Prostatakarzinom: Protein µ-Crystallin hemmt das Tumorwachstum

µ-Crystallin fängt das Schilddrüsenhormon T3 ab. Grafik: ©Kateryna_Kon – stock.adobe.com

Ein Forschungsteam aus Wien hat in einer genetischen Analyse zahlreicher Prostatakrebs-Gewebeproben gezeigt, dass das Protein µ-Crystallin (CRYM) eine wesentliche Rolle beim Wachstum des Tumors spielt. Je mehr von diesem Protein vorhanden ist, desto besser ist die Prognose. Entscheidend ist offenbar die Bindung an das Schilddrüsenhormon T3.

Das Prostatakarzinom ist ein hormonabhängiger Tumor, der zumeist mit einer Antihormon-Behandlung therapiert wird. Doch nach einiger Zeit wird der Tumor hormonunabhängig, was zu Resistenz führt. Dies macht neue Therapieformen dringend notwendig.

Man weiß schon seit längerem, dass das Schilddrüsenhormon T3 beim Entstehen des Prostatakarzinoms möglicherweise eine Rolle spielt, jedoch war bisher nicht geklärt, in welcher Weise. Das Forschungsteam um Osman Aksoy, Jan Pencik, Olaf Merkel und Lukas Kenner vom klinischen Institut für Pathologie der MedUni Wien hat jetzt mit CRYM einen bedeutenden Interaktionspartner von T3 gefunden.

Anti-Tumor-Kontrollmechanismus über Schilddrüsenhormon

In einer internationalen Studie konnten die Forscher anhand der Analyse von Eiweißmolekülen in Gewebeschnitten und genetischer Daten von hunderten Patienten mit Prostatakarzinom nachweisen, dass CRYM an das Hormon T3 bindet und dadurch das Tumorwachstum verhindert.

„Unsere Arbeit zeigt also, dass CRYM ein zentraler Regulator im T3-Stoffwechsel und darüber hinaus eng an den Androgenstoffwechsel gekoppelt ist. Je weiter fortgeschritten die Erkrankung, desto weniger CRYM war im Tumor-Gewebe nachweisbar“, sagt Kenner, Studienleiter und Mitglied des Comprehensive Cancer Center der MedUni Wien und des AKH Wien.

Niedrige CRYM-Level sind mit einer schlechten Prognose assoziiert. CRYM blockiert darüber hinaus die Aufnahme von Cholin, das ein wesentlicher Bestandteil der Zellmembran ist, in die Zelle. Da Tumoren eine rasche Zellteilung haben und viele neue Zellmembranen brauchen, kann CRYM das Tumorwachstum auf diese Weise zusätzlich blockieren.

CRYM wirkt demnach in doppelter Weise dem Prostatakarzinom-Wachstum entgegen und ist daher ein wesentlicher Anti-Tumor-Kontrollmechanismus, der neue therapeutische Chancen eröffnet. Das Fazit der Studie besagt, dass durch eine Aktivierung von CRYM das Tumorwachstum blockiert werden könnte. Die Studienergebnisse legen zudem nahe, dass sich die Interaktion zwischen Krebszellen und T3 auch bei anderen hormonabhängigen Krebsarten ähnlich verhalten könnte.

(MedUni Wien / ms)

Publikation:

Aksoy O, Pencik J, Hartenbach M et al. Thyroid and androgen receptor signaling are antagonized by CRYM in prostate cancer. Int J Cancer 2020 Oct 9.