Prognose nach akuter Hirnverletzung: Verborgenes Bewusstsein gibt Aufschluss

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Einer neuen Studie in „The Lancet Neurology“ zufolge hat die Analyse der Hirnströme mittels Elektroenzephalographie (EEG) das Potenzial, die Behandlung von Patienten mit akuten Hirnverletzungen, die nicht ansprechbar sind, völlig zu verändern.

Die Studie kommt zu dem Ergebnis, dass Anzeichen von verborgenem Bewusstsein – subtile Hirnströme, die mit dem EEG nachweisbar sind – der stärkste Prädiktor für die spätere Genesung von Patienten mit akuten Hirnverletzungen sind, die ansonsten völlig reaktionslos zu sein scheinen.

„Eine der schwierigsten Herausforderungen bei der Behandlung auf Intensivstation ist es, festzustellen, ob ein nicht ansprechbarer Patient mit einer Hirnverletzung wahrscheinlich wieder gesund wird, und diejenigen zu identifizieren, die am meisten von einer Rehabilitation profitieren könnten“, sagt der Leiter der Studie Jan Claassen, außerordentlicher Professor für Neurologie und Leiter der Neurologie auf der Intensivstation im Krankenhaus an der Columbia University Vagelos College of Physicians and Surgeons. Derzeit gäbe es keine zuverlässige Methode, um vorherzusagen, zu welcher Patientengruppe die Betroffenen gehören.

In einer früheren Studie fanden Claassen und Kollegen heraus, dass viele Patienten mit Hirnverletzung zwar physisch nicht auf verbale Befehle reagieren können, dass aber einige von ihnen als Reaktion auf diese Befehle Hirnströme erzeugen, was darauf hindeutet, dass sie über ein gewisses Maß an Bewusstsein verfügen. Dieser Zustand wird als kognitiv-motorische Dissoziation oder verdecktes Bewusstsein bezeichnet. Dieses kann mit Künstlicher Intelligenz (KI) erkannt werden, die auf Standard-EEG-Signale von bewusstlosen Patienten angewendet werden, die motorische Befehle hören. (Dieser KI-Algorithmus wurde von den Forschern zusammen mit ihrer früheren Veröffentlichung frei zugänglich gemacht). Die Studie ergab, dass Patienten mit verborgenem Bewusstsein eine höhere Wahrscheinlichkeit hatten, sich zu erholen. Aber die Studie war zu klein, um festzustellen, wie nützlich das EEG zusammen mit anderen bekannten Prädiktoren für die Vorhersage der Patientenergebnisse sein könnte.

„Wir fanden heraus, dass das verborgene Bewusstsein ein unabhängiger Prädiktor für die Genesung ist, stärker als jeder andere von uns untersuchte Faktor, einschließlich des Alters des Patienten, des anfänglichen Glasgow-Coma-Scale-Scores (ein Standardmaß für das Ausmaß der neurologischen Verletzung) oder der Ursache der Hirnverletzung“, sagt Claassen. „In Zukunft könnte die kognitiv-motorische Dissoziation ein weiterer Faktor sein, der bei der Beurteilung der Prognose eines Patienten zu berücksichtigen ist.“

Auf dieser Grundlage führte Classens Arbeitsgruppe eine neue Studie durch, an der eine größere Gruppe von Patienten teilnahm. Die Forscher gingen der Frage nach, ob das Vorhandensein von verborgenem Bewusstsein zuverlässig vorhersagen kann, welche Patienten in den nächsten 12 Monaten eine deutliche Erholung erfahren werden. Von 193 Patienten wurde bei 27 (14%) ein verborgenes Bewusstsein festgestellt. Diejenigen mit verborgenem Bewusstsein hatten durchweg höhere und schnellere Genesungsraten als diejenigen ohne ein solches. Innerhalb eines Jahres erholten sich 41 Prozent der Patienten mit verborgenem Bewusstsein vollständig, verglichen mit zehn Prozent der Patienten ohne solches. Bei den meisten Patienten mit verborgenem Bewusstsein trat die Besserung bereits nach drei Monaten ein, während es bei Patienten ohne verborgenes Bewusstsein viel länger dauerte, bis sie Anzeichen einer Besserung zeigten.

Derzeit verwenden nur wenige ausgewählte Zentren das EEG zur Untersuchung des verborgenen Bewusstseins und es ist ein erhebliches Maß an biomedizinischem Fachwissen erforderlich, wie Claassen ausführt. Sein Team arbeitet daran, die Software und die dahinterliegende KI so zu verfeinern, dass das EEG auf allen Intensivstationen zur Diagnose des verborgenen Bewusstseins eingesetzt werden kann.