Orakel für die CAR-T-Zelltherapie30. Mai 2022 Abbildung: © designua – stock.adobe.com Die Immuntherapie mit CAR-T-Zellen hat sich für die Behandlung verschiedener Leukämien und Lymphome etabliert. Zugleich bekommen Krebsmediziner immer bessere Einblicke in das Nebenwirkungsspektrum der Behandlung. Forschende des LMU Klinikums um Dr. Kai Rejeski und Prof. Marion Subklewe haben einen prädiktiven Score entwickelt, mit dem sich lebensgefährliche, langanhaltende Zytopenien nach einer CAR-T-Zelltherapie vorhersagen lassen. In einer neuen Studie haben sie herausgefunden: Mit diesem Score lässt sich auch das Risiko der Patienten für gefährliche Infektionen vorhersagen. Der Score könnte womöglich auch den Erfolg der Therapie individuell und verlässlich abschätzen. Zunächst war bei den Nebenwirkungen und Komplikationen der CAR (für „Chimeric Antigen Receptor“) T-Zelltherapie vor allem vom sogenannten Zytokinsturm und von neurologischen Symptomen (etwa Wortfindungsstörungen, Schreibfehler, Verwirrtheit) die Rede. Dann aber erkannten die Münchner Mediziner zusammen mit französischen und US-amerikanischen Kliniken einen typischen Abfall der Blutzellen) nach der Therapie bei einigen der Behandelten – mit teils lebensbedrohlichen Folgen. Mit dem entwickelten CAR-HEMATOTOX-Score konnten die Forschenden das Risiko der Zytopenie individuell prognostizieren (Rejeski et al, Blood 2021). Der Score besteht aus den normalen Blutbildwerten und aus zwei Entzündungsparametern und wird vor der CAR-T-Zelltherapie erhoben. Nun wollten die Ärzte und ihre Kollegen wissen, ob der Score auch individuelle Aussagen darüber zulässt, ob ein Patient höchstwahrscheinlich eine Infektion nach der Therapie bekommen wird und wie die Behandlung anschlägt. Dafür wurden mit diversen statistischen Methoden die Daten von rund 250 Patienten analysiert, die aufgrund eines bestimmten Lymphdrüsenkrebses (großzelliges B-Non-Hodgkin-Lymphom) im Routinebetrieb mit CAR-T-Zellen behandelt wurden. Ergebnis: „Ein hoher Wert im CAR-HEMATOTOX-Score konnte die Anfälligkeit für schwere Infektionen vor Therapiebeginn gut vorhersagen“, erklärt Rejeski, der Erstautor der Studie. 40 Prozent der Betroffenen mit hohem Score bekamen einen schweren Infekt, dagegen nur acht Prozent der Patienten mit niedrigem Score. Bei den schweren bakteriellen Infektionen war der Unterschied mit 27 versus 0,9 Prozent noch deutlicher. Die Auswertung der Daten ergab auch: Jene Patienten, die nach der Therapie längere Zeit Kortison erhielten (zum Beispiel zur Behandlung anderer Nebenwirkungen), hatten eine erhöhte Infektrate. Andererseits reduzierte die vorbeugende Gabe von Antibiotika die Zahl der schweren Infektionen bei den Betroffenen mit hohem Score erheblich. Bei den Patienten mit niedrigem Score zeigte sich dieser Nutzen nicht. „Das heißt, wir können mit unserem Score individuell abschätzen, wer im Zuge der CAR-T-Zelltherapie Antibiotika bekommen sollte und wer nicht“, betont Subklewe. Ein großer Vorteil, denn jede Antibiotika-Gabe schädigt die Darmflora, die für ein funktionierendes Immunsystem wichtig ist. Schlussendlich mussten Patienten mit hohem Score länger im Krankenhaus zur Behandlung bleiben als jene mit niedrigem Score. Vor allem aber schritt ihr Krebs, trotz CAR-T-Zelltherapie, schneller voran und sie starben insgesamt öfter an ihrer Erkrankung als Betroffene mit niedrigem Score. Schwere Infekte sind offenbar auch mit einer höheren Sterblichkeit der Patienten assoziiert. Ein Online-Score Rechner wurde bereits in Zusammenarbeit mit der German Lymphoma Alliance (GLA) programmiert (siehe Link unten). „Insgesamt kristallisiert sich der klinische Nutzen des CAR-HEMATOTOX zunehmend heraus“, sagt Kai Rejeski. Ein hoher Score bedeutet ein hohes Komplikations- und Sterblichkeitsrisiko, ein niedriger Score eben nicht. „Hochrisikopatienten profitieren wahrscheinlich von einer anti-infektiven Prophylaxe und sollten engmaschig überwacht werden“, erklärt der Arzt weiter, „bei Niedrigrisikopatienten könnte man hingegen Antibiotika einsparen und in Zukunft könnten diese Patienten die CAR-T-Zelltherapie eventuell ambulant erhalten.“ Das allerdings müssen weitere Studien klären.
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