Orthopädisch-unfallchirurgische Versorgung zeigt sich krisenfest

Teilnehmende der Onlinepressekonferenz: oben (v. l.): Johannes Flechtenmacher, Bertil Bouillon, Dieter Wirtz; Mitte (v. l.): Burkhard Lembeck, Michael Raschke, Bernd Kladny; unten: Dietmar Pennig (Foto: hr)

Auf der Online-Jahrespressekonferenz von DGOU und BVOU im Rahmen der Digitalen Woche #digitalOU 2020 haben Orthopäden und Unfallchirurgen ein Fazit aus der bisherigen Corona-Krise gezogen und Vorschläge für einen Strukturwandel der Versorgung von Erkrankungen und Verletzungen am Bewegungsapparat gemacht.

“Im internationalen Vergleich sind wir in Deutschland bisher gut durch die Krise gekommen, trotz dichter Besiedlung, einer relativ alten Bevölkerung und weit bereiteten Grunderkrankungen”, betonte Prof. Dieter C. Wirtz Präsident von DGOU und DGOOC, in seinem Eröffnungsstatement. Die anfänglichen Versorgungsengpässe in der Pandemie seien durch die hohe Flexibilität und Engagement von Ärzten und Gesundheitsheitspersonal in Kliniken und Praxen gut bewältigt worden.

“Die Pandemie‐Krise hat dem Gesundheitssystem mit seinen verschiedenen Versorgungsstrukturen ein hohes Maß an Kooperation und Koordination abverlangt”, so Wirtz weiter. Eine Prognose für zukünftige pandemiebedingte Entwicklungen gleiche jedoch einem Blick in die Glaskugel.

Aufgrund der in der Pandemie gemachten Erfahrungen und vor dem Hintergrund der politischen Diskussion um den Abbau von Krankenhäusern plädierte Wirtz “für eine ausgewogene Balance zwischen flächendeckender Grundversorgung und Spezialisierung. Im Hinblick auf die zunehmend knappen Ressourcen wird eine patientenorientierte Versorgung immer wichtiger“, so der Experte der Direktor der Klinik und Poliklinik für Orthopädie und Unfallchirurgie am Universitätsklinikum Bonn ist. Dazu bräuchte es ein abgestimmtes und stark miteinander kooperierendes Netz aus Ambulanzen mit niedergelassenen Ärzten, Kliniken der Grund‐, Schwerpunkt‐ und Maximalversorgung und Rehabilitationseinrichtungen.

„Für zeitkritische und einfache Erkrankungen ist eine wohnortnahe flächendeckende Versorgung wichtig, komplexe Fälle wie Wechseloperationen an Hüfte und Knie oder schwerwiegende Beckenbrüche gehören in ein Zentrum“, sagt Wirtz weiter Sind die Möglichkeiten des niedergelassenen Facharztes für Orthopädie und Unfallchirurgie ausgeschöpft, gehe es weiter in ein Krankenhaus der entsprechenden Versorgungsstufe. Je höher die Stufe, desto höher die Kompetenzen. Komplexe Eingriffe müssten grundsätzlich in Zentren gebündelt werden. Dadurch könnten Komplikationen reduziert und Ressourcen in der Fläche geschont werden. „Unser Fach braucht daher aus meiner Sicht mehr Zentrumsbildung, mit klarer Definition, welche Krankheitsbilder bzw. Verletzungsmuster in welcher Klinik behandelt werden“, sagt Wirtz und stellte heraus, dass diese Zentrumsbildung nicht auf Kosten der Flächenversorgung gehen dürfe.

Für die Übernahme des hohen Anteils komplizierter und aufwendiger Therapien müssten die Zentren dann wiederum bestmöglich personell und apparativ ausgestattet werden, forderte Wirtz weiter. Dies könne ein Zentrumszuschlag leisten. Beispiele für eine gelungene Qualitätsstruktur seien etwa die Zertifizierungsverfahren EndoCert der DGOOC oder das TraumaNetzwerk DGU®.

Missstand dringend beenden: Reha auch für nicht ausreichend fitte Patienten ermöglichen

“Die Pandemie zeigt, wie wichtig eine flächendeckende Versorgung und die Vernetzung der verschiedenen Versorgungsbereiche miteinander ist”, betonte Prof. Dr. Michael J. Raschke, Präsident der DGU, und stellvertretender Präsident der DGOU. In seinem Statement zeigt er auf, dass viele schwerverletzte Patienten am Übergang vom Krankenhaus in die Rehabilitation scheitern. Sie erfüllten häufig nicht die Rehabilitationsvorgaben und erhielten daher nicht die dringend notwendige Weiterbehandlung. Sie würden nach ihrer Entlassung aus dem Akutkrankenhaus nach Hause oder in die Kurzzeitpflege entlassen und fielen in das sogenannte Reha‐Loch, warnte Raschke. “Das bedeutet aber Stillstand und gefährdet den Behandlungserfolg.”

Laut Raschke können nur 15 Prozent der Verletzten direkt im Anschluss an die Krankenhausbehandlung die Rehabilitation antreten. Das liege daran, dass viele Patienten aufgrund der komplexen Mehrfachverletzungen noch pflegebedürftig seien. Eine standardisierte Reha komme für sie nicht in Frage, “denn sie erfüllen zumeist nicht die Reha-Vorgaben, etwa sich selbstständig anzuziehen und zu essen”.

Daher forderte Raschke die schnelle Umsetzung eines neuen Modells zur Traumarehabilitation, wie es im Weißbuch Schwerverletztenversorgung der DGU beschrieben wird. Es ermöglicht eine frühe Rehabilitation, auch wenn der Patient noch intensiv therapiert und gepflegt werden muss.

DGOU fordert für mehr Forschungserfolg den Ausbau von klinischen Registern

Um Entscheidungen über zukünftige Versorgungsstrukturen und Qualitätsanforderungen besser treffen zu können, müssen Behandlungsprozesse besser bewertet werden. Dazu braucht es der DGOU zufolge mehr Versorgungsforschung und eine deutlich breitere Datenbasis aufgrund der etwa bewiesen werden könne, warum eine Mindestmenge in gewissen Bereichen, wie dem künstlichen Hüft‐ oder Kniegelenk, nötig ist oder ob sich eine leitliniengerechte Versorgung auf die Ergebnisqualität auswirkt.

“Derzeit gibt es 17 Register im Fach Orthopädie und Unfallchirurgie, die in der Lage sind, umfassende Daten aufzunehmen”, erklärte Prof. Bernd Kladny, stellvertretender DGOU‐ Generalsekretär und Generalsekretär der DGOOC. Große Datenmengen seien eine Voraussetzung, um mit Methoden der Künstlichen Intelligenz (KI) die Versorgung der Patienten zu verbessern. Daher müssten auch die Register weiter ausgebaut werden, forderte Kladny.

Zwar verfügten Kostenträger und Kliniken über große Datenschätze, doch bislang fehlten Strukturen, um große Datenmengen aus der Versorgung auch für die Versorgungsforschung routinemäßig zu nutzen. Häufig setze hier etwa der Datenschutz der Gewinnung von Daten Grenzen. Aber auch die Dateneingabe sei eine Herausforderung, weil sie in vielen Fällen unverändert per Hand erfolgen muss. „Um die Register sinnvoll mit Daten zu füttern, muss der Datentransfer automatisiert werden“, sagte Kladny. Hier bedürfe es dringend einer besseren digitalen Infrastruktur.

Digitalisierung muss wieder mehr Zeit am Patienten schaffen

Prof. Dietmar Pennig, Generalsekretär von DGOU und DGU begrüßte die Initiative des Gesetzgebers für das Krankenhauszukunftsgesetz (KHZG), mit dem vor allem auch die Digitalisierung der Krankenhäuser vorangebracht werden soll. „Dabei sind die Digitalisierungsstandards in der Krankenhauslandschaft äußerst unterschiedlich”, erklärte er. So seien etwa Krankenhausverbünde oft besser aufgestellt als einzelne Häuser. “Es darf jedoch kein Ungleichgewicht zwischen Ballungszentren und in Krankenhäusern in der Fläche entstehten”, betonte er.

Pennig wies darauf hin, dass der administrative Aufwand sowohl in der Ärzteschaft als auch in der Pflege in erheblichem Umfang in den vergangenen Jahrzehnten zugenommen habe. Die zu implementierenden digitalen Lösungen müssten dringend auf eine Vereinfachung dieser Prozesse abzielen. Arzt‐ und Pflegezeit müsse als Endergebnis dieser Initiative vermehrt den Patientinnen und Patienten zugutekommen.

Von einer verbesserten Digitalisierung profitierten viele Abläufe. So sei die Schnelligkeit der Datenübermittlung zwischen Notarzt und Notaufnahme lebensrettend. Zudem helfe eine verbesserte Digitalisierung der Krankenhäuser der Vernetzung mit Arztpraxen und Rehakliniken. Auch das papierlose Krankenhaus mit hocheffektivem WLAN und Backups seien notwendige Bespiele, die den Gesundheitsstandortes Deutschland stärkten.

Mit dem Ausbau der Digitalisierung müssen Pennig zufolge auch die Schutzmechanismen gestärkt werden. Dies habe kürzlich etwa die Lahmlegung des Uniklinikums Düsseldorf nach einem Hackerangriff gezeigt. “Für die Datensicherheit benötigen wir Unterstützung bei dem Aufbau von Firewalls, das können einzelne Krankenhäuser nicht leisten, so der Ärztliche Direktor sowie Chefarzt der Klinik für Unfall‐ und Wiederherstellungschirurgie, Handchirurgie und Orthopädie des St. Vinzenz‐Hospitals Köln. Des Weiteren benötige man natürlich auch “Ausflallkonzepte, die eine Weiterarbeit ermöglichen, wenn die digitalen Strukturen einmal ausfallen sollten”, forderte Pennig. (hr)