PCR-Test-Ressourcen richtig einsetzen14. Oktober 2020 Foto: © Microgen – Adobe Stock Der Berufsverband der Akkreditierten Medizinischen Labore (ALM) e. V und der Berufsverband Deutscher Laborärzte (BDL) sprechen sich für gezielte SARS-CoV-2-Tests aus. Bei den Mitgliedern des ALM e.V. und in der Verbands-Geschäftsstelle laufen derzeit die Telefone heiß. Das Beherbergungsverbot und die von Landesregierungen der Bevölkerung versprochenen PCR-Tests zu Aufhebung desselben hinterlassen Unverständnis und viele Fragen bei Betroffenen und auch in den Medien. In den fachärztlichen Laboren sorgt es für zunehmende Unruhe über die nicht notwendige, vermehrte Auslastung: „Seit dem Beschluss der Ministerpräsidenten der Länder zum Beherbergungsverbot, das in einigen Bundesländern mit einen negativen SARS-CoV-2-PCR-Test umgangen werden kann, hat die Inanspruchnahme dieser Tests in Berlin und anderen Hotspots seit Freitag sprunghaft zugenommen“, sagt Dr. Michael Müller. Der 1. Vorsitzende der Akkreditierten Labore in der Medizin – ALM e.V. ergänzt: „Das gilt im Übrigen nicht für Berlin allein, sondern für alle ähnlich betroffenen Städte und Ballungsräume. Wir verstehen diese Maßnahme nicht und können nicht erkennen, wie damit das COVID-19-Infektionsgeschehen beeinflusst werden soll. Da hat eine Person aus einem innerdeutschen Risikogebiet für die Hotelübernachtung einen Test vorzulegen, darf jedoch privat überall übernachten und ist als Politiker oder Berufsausübender auch noch vom Testen befreit. Wer soll so widersprüchliche Regeln verstehen?“ so Müller. Der ALM-Vorsitzende verweist auf viele Tausend Anrufe von Bürgerinnen und Bürgern seit vergangenem Donnerstag. Die Zahl der SARS-CoV2-PCR-Tests stieg in der vergangenen Woche mit 1.069.048 Tests wieder entsprechend stark – um 7 Prozent im Vergleich zur Vorwoche. Die Anzahl positiver Tests betrug dabei 26.835. Das entspricht einer Steigerung von 62 Prozent, ein Abbild des dynamischen und steigenden Infektionsgeschehens. Die regional unterschiedliche und teilweise überproportionale Belastung der Labore führte dann auch zu einem deutlich zunehmenden Rückstau von 16.829 Tests. Die Positivrate liegt mittlerweile bei 2,5 Prozent. Die Testkapazität liegt weiterhin bei rund 1,375 Millionen Tests pro Woche. Von den die PCR-Kapazitäten entlastenden Antigentests ist in der Versorgung noch kein wesentlicher Effekt zu spüren. Millionen Bürger werden zu Bewohnern von Risikogebieten Die Entscheidungen der vergangenen Woche haben Spuren hinterlassen: Mittlerweile sind nach Angaben der ARD rund 13 Millionen Menschen plötzlich zu Einwohnern von Risikogebieten geworden. Dazu gehören Berlin, Frankfurt, München, Bremen, Essen, Düsseldorf und Stuttgart. Täglich kommen weitere Städte und Regionen hinzu. Viele Menschen versuchen nun verständlicherweise, durch das so genannte „Freitesten“ ihren Herbsturlaub zu retten. „Dadurch wird bei ohnehin stark ausgelasteten Laborkapazitäten das Testen von Infizierten, Kontaktpersonen und vulnerablen Gruppen noch deutlich erschwert, weil die Testressourcen für diese anlasslosen, inländischen Urlaubsreisetests verwendet werden“, erklärt Evangelos Kotsopoulos, Vorstand im ALM e.V. „Aus der Vergangenheit des anlasslosen Testens im Sommer wissen wir, dass es keinerlei Evidenz für die Wirksamkeit einer solchen Strategie gibt“, stellt Müller fest. Diese Auffassung vertrat kürzlich auch Dr. Andreas Gassen. Der Vorsitzende der Kassenärztlichen Vereinigung warnte in der ARD Tagesschau schon vor dem vergangenen Wochenende: „Die Reisebeschränkungen sind zur Pandemiebekämpfung überflüssig und auch nicht umzusetzen.“ Innerdeutsche Reisen seien lediglich eine „Pseudo-Gefahr“, sagte Gassen. ALM kritisiert die Verschwendung von PCR-Test-Ressourcen Der ALM e.V. kritisiert, dass ohnehin schon knappe Ressourcen unnötig verschwendet werden: „Die Zeitspanne von 24 Stunden für kritische Tests und von 48 Stunden für die Urlaubsreisetests kann vor diesem Hintergrund zunehmend weniger eingehalten werden“, weiß Dr. Michael Müller. „Das kann sicherlich nicht das Ansinnen der verantwortlichen Politikerinnen und Politiker der Länder sein. Die Bürgerinnen und Bürger wünschen sich einfach zu verstehende und einzuhaltende Regeln. Dazu gehört insbesondere die „AHA + L + C-Regel“ (Abstand, Hygiene, Alltagsmaske, Lüften und Corona Warn-App). Hinzu kommt: Die schnelle Einführung der Antigentests in der Versorgung bedarf noch etwas Zeit. Empfehlung für Handhabung der Antigentests werden aktuell erarbeitet Darauf hatte der ALM e.V. bereits im Vorfeld mehrfach hingewiesen: „Diagnostisch effiziente Antigentests, die im Falle von PoC-Testen für den Vor-Ort-Einsatz auch sicher und einfach zu handhaben sein sollten, können die Fachärztinnen und Fachärzte im Labor unterstützen und auch den Ärztinnen und Ärzte in der Praxis bei besonderen Fragestellung eine Hilfestellung sein“, betonte Müller bereits vergangene Woche in der ALM-Pressekonferenz. Die Empfehlungen für die Handhabung würden aktuell erarbeitet, um so die PCR-Kapazitäten zu entlasten. Eine unkritische Anwendung der Antigentests in der Arztpraxis könne dazu führen, dass Infektionen mit SARS-CoV-2 nicht erkannt werden, da die Antigentests eine geringere Empfindlichkeit im Vergleich zur PCR haben. Man müsse sich noch gedulden, bis die angekündigten Empfehlungen aus RKI und PEI (Paul-Ehrlich-Institut) vorlägen. Wir brauchen eine verständliche Kommunikation und klare Priorisierung Auch darauf weist der ALM e.V. hin: „Bei allem Verständnis für länderspezifische oder gar regionale Besonderheiten sind eine verständliche Kommunikation und eine klare Priorisierung von Testungen in Abhängigkeit von verfügbaren Ressourcen im Blick zu behalten“, so Müller: „So sieht es die Nationale Teststrategie vor. Ansonsten führen die Regelungen zu Unmut oder gar ins Leere, weil die Akzeptanz in der Bevölkerung insgesamt zu schwinden droht.“ Kotsopoulos ergänzt: „Wir haben es jetzt so gut geschafft, in dieser uns alle betreffenden Pandemie gemeinsam die Infektionszahlen niedrig zu halten und so das Gesundheitssystem erfolgreich vor der Überlastung zu schützen und galten sogar als Vorbild für andere Länder. Die Länderregierungen sollten die Bundesregierung dabei unterstützen, an dieser bisher gut geübten, umsichtigen und nachhaltigen Praxis festzuhalten.“ BDL: Gezielter testen, Qualität sichern, Krisenreaktionskräfte schonen In der zweiten Welle der COVID-19-Pandemie müssen die Coronavirus-Testkapazitäten wieder gezielter eingesetzt werden, um eine Überlastung des Gesundheitssystems zu verhindern. Auf Antigentests soll nur zurückgegriffen werden, wenn das Standard-Testverfahren PCR im medizinischen Labor voll ausgelastet ist. Auf allen Ebenen gilt es, die Krisenreaktionskräfte des deutschen Gesundheitssystems durch präventive Maßnahmen zu schützen. Das sind die Kernforderungen des Berufsverbandes Deutscher Laborärzte (BDL) für die neue nationale Teststrategie, die zum 15. Oktober in Kraft treten soll. Die deutschen Laborärzte fordern, dass weiterhin ärztliche Expertise darüber entscheidet, wer getestet wird und wer nicht. Die Kräfte der Mitarbeiter in Praxen, Kliniken und öffentlichem Gesundheitsdienst müssten geschont werden, statt sie mit Massentests zu erschöpfen. Dazu betont der BDL-Vorsitzende Dr. Andreas Bobrowski, in der ersten Welle der COVID-19-Pandemie hätten die beauftragenden Ärzte in den Praxen und Krankenhäusern sichergestellt, dass die medizinischen Labore besonders gefährdete Gruppen oder medizinisches Personal jederzeit testen könnten. „Diese Gruppen dürfen wir nicht aus dem Blick verlieren. Unser arbeitsteiliges Gesundheitssystem mit zwei starken, gut verzahnten Sektoren hat dafür gesorgt, dass das medizinische Fachpersonal optimal eingesetzt wird: Die Arztpraxen müssen die erste Anlaufstelle für Verdachtsfälle bleiben, Testzentren können bei der Durchführung der Tests entlasten, die Krankenhäuser versorgen die schwer Erkrankten. Alle Patientinnen und Patienten müssen sich darauf verlassen können, dass wir uns um das gesamte Krankheitsgeschehen und nicht nur um die Pandemie kümmern“, so der Lübecker Laborarzt. Bobrowski fordert, dass Antigentests nur von dafür ausgebildetem Fachpersonal im medizinischen Labor durchgeführt werden. „Die Qualitätsanforderungen an die Coronavirus-Diagnostik lassen es nicht zu, dass angelernte Personen bei der anerkannten Überlastungssituation in den Altersheimen Antigentests durchführen.“ Gleiches gelte für die Schulen. Auch die Sicherheitsanforderungen an die Testumgebung könnten dort nicht erfüllt werden. Mögliche Fehldiagnosen und weitere Infektionen vor Ort und in der allgemeinen Bevölkerung seien zu befürchten. Der Lübecker Laborarzt weist zudem darauf hin, dass die 14-tägige strikte Quarantäne für Infizierte auf ein ärztliches Zeugnis hin angeordnet wird: „Falls mit den neuen Antigentests berechtige Zweifel an der Qualität der Infektionsdiagnostik aufkommen, sinkt die Bereitschaft, die strikte Quarantäne einzuhalten.“ Für die Durchführung von Antigentests nur bei Kapazitätsüberlastung und nur im medizinischen Labor spreche auch die bewährte Arbeitsorganisation im Gesundheitswesen, so Bobrowski: „Die Arbeitsteiligkeit zwischen Haus- und Fachärzten einerseits und den diagnostischen Fächern andererseits gehört zu den herausragenden Stärken des deutschen Gesundheitssystems. Dieses Qualitätsmerkmal gilt es zu erhalten, um Ressourcen für ärztliche Anamnese, Beratung und Therapie zu sichern.“ Der BDL erinnert daran, dass Antigentests derzeit bei weitem nicht so zuverlässig sind wie die bewährten PCR-Tests. Daher könnten Antigentests bestenfalls dort entlasten, wo die PCR-Kapazitäten voll ausgeschöpft werden. Zumindest jeder positive Antigentest müsse durch einen PCR-Test abgesichert werden. Zudem solle das Antigen-Verfahren nicht für Hochrisikopatienten und medizinisches Personal eingesetzt werden. Um die nationale Teststrategie weiterzuentwickeln, fordert der BDL eine zweite Werbekampagne für die Corona-Warn-App. Die App sei ein Beitrag zu effektiverem Testen, da sie Personen identifiziert, die das Virus weitertragen könnten. Der BDL erneuert seine Forderung nach einer Umstellung auf das Opt-Out-Verfahren. Damit würde jeder, der beim Download der App nicht ausdrücklich widerspricht, sein Einverständnis geben, dass im Infektionsfall Kontaktpersonen über die App gewarnt werden. Die Stellungnahmen des BDL zu den aktuell geplanten Änderungen der SARS-CoV-2-Testverordnungen finden Sie hier: https://www.bdlev.de/seite/485044/stellungnahmen-sars-cov-2-testverordnungen.htm
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