Phantomschmerzen: Systematische Übersichtsarbeit bezweifelt Effektivität der Spiegeltherapie

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Ein aktueller systematischer Review französischer Wissenschaftler findet keine hinreichende Evidenz für die Spiegeltherapie zur Linderung von Phantomschmerzen. Der Unterschied zu vorherigen Metaanalysen: Die Studien­autoren beschränkten sich in ihrer Auswertung ausschließlich auf randomisierte kontrollierte Studien mit dem „besten Level an Evidenz“.

Phantomschmerzen betreffen mehr als 50 Prozent der Menschen, denen eine Extremität amputiert wurde. Sie wirken sich negativ auf Rehabilitation, psychische Gesundheit und Lebensqualität der Betroffenen aus. Bislang wurde die Spiegeltherapie als eine vielversprechende Strategie gegen den neuropathischen Schmerz angesehen – ihre Wirksamkeit bleibt aber umstritten.

Vorherige Metaanalysen kamen zu dem Schluss, dass die Spiegeltherapie bei der Linderung von Phantomschmerzen wirksam ist. Eine neue systematische Übersichtsarbeit einer französischen Studien­gruppe fand nun keine hinreichende Evidenz für die Spiegeltherapie zur Linderung von Phantomschmerzen.

Die Studien, die in die Metaanalyse einfließen sollten, identifizierten die Forschenden bei der Suche in fünf Datenbanken (Medline, Cochrane Library, CINAHL, PEDro und Embase). Geeignete Studien schlossen Patienten mit Phantomschmerzen aufgrund einer einseitigen Amputation der unteren oder oberen Gliedmaßen ein und verglichen die Auswirkungen einer Spiegel­therapie mit der einer Placebotherapie. Neben dem direkten Effekt auf die Schmerz­intensität (primärer Endpunkt) bewerteten Matthieu Guémann und Kollegen auch Dauer und Häufigkeit der Phantomschmerzen sowie Veränderungen in Behinderung und Lebensqualität der Patienten (sekundäre Endpunkte).

Von fünf geeigneten eingeschlossenen Studien wies nur eine einen signifikanten Unterschied zwischen der Spiegeltherapiegruppe und der Kontroll­gruppe auf, mit einem positiven Effekt der Intervention in Woche 4. Nur eine Studie untersuchte die Auswirkungen der Spiegeltherapie auf die Behinderung und stellte eine signifikante Verbesserung in der Interventionsgruppe nach zehn Wochen und sechs Monaten fest.

„Unsere systematische Übersichtsarbeit ließ nicht den Schluss zu, dass die Spiegeltherapie Phantomschmerzen und Behinderung bei Amputierten verringert“, lautet die Conclusio von Guémann et al. Sie führen den Mangel an aussagekräftiger Evidenz einerseits auf die geringe methodische Qualität der eingeschlossenen Studien zurück, andererseits auf die mangelnde statistische Aussagekraft.

Zur Verbesserung der Evidenzlage schlagen sie für künftige Studien vor, eine größere Anzahl von Patienten einzuschließen, die Anzahl und Häufigkeit der Spiegeltherapie-Sitzungen zu erhöhen, eine langfristige Nachbeobachtung vorzusehen und die methodische Qualität allgemein zu verbessern – beispielsweise durch Verringerung der Heterogenität innerhalb der Gruppen und Verwendung eines geeigneten Placebos. (ah)