Peripher oder nicht peripher? – Schwindel besser unterscheiden

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Ein neuartiges Klassifizierungsmodell für den bilateralen Video-Kopfimpulstest verbessert die Unterscheidung zwischen nicht peripherem und peripherem Schwindel.

Die korrekte Diagnose von Schwindel ist nach wie vor herausfordernd. Nicht immer lässt sich einfach zwischen gutartigen peripheren Ursachen und potenziell lebensbedrohlichen zentralen Ursachen unterscheiden. Der Video-Kopfimpulstest (vHIT) ist ein wichtiges Instrument zur Beurteilung des vestibulookulären Reflexes. Allerdings können seine Standardparameter in komplexen Fällen mitunter zu uneindeutigen Ergebnissen führen.

Jetzt präsentiert eine Arbeit von Fei Li vom Institut für Hals-Nasen-Ohrenheilkunde und Otolaryngologie des Eye & ENT Hospital der Fudan Universität in Shanghai (China) und Kollegen ein neues Analysemodell zur Interpretation der Ergebnisse des bilateralen vHIT (B-vHIT). Seine Ergebnisse hat Lis Team in „ENT Discovery“ veröffentlicht. Der Artikel ist im Volltext frei verfügbar.

Erste Validierung vielversprechend

Das neue Protokoll geht über einfache Verstärkungsmessungen hinaus: Stattdessen integriert es eine Multiparameteranalyse von Sakkadenmustern, Asymmetrie und Dynamik. Diese Analyse diente als Basis für ein differenziertes Klassifikationsmodell. Eine erste Validierung liegt vor: Im Vergleich zu herkömmlichen Interpretationsmethoden zeigte das Modell überlegene Spezifität und Sensitivität bei der korrekten Identifizierung der Ursache vestibulärer Pathologien.

Für ihre Studie ermittelten die Autoren zunächst die Normwerte einer Kohorte von 46 gesunden Probanden, die sich einem B-vHIT unterzogen hatten. Parallel dazu wurden 104 Patienten mit akutem Schwindel (Beginn ≤ 72 Stunden) mittels B-vHIT und Protokoll des Head-Impulse-Test, Nystagmus und Test of Skew (HINTS) untersucht. Die B-vHIT-Parameter analysierten die Forschenden anhand bildgebend gestützter klinischer Diagnosen. Anschließend verglichen die Autoren die Ergebnisse mit den HINTS-Ergebnissen. Das Studienteam schlägt in seiner Arbeit ein Modell mit vier Kategorien zur Differenzierung zwischen nicht peripherem und peripherem Schwindel vor.

Unterscheidung von Schwindel-Ursachen: Sensitivität und Spezifität des neuen Protokolls

Li et al. konnten signifikante Unterschiede in der interokularen Verstärkungsasymmetrie (χ² = 68,381, p < 0,001) und der interokularen Verstärkungsdifferenz (χ² = 50,187, p < 0,001) zwischen den Gruppen beobachten. Daraus ergab sich ein hierarchisches Muster: Dabei wies die Gruppe mit peripherem Schwindel aufgrund einer Ophthalmoplegie die höchsten Werte auf. Danach folgten Patienten mit zentralem und peripherem Schwindel sowie die Kontrollgruppe.

Ein Asymmetrie-Schwellenwert von weniger als 16 in Kombination mit einem Differenz-Schwellenwert von weniger als 0,2 erreichte eine Sensitivität von 86,4 Prozent bei der Unterscheidung zwischen Ursachen für nicht peripheren und peripheren Schwindel. Die Spezifität lag dabei bei 89,2 Prozent. Die Muster vom Typ I (Verstärkung -, Differenz -) und Typ IV (Verstärkung +, Differenz +) zeigten hohe Spezifität (99 %) und Sensitivität (79 %) für die Identifizierung von nicht peripherem Schwindel.

Bessere diagnostische Genauigkeit? – Weitere Studien sind nötig

Nach Einschätzung der Studienautoren kann der B-vHIT als nützliches Instrument zur Unterscheidung zweier Schwindelarten dienen. Sie plädieren aber auch dafür, das Klassifizierungsmodell, das Verstärkung und Differenz integriert, weiter zu untersuchen.

Ob eine Implementierung dieses Ansatzes eine verbesserte diagnostische Genauigkeit in der Notfall- und ambulanten Versorgung verspricht, muss sich erst noch zeigen. Das könnten groß angelegte, multizentrische Validierungsstudien leisten. Sie könnten den klinischen Nutzen untermauern und dabei helfen, das Verfahren in bestehende Diagnoseprozesse zu integrieren. (ja/BIERMANN)