationen oft auf sprachliche, kulturelle und strukturelle Barrieren. Ein neuer Leitfaden zeigt, wie evidenzbasierte Informationen so gestaltet werden können, dass sie verständlich, inklusiv und praxisnah sind.

von Prof. Dr. Anke Steckelberg

Menschen mit Migrationsgeschichte stellen eine diverse Bevölkerungsgruppe dar, deren Gesundheitschancen, Informationsbedarfe und Zugänge durch vielfältige soziale, strukturelle und kulturelle Faktoren geprägt sind.1,2 Im Kontext einer Krebserkrankung treten diese Unterschiede besonders deutlich zutage. Menschen mit Migrationsgeschichte und einer Krebserkrankung sind häufig mit erheblichen Barrieren beim Zugang zur Gesundheitsversorgung konfrontiert. Dazu zählen kulturelle und sprachliche Herausforderungen, ebenso wie eine geringe Gesundheitskompetenz und ungedeckter Informationsbedarf. Aus diesen Barrieren resultieren Ungleichheiten in der Versorgung. Empirische Befunde zeigen seltenere Inanspruchnahmen von Präventionsangeboten, Verzögerungen in der Diagnosestellung und erschwerte Therapieentscheidungen.3-5

Ziel war es, einen Leitfaden zur Erstellung evidenzbasierter Gesundheitsinformationen für Menschen mit Migrationsgeschichte zu entwickeln. Der Entwicklungsprozess umfasste: (1) theoretische Fundierung, (2) empirische Begründung und (3) Praxisorientierung.

Theoretische Fundierung

Die theoretische Grundlage bildeten Modelle der kulturellen Adaptation,6-8 auf deren Basis die Gesundheitsinformationen über eine bloße Übersetzung hinaus so entwickelt werden, dass sie zwar kulturell anschlussfähig sind, aber gleichzeitig sozial eingebettet sind und pauschale Stereotype vermeiden, indem sie die persönlichen Unterschiede und Werte berücksichtigen.

In die Entwicklung des Leitfadens wurden die folgenden drei Ansätze einbezogen:

  • das Cultural Appropriateness Framework von Kreuter et al. 6
  • das Stufenmodell kultureller Adaption von Barrera et al. 7
  • das Targeting-und-Tailoring-Modell von Alden et al. 8

Sie zeigen, dass Gesundheitsinformationen immer auch im Kontext sozialer, politischer und struktureller Rahmenbedingungen betrachtet werden müssen. Insbesondere migrationsspezifische und intersektionale Faktoren bestimmen, welche Barrieren oder Ressourcen im Umgang mit Gesundheitsinformationen bestehen und wie diese adressiert werden können.

Empirische Begründung

Für die empirische Begründung wurden zwei Scoping Reviews zu den Themen „Bedarfe und Präferenzen von krebserkrankten Menschen mit Migrationsgeschichte“ und „Gestaltungsmerkmale kultursensibler Gesundheitsinformationen“ erstellt. 9-10

Zudem wurden 43 leitfadengestützte Interviews mit Betroffenen, Angehörigen sowie mit Fachpersonen aus der Versorgung und Sprachmittler:innen durchgeführt, um wahrgenommene Barrieren, Informationsbedürfnisse und Gestaltungsvorschläge zu identifizieren.11

Praxisorientierung

Die Ergebnisse dieser empirischen Arbeiten wurden mit den theoretischen Modellen zur kulturellen Adaptation verknüpft, um Kriterien sowie integrative Reflexionsfragen zu entwickeln, die eine diversitätssensible Gestaltung evidenzbasierter Gesundheitsinformationen unterstützen sollen. So können Ersteller:innen bei der Entwicklung von Gesundheitsinformationen ihre Prozesse hinsichtlich der Umsetzung der Kriterien überprüfen.

Dieser Leitfaden wird exemplarisch am Beispiel der Supportivtherapie in Form einer Gesundheitsinformation bei Fatigue erprobt: Starke Müdigkeit (Fatigue) bei Menschen mit einer Krebserkrankung: Was können Betroffene selber tun?

Für eine nutzer:innenorientierte Gestaltung wurde zunächst eine Recherche zu den Informationsbedarfen und Präferenzen von Menschen mit einer Krebserkrankung hinsichtlich Fatigue durchgeführt. Dadurch kann sichergestellt werden, dass Aspekte berücksichtigt werden, die für die Adressat:innengruppe wichtig und relevant sind.

Die fachspezifischen Inhalte dieser Gesundheitsinformation basieren auf systematisch erstellten Evidenzsynthesen. Darüber hinaus werden Informationen über das deutsche Gesundheitssystem, insbesondere zu Beratungsstellen, Rechten von Patient:innen, zur Selbsthilfe und Kranken- und Pflegeversicherung bereitgestellt. Die Formate und Präsentation der Information orientieren sich an den Präferenzen der Adressat:innengruppe.

Die Ergebnisse der Pilotierung dieser Gesundheitsinformation stehen noch aus.

Fazit

Der Leitfaden leistet einen Beitrag zur Umsetzung nationaler und internationaler Empfehlungen, die betonen, dass Gesundheitskommunikation patient:innenzentriert, inklusiv und evidenzbasiert gestaltet werden soll. Wir gehen davon aus, dass der Leitfaden für die Entwicklung und Verbreitung von diversitätssensiblen Gesundheitsinformationen für Menschen mit Migrationsgeschichte einen wichtigen Beitrag zur Verbesserung der Versorgung leisten kann.

Schnittstellen-Sitzung „Chancengleichheit (Diversität) in der onkologischen Gesundheitsversorgung
Samstag, 21.02., 12 bis 13 Uhr, Raum A4

Ko-Autor:innen: Prof. Dr. med. Haifa Kathrin Al-Ali; Prof. Dr. Birte Berger-Höger; Julia Lauberger; Prof. Dr. Julia Lühnen; Dr. med. Jörg Andreas Müller; Lia Schilling; PD Dr. med. Heike Schmidt; Prof. Dr. med. Dirk Vordermark


Prof. Dr. Anke Steckelberg hat eine Professur für Gesundheits- und Pflegewissenschaften an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg inne.

Referenzen

1. World Health Organization. World Report on the Health of Refugees and Migrants [Internet]. Geneva: WHO; 2022 [cited 2025 Nov 19].

2. Napier AD et al. Culture and health. Lancet 2014 Nov 1;384(9954):1607-39. 

3. Kameraj A et al. Migration background and use of preventive healthcare services: Findings of the German Ageing Survey. BMC Public Health 2024 Sep 9;24(1):2442.

4. Berens EM et al. Gesundheitskompetenz von Menschen mit Migrationshintergrund in Deutschland : Ergebnisse des HLS-MIG. Bielefeld: Universität, Interdisziplinäres Zentrum für Gesundheitskompetenzforschung. 2022.

5. Sachverständigenrat für Integration und Migration (SVR) gGmbH. Jahresgutachten 2022. Systemrelevant: Migration als Stütze und ­ Herausforderung für die ­Gesundheitsversorgung in Deutschland [Internet]. 2022 [cited 2025 Jan 25].

6. Kreuter MW et al. Achieving cultural appropriateness in health promotion programs: targeted and tailored approaches. Health Educ Behav 2003 Apr;30(2):133-46. 

7. Barrera M et al. Cultural adaptations of behavioral health interventions: a progress report. J Consult Clin Psychol 2013 Apr;81(2):196-205.

8. Alden DL et al. Cultural targeting and tailoring of shared decision making technology: a theoretical framework for improving the effectiveness of patient decision aids in culturally diverse groups. Soc Sci Med. 2014 Mar;105:1-8.

9. Lauberger J et al. Healthcare related Preferences, Needs and Values of People with a Migrant Background and Cancer: Scoping Review. 2026 (unveröffentlichtes Manuskript).

10. Schilling L et al. Tailored Health Information For Patients With A Migrant Background: Scoping Review. 2026 (unveröffentlichtes Manuskript).

11. Lauberger J et al. Bedarfe und Präferenzen von Menschen mit Krebserkrankung und Migrationsgeschichte – eine qualitative Analyse von Einzelinterviews. 2026 (unveröffentlichtes Manuskript).