Prävention und Therapie von Adipositas: Leopoldina veröffentlicht Empfehlungen

In einem aktuellen Positionspapier geben Expertinnen und Experten der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina strategische Empfehlungen zur Prävention und Therapie von Adipositas. (Symbolfoto: ©ANASTASIIA/stock.adobe.com)

Krankhaftes Übergewicht ist nicht nur ein Schönheitsproblem, sondern eine ernst zu nehmende Erkrankung, heben Experten der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina hervor. Sie haben Empfehlungen erarbeitet, wie den steigenden Adipositas-Zahlen begegnet werden sollte.

Jedes sechste Kind, zwei Drittel der Männer und die Hälfte der Frauen leiden in Deutschland an Übergewicht oder starkem Übergewicht. Ab einem Body-Mass-Index (BMI) von 30 kg/m² ist die Rede von Adipositas. Die komplexe und weit verbreitete chronische Erkrankung kann zu schweren Folgeerkrankungen wie Herzinfarkt, Diabetes oder Krebs führen. Hinzu kommt, dass Adipositas große soziale Auswirkungen hat, mit Diskriminierung verbunden ist und gesellschaftliche Teilhabe erschwert. Die Zahlen steigen – Fachgesellschaften sprechen gar von einer „Adipositas-Epidemie“.

Eine Arbeitsgruppe der Natio­nalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina schlägt nun Strategien zur Eindämmung von Adipositas vor. Diese erschienen am 21. Januar in einem Policy Brief in der Reihe „Leopoldina Fokus“. Die beteiligten Autoren empfehlen, Maßnahmen zur Prävention und Therapie zu verbinden, bspw. durch Abgaben auf stark zucker- oder fetthaltige Lebensmittel und eine bessere Zugänglichkeit zu Adipositas-Medikamenten wie der Abnehmspritze.

Zuckersteuer und Präventionsinitiative

Der Policy Brief stellt dar, wie starkes Übergewicht nicht nur schwere Folgeerkrankungen bedingen kann, sondern dadurch auch hohe gesamtgesellschaftliche Kosten verursacht. Laut den Autoren lassen sich die Folge­kosten auf zwei bis drei Prozent des deutschen Bruttoinlandsproduktes schätzen, also ca. 113 Mrd. Euro. Durch eine Kombination von Präventionsmaßnahmen und neuen Therapieansätzen ließen sich Kosten sparen bzw. hohe Gesundheits­gewinne erzielen.

Zur Vermeidung von Adipositas schlagen die Autoren frühe Präventionsmaßnahmen vor, die bereits in der Schwangerschaft oder in Kitas ansetzen, bspw. durch die Vermittlung von Gesundheits- und Bewegungskompetenzen. Sie empfehlen zudem regulatorische Maßnahmen wie Abgaben auf stark zucker- oder fetthaltige Lebensmittel. Solche auch als „Zuckersteuer“ bekannten Abgaben haben in anderen Ländern wie im Vereinigten Königreich bereits Wirkung erzielt. Maßnahmen dieser Art könnten auch durch eine Verringerung der Abgaben auf gesunde Lebensmittel begleitet werden. Die Autoren des Policy Briefs sprechen sich zudem für eine nationale Adipositas-Präventionsinitiative aus, die Maßnahmen ressortübergreifend koordiniert und die Datengrundlage zur Adipositas verbessert.

Adipositas-Medikamente für Betroffene verfügbar machen

Um Adipositas-Patienten effektiv zu behandeln, betonen die Experten, dass verschiedene Therapieformen individuell aufeinander abgestimmt werden sollten. Dazu zählen die Verschreibung von Abnehm-Medikamenten, Lifestyle-Interventionen wie Gesundheitsverhaltenstrainings, psychologische Unterstützung oder – wo nötig – chirurgische Eingriffe wie Magen-Bypässe.

Inkretinmimetika unterstützen in Form von Abnehmspritzen laut Leopoldina beim Gewichtsverlust und vermeiden Begleiterkrankungen wie Typ-2-Diabetes. Die Medikamente sind bislang jedoch kaum für Adipositas-Betroffene verfügbar. Derzeit verhindert die deutsche Gesetzgebung, dass die Kosten der Inkretinmimetika für die Adipositas-Behandlung von den Krankenkassen übernommen werden. Die Autoren sprechen sich für eine Anpassung der ­Gesetzgebung aus, um moderne Adipo­sitas-Medikamente für alle betroffenen Bevölkerungsgruppen zugänglich zu machen.

Es sei an der Zeit, Adipositas als relevante Erkrankung anzuerkennen, die die öffentliche Gesundheit stark beeinträchtigt – und nicht als bloßes Lifestyle- und Schönheitsproblem anzusehen, hoben drei der Autoren bei der Vorstellung des Policy Briefs hervor.

(ah/BIERMANN)