Präventionsprogramm „Gutes Sehen in Pflegeeinrichtungen“ zieht Bilanz

Wenn die Brille zum guten Sehen nicht mehr reicht, kann dies ein Hinweis auf eine behandlungsbedürftige Augenerkrankung sein. Symbolbild: © alfa27 – Fotolia.com

Das  Präventionsprogramm „Gutes Sehen in Pflegeeinrichtungen“ hat eine erste Bilanz gezogen. Aufgrund der positiven Erfahrungen soll das Angebot künftig auf teilstationäre Pflegeeinrichtungen ausgeweitet werden.

Seit über einem Jahr ist das interdisziplinäre Präventionsteam des Blindeninstituts Würzburg in Bayern mit Unterstützung einiger Pflegekassen im Einsatz. In dieser Zeit konnten in 35 Pflegeeinrichtungen erste Schritte zur besseren Versorgung blinder und sehbeeinträchtigter Senioren angestoßen werden. „Ziel der Maßnahme ist es, den Mitarbeitern von Pflegeeinrichtungen, den Bewohnerinnen und Bewohnern sowie deren Angehörigen zu vermitteln, wie wichtig gutes Sehen ist“, erklärt das Blindeninstitut und teilt mit, dass das Projekt am 7. Juni mit dem dfg-Award (Anm. d. Red.: dfg = Dienst für Gesellschaftspolitik) in der Kategorie „Herausragende Struktur- und Prozessinnovation“ ausgezeichnet worden sei.

Im Rahmen der Augenüberprüfungen wurden im Auftaktjahr des Programms nach Angaben des Blindeninstitutes insgesamt 355 Senioren und Seniorinnen untersucht. Jeder zweite Bewohner wies Symptome behandlungsbedürftiger Augenerkrankungen auf und erhielt die Empfehlung, einen Augenarzt aufzusuchen. Auch die Erhebung der Sehleistung zeigt: Vier von fünf Bewohnern leiden unter einer Sehbeeinträchtigung, Sehbehinderung oder Blindheit (11 %). Mithilfe der richtigen Brille könnte rund ein Drittel der untersuchten Senioren jedoch wieder besser sehen. „Die Ergebnisse lassen keinen Zweifel daran, dass dringender Handlungsbedarf besteht“, betont die Leiterin des Präventionsprogramms, Sabine Kampmann. „Was die Senioren und Seniorinnen in den Pflegeeinrichtungen brauchen, ist eine regelmäßige Betreuung durch Augenärzte und Optiker.“

Unvermeidliche Alterserscheinung?
Seheinschränkungen entwickeln sich meist schleichend über Jahre hinweg. Auf einmal wird das Lesen der Tageszeitung zur Anstrengung, zunehmend erscheint das Sichtfeld eingeschränkt oder getrübt. Ein solches Nachlassen der Sehkraft wird gemeinhin als unvermeidliche Alterserscheinung angesehen. Oft werden die Auswirkungen toleriert oder unterschätzt. Dass sich eine Sehbeeinträchtigung durch die richtige Versorgung der Augen lindern und teilweise ausgleichen lässt, ist vielen nicht bewusst.

Auch in der Pflege, so das Blindeninstitut, habe der Aspekt der Augengesundheit bislang kaum eine Rolle gespielt. Um dies zu ändern, sei das Projekt „Gutes Sehen in vollstationären Pflegeeinrichtungen“ von bayerischen Pflegekassen als erstes kassenübergreifendes Präventionsprogramm gestartet und im Jahr 2017 mit einem Etat von rund 420.000 Euro ausgestattet worden. Weiterhin beteiligt seien die Pflegekassen der AOK Bayern, des BKK Landesverbandes Bayern, der IKK classic, der KKH Kaufmännischen Krankenkasse, der Knappschaft und der Sozialversicherung für Landwirtschaft, Forsten und Gartenbau – SVLFG als Landwirtschaftliche Pflegekasse.

Ermunterung zur Teilnahme
Das bayerische Gesundheits- und Pflegeministerium hatte im Vorfeld des Präventionsprojektes die Entwicklung eines Leitfadens durch das Blindeninstitut Würzburg mit vielen Tipps für die Gestaltung von Pflegeeinrichtungen mit 300.000 Euro gefördert. Bayerns Pflegeministerin Melanie Huml betonte: „Gutes Sehen im Alter ist ein wichtiger Baustein für ein selbstbestimmtes Leben und damit für eine höhere Lebensqualität. Ich freue mich daher sehr über den großen Erfolg des Präventionsprogramms des Blindeninstituts Würzburg, das von einigen Pflegekassen unterstützt wird. Es ist großartig, wie das interdisziplinäre Team des Blindeninstituts arbeitet. Damit künftig noch mehr pflegebedürftige Menschen von dem Projekt profitieren können, ermuntere ich weitere Pflegeeinrichtungen mitzumachen und an den Fortbildungen teilzunehmen.”

35 vollstationäre Pflegeeinrichtungen aus allen bayerischen Regierungsbezirken haben 2017 an der Maßnahme laut Mitteilung des Blindeninstituts teilgenommen und sich auf den Weg gemacht, zu einer „sehgerechten“ Pflegeeinrichtung zu werden. Im Rahmen der Mitarbeiterschulungen haben 779 Pflege- und Betreuungskräfte ihre Pflegeeinrichtung einmal durch die Augen eines Menschen mit Sehbehinderung gesehen und gelernt, auf deren individuelle Bedürfnisse einzugehen. Ein zusätzliches Beratungsangebot ermöglichte es darüber hinaus, Angehörige und weitere Interessierte über Augenerkrankungen, Hilfsmittel und sozialrechtliche Grundlagen im Zusammenhang des Sehens zu informieren.

Barrieren abgebaut
„Im Hinblick auf die Barrierefreiheit konnten Hürden identifiziert und abgebaut werden. Hinweise zur kontrastreichen Gestaltung und guten Beleuchtung wurden positiv aufgenommen und in vielen Fällen bereits umgesetzt“, berichtet das Blindeninstitut. So etwa im Diakonie-Seniorenhaus Mühlenpark in Kitzingen: Handläufe und Türen wurden mit farbigen Kontrasten, Flure mit einer besseren Beleuchtung und großen, einheitlichen Uhren ausgestattet. Auch das neue bunte Geschirr kann nun auf den hellen Tischen besser gesehen werden. „Die Teilnahme war für uns ein großer Gewinn. Kollegen, Bewohner und Angehörige teilen uns dies immer wieder mit. Dem gesamten Team des Präventionsprogramms kann ich für seine vielen und guten Hinweise nur danken“, resümiert Pflegeeinrichtungsleiter René Kinstle.

„Das Präventionsprogramm „Gutes Sehen in Pflegeeinrichtungen“ ist ein guter Wegbereiter, um die nötigen Impulse zu setzen und das Thema Sehen ins Bewusstsein zu rücken. 2018 wird die Präventionsmaßnahme fortgeführt und es ist beabsichtigt, das Programm auf teilstationäre Pflegeeinrichtungen auszuweiten“, betont das Blindeninstitut. Huml unterstreicht: „Erfreulich ist, dass das Blindeninstitut Würzburg und die finanzierenden Pflegekassen die bisherigen Erfahrungen auch in die Tagespflege einbringen. Dies ist ein wichtiger Schritt, da rund zwei Drittel der Menschen mit Pflegebedarf zu Hause leben. Sowohl für das persönliche als auch das finanzielle Engagement aller Beteiligten möchte ich mich herzlich bedanken.“

 

Pflegeeinrichtungen, die an dem kostenfreien Präventionsprogramm teilnehmen möchten, finden alle Informationen dazu auf der Webseite der Blindeninstitutsstiftung unter www.blindeninstitut.de/gutes-sehen

Quelle: Blindeninstitutsstiftung