Patientenversorgung in Orthopädie und Unfallchirurgie droht sich zu verschlechtern

v.l.: Bernd Kladny, Dietmar Pennig und Burkhard Lembeck auf der Vorabpresskonferenz zum DKOU 2022 (Screenshot: hr Biermann Medizin)

Im Vorfeld des DKOU haben Experten aus O & U auf eine für Patienten immer bedrohlichere Versorgungsschieflage hingewiesen.

„Von der Wiege bis zur Bahre“ begleiteten Orthopäden und Unfallchirurgen in der Regel ihre Patienten, hob Prof. Bernd Kladny, Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Orthopädie und Unfallchirurgie (DGOU) und der Deutschen Gesellschaft für Orthopädie und Orthopädische Chirurgie (DGOOC) auf einer Pressekonferenz im Vorfeld des Kongresses hervor. Das Fach helfe Menschen ihre Lebensqualität und das Leben zu bewahren. So bestehe etwa bei einer Fraktur bei Osteoporose das gleiche Mortalitätsrisiko wie bei einem Schlaganfall, berichtete der Experte. Millionen Menschen in Deutschland sind laut Kladny von Verletzungen und Erkrankungen des Bewegungssystems betroffen; Volkskrankheiten wie Arthrose, Osteoporose und Kreuzschmerz sowie Verletzungen verursachen einen immensen sozioökonomischen und finanziellen Aufwand. So liegen in Deutschland Erkrankungen und Verletzungen des Bewegungssystems mit ca. 51,1 Mrd. Euro pro Jahr an dritter Stelle der Gesundheitsausgaben – direkt nach Herz-Kreislauferkrankungen und psychischen Störungen. „Dies zeigt alles, wie relevant das Fach für die Gesellschaft ist“, so Kladny.

Zugleich sieht der Experte die Erfüllung des Versorgungsauftrags von Orthopäden und Unfallchirurgen bedroht, da sie aktuell unter immer schwierigeren Rahmenbedingungen erfolge. Die Leistungsfähigkeit des Fachs zu erhalten sei auch im Hinblick auf die alternde Bevölkerung ein dringendes gesamtgesellschaftliches Anliegen. Als Hauptgründe für eine gefährdete Versorgung benannte Kladny Bürokratie und Personalmangel. Überbordende bürokratische Prozesse und monetäre Vorgaben verhinderten, dass der Patient wirklich im Mittelpunkt des ärztlichen Handelns stehen kann. Und auch die mangelhafte Digitalisierung raube Zeit und damit die Möglichkeit für Zuwendung zum Patienten.

Anhand eines Beispiels aus dem Alltag erläuterte er diese Problematik etwa bei Folgebehandlungen oder Überweisungen: Gang und Gäbe sei immer noch, dass Personal regelmäßig nachtelefonieren müsse, um aktuelles Bildmaterial der Patienten zu erhalten – „und das bei ohnehin angespannter Personallage“, beklagte Kladny. Oft träfen CDs mit dem Material erst viele zu spät per Post ein und manches Mal seien die Datensätze darauf nicht einmal zu öffnen. Weil alles zu lange dauere und ein schneller digitaler Austausch eben meist nicht funktioniere, sei man oft dazu gezwungen, den Datenschutz umgehend, „in Graubereichen zu arbeiten“. „Befunde werden per Fax gesendet und wir Fotografieren aus lauter Verzweiflung Bilder ab und versenden sie per WhatsApp“, berichtete der Orthopäde und Unfallchirurg. Dabei dürften solche Bilder eigentlich gar nicht verwendet werden. Die E-Akte stehe immer noch am Anfang. „Für uns ist die Entwicklung aber erst dann zufriedenstellend beendet, wenn ein Patient zu uns kommt und man gleichzeitig sofort Zugriff auf alle notwendigen Patientenunterlagen hat“, sagte Kladny.

Bezüglich monetärer Zwänge betonte der DGOU-Generalsekretär, dass gegen die Ökonomisierung nichts spreche, das Problem sei die Kommerzialisierung und der Zwang wo es geht Erlöse zu erzielen. „Der Patient ist aber eben kein Kunde, sondern er braucht Fürsorge“, konstatierte Kladny. Dass die Pflege derzeit abgekoppelt von der Behandlung sei, „ist nicht gut“. Es könne auch nicht sein, dass Fachbereiche, die mehr Geld einspielten, in den Kliniken ein besseres Standing hätten als die weniger ertragreichen oder defizitären. „Der Arztberuf ist kein Gewerbe“, betonte er.

Lösungsansätze, wie der Plan Lauterbachs 20 bis 25 Prozent der Behandlungen in die ambulante Leistungserbringung zu transferieren, „helfen uns auch nicht sofort“, so Kladny weiter. „Wir brauchen jetzt eine Entlastung der Pflege, indem etwa anderen Berufsgruppen wie Ergo- und Physiotherapeuten Aufgaben übertragen werden und dies auch in der Personalbemessung anerkannt wird“, forderte er. „Damit wir auch in zehn Jahren noch unsere wichtige Rolle für die alternde Bevölkerung erfüllen können, müssen Über- und Fehlregulierungen abgebaut werden.“

Darüber hinaus stelle vor allem der Fachkräftemangel ein drängendes Zukunftsproblem dar. „Die Facharztausbildung zum Orthopäden/Unfallchirurgen dauert sechs Jahre und kann dennoch kaum die enorme Breite des Fachs abbilden“, so Kladny. „Hier gilt es, den enormen Zeit- und Personalaufwand der Weiterbildung adäquat abzubilden.“ Auch reduzierten neue Lebensmodelle und Wunsch nach mehr Teilzeit den potenziellen Personaleinsatz der Zukunft – dies gelte es bei der Planung künftiger Versorgung dringend zu beachten.

Weitere Themen, die auf eine Verschlechterung der Versorgung in O&U hindeuten, stellten der stellvertretende DGOU Generalsekretär Prof. Dietmar Pennig vor, der darüber berichtete, wie die EU-Medizinprodukteverordnung eine sinnvolle Implantatversorgung erschwert, sowie der Präsident des Berufsverbandes für Orthopädie und Unfallchirurgie (BVOU), Dr. Burkhard Lembeck, der eine Reform der ambulanten Notfallversorgung anmahnte, um deren Kollaps zu verhindern. (hr)