Präklinische Forschung zu Nerventumoren21. September 2020 Nach Nervenschädigungen teilen sich Schwannzellen und unterstützen die Regeneration. Neuregulin 1 (Nrg1) auf (regenerierten) Nerven beendet die Teilung. Fehlt Nrg1, teilen sich Zellen weiter und formen Tumore. Behandlung mit löslichem Nrg1 hemmt dies., Lars Björn Riecken / FLI, (Grafik: Lars Björn Riecken/FLI) Die Forschungsgruppe um Prof. Helen Morrison vom Leibniz-Institut für Alternsforschung – Fritz-Lipmann-Institut (FLI) in Jena konnte kürzlich einen Wirkstoff identifizieren, der das Wachstum von Schwannomen hemmt und dabei auch die Nervenfunktionen verbessert. In einem neuen Projekt führt die Gruppe mit Partnern nun eine präklinische Studie durch. Diese fördert das BMBF mit einer Summe von 1,45 Millionen Euro über drei Jahre. Infolge von Nervenschädigungen teilen sich Schwannzellen, um die Regeneration in ausreichender Zahl zu unterstützen. Wird die Zellteilung jedoch nicht zeitlich begrenzt, vermehren sich Schwannzellen unkontrolliert weiter und bilden Tumore. Diese komprimieren durch ihr Wachstum Nervenzellen und verursachen so Fehlfunktionen wie Schmerzen und Lähmungserscheinungen. Schwannome treten häufig im Zusammenhang mit der Erbkrankheit Neurofibromatose Typ 2 (NF2) auf, in deren Verlauf es zu einem unkontrollierten Wachstum von Nerven- und Bindegewebe kommt, insbesondere im Bereich des achten Hirnnervs. Häufige Symptome sind folglich der Verlust von Hör- und Gleichgewichtssinn. Prof. Helen Morrison und ihre Forschungsgruppe „Nervenregeneration“ am Leibniz-Institut für Alternsforschung – Fritz-Lipmann-Institut (FLI) in Jena untersuchen unter anderem die Rolle von Schwannzellen im peripheren Nervensystem. Dabei konnten sie ein Molekül identifizieren, das das Wachstum von Schwannomen hemmt. Das Protein Neuregulin 1 (Nrg1) kommt natürlich im Körper vor und bewirkt eine Differenzierung der Schwannzellen, auch nach erfolgter Regeneration. Bei der Erbkrankheit NF2 und vermutlich weiteren Schwannomen ist Nrg1 allerdings stark reduziert. Ohne dieses Stoppsignal differenzieren Schwannzellen jedoch nicht mehr, sondern teilen sich weiter und bilden Tumore. Die Behandlungsmöglichkeiten sind limitiert. Zumeist erfolgt eine chirurgische Entfernung, die jedoch oft den Nerv zusätzlich schädigt und eine hohe Rückfallrate zur Folge hat. Neue Ansätze sind dringend notwendig, um die Therapie und Lebensqualität von Patienten zu verbessern. Dass Nrg1 das Wachstum von Schwannomen hemmt und die Nervenfunktion verbessert, konnte die Gruppe um Morrison bereits im Mausmodell zeigen. Ziel des aktuellen Projekts ist die Weiterentwicklung des Ansatzes für die klinische Anwendung. Vorherige Studien zu Herzerkrankungen stuften die Substanz bereits als sicher für die Verwendung beim Menschen ein. Nun konnte die Gruppe erfolgreich Fördermittel für eine präklinische, multizentrische Verbundstudie einwerben. Ab August 2020 unterstützt das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) das Vorhaben über drei Jahre mit einer Summe von 1,45 Millionen Euro – rund 732.000 Euro davon gehen an das FLI. Tierexperimentelle Studie nach Standards klinischer Patientenstudien „Wir freuen uns sehr über diese Förderung und die damit vermittelte Bestätigung unserer Forschung“, sagt Morrison, die langjährige Erfahrung in der Erforschung der Erbkrankheit NF2 hat. „Zusammen mit unseren Partnern hoffen wir, zur Entwicklung eines Wirkstoffes beitragen und Betroffenen helfen zu können.“ Unter der Leitung von Morrison vom FLI sind außerdem Dr. Robert Fledrich und Dr. Ruth Stassart vom Universitätsklinikum Leipzig sowie Prof. Reinhard Bauer vom Institut für Molekulare Zellbiologie am Universitätsklinikum Jena beteiligt. Neuartig ist, dass die Experimente sich an Standards klinischer Patientenstudien orientieren: Registrierte, parallele Versuche mit Studienprotokoll werden in den drei Zentren randomisiert, verblindet und unabhängig durchgeführt; das Studiendesign sowie die statistische Auswertung der Daten erfolgt(e) unabhängig durch das Team um Prof. André Scherag vom Institut für Medizinische Statistik, Informatik und Datenwissenschaften des Universitätsklinikums Jenas. Diese Maßnahmen erhöhen die Aussagekraft der Studie enorm. Zusätzlich unterstützt wird der Verbund durch eine geförderte Mitgliedschaft in der „TMF – Technologie- und Methodenplattform für die vernetzte medizinische Forschung e.V.“, die für einen breiten Austausch mit methodischen Experten im Bereich medizinischer Verbundforschung sorgen wird (z.B. Datenmanagement). Allen Projekten der aktuellen BMBF Förderlinie steht außerdem das Projekt „DECIDE“ der Charité beratend zur Seite. „Wir freuen uns auf die Zusammenarbeit mit den verschiedenen Experten, um entsprechende Standards auf unsere präklinische Studie anzuwenden“, sagt Morrison.
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