Patientenversorgung unter Druck – Ärzte kritisieren zunehmende Kommerzialisierung der Medizin21. November 2018 © ipopba, fotolia.com Auf der Tagung “BÄK im Dialog – Patientenversorgung unter Druck” am 17. November diskutierten Vertreter aus Klinik und Praxis sowie aus Wissenschaft, Wirtschaft und Selbstverwaltung über die Dimension und Folgen der Kommerzialisierung im deutschen Gesundheitswesen sowie den Umgang mit ihr. Die BÄK fasst Thesen und Aussagen zusammen. “Ökonomisches Handeln hat in unserem Gesundheitswesen seine Berechtigung. Aber die Ökonomie muss den Zielen der Medizin dienen – und nicht umgekehrt.” Das sagte der Präsident der Bundesärztekammer (BÄK), Prof. Frank Ulrich Montgomery, zur Eröffnung der Tagung in Berlin. “Eine qualitativ hochwertige Versorgung in Stadt und Land bedingt, dass Monopole vermieden und der freiberufliche Charakter der ärztlichen Tätigkeit sowie die Wahlfreiheit der Patienten erhalten werden”, erklärte Montgomery mit Blick auf Übernahmen von Gesundheitseinrichtungen durch sogenannte Private-Equity-Gesellschaften. “Wir brauchen Regelungen, mit denen die Größe von Medizinischen Versorgungszentren (MVZ) und Ketten auf ein für die Versorgung sinnvolles Maß begrenzt wird. Vorstellbar ist auch eine zeitliche Begrenzung der Zulassung von MVZ.” Deutschland sei erst am Anfang einer Entwicklung, die in anderen Ländern schon weiter fortgeschritten ist, berichtete Dr. Franz-Robert Klingan von der Unternehmensberatung Bain & Company. “Viele Private-Equity-Fonds wollen die Wachstumschancen in der Gesundheitsbranche nutzen, die sich aus der Demografie, dem anhaltenden Kostendruck und der eingesetzten Konsolidierung ergeben.” Aus seiner Sicht wird Regulierung im Gesundheitswesen auch weiterhin eine große Rolle spielen. Sie wird sich aber an den Bedürfnissen der Beteiligten orientieren müssen, um qualitätsgerechte Versorgung zu sichern. Prof. Georg Marckmann, Vorstand des Instituts für Ethik, Geschichte und Theorie der Medizin der Ludwig-Maximilians-Universität München, forderte eine “ethisch verantwortete Ökonomie”. Dies bedürfe einer konzertierten Aktion von Gesundheitspolitik, Krankenhausträgern und Ärzteschaft. Wie sich die zunehmende Ökonomisierung in der Medizin auf besonders schutzbedürftige Patientengruppen auswirkt, erläuterte Dr. Annic Weyersberg vom “Cologne Center for Ethics, Rights, Economics, and Social Sciences of Health” der Universität zu Köln am Beispiel der Kinderheilkunde. Die mehrdimensionale Vulnerabilität von Kindern verlange ein besonderes Maß an Fürsorge und Gesundheitsförderung. Ausreichende Sicherstellungszuschläge sowie eine Anpassung des Fallpauschalensystems in den Kliniken sind aus ihrer Sicht mögliche Wege. Auch Prof. Paul Ulrich Unschuld von der Charité – Universitätsmedizin Berlin warnte vor den Folgen der Kommerzialisierung: “Das System droht zu entgleisen.” Diagnose, Therapie und auch die Prävention würden zunehmend dem Diktat einer Industrialisierung der Abläufe und der Strukturen unterworfen. “Für uns klinisch tätige Ärzte ist der ökonomische Druck durch Benchmarking und Zielvorgaben sowie Arbeitsverdichtung und Personalabbau täglich spürbar”, berichtete BÄK-Vorstandsmitglied Dr. Susanne Johna. Sie forderte einen “Strategiewechsel” der Politik. Der Fokus müsse auf eine bedarfsorientierte Versorgung, statt auf die Reduktion der Kosten gelegt werden. Ihre BÄK-Vorstandskollegin Dr. Heidrun Gitter ging auf sogenannte Zielvereinbarungen in Chefarztverträgen ein und berichtete über die Arbeit der eigens hierfür eingerichteten Koordinierungsstelle bei der Bundesärztekammer. “Zielvereinbarungen können sinnvoll sein, etwa wenn sie die Verbesserung der Versorgungsqualität und der Abläufe oder die Nutzung von Beinahe-Fehlermeldesystemen zum Inhalt haben. Problematisch wird es dann, wenn Zielvereinbarungen dazu führen, dass ärztliche Entscheidungen zu Lasten des Patienten beeinflusst werden.” Dr. Ellen Lundershausen, ebenfalls Mitglied im Vorstand der Bundesärztekammer, richtete den Blick auch auf die eigenen Reihen und appellierte an die Chefärzte und Weiterbilder, Haltung zu zeigen. “Wenn junge Ärzte einen kritischen Chef haben, werden sie selbst einmal kritischer gegenüber der Geschäftsführung auftreten”, sagte sie.
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