Psyche und Körper zusammen denken

Diskutierten auf dem DKOU 2026 über Berührungsängste zwischen Orthopädie und Psychotherapie (v. l.): Bernd Kladny, Wolfgang Bartels, Jan Holger Holtschmit, Désirée Herbold, Wolfgang Ritz und Volker Köllner. (Foto: Kompatzki)

Auf einr DKOU-Session der Arbeitsgemeinschaft nicht operativer orthopädischer manualmedizinischer Akutkliniken (ANOA) wurde für mehr Offenheit zwischen den Fachrichtungen geworben.

Wie viel Psyche gehört in die Orthopädie und wie viel Körper in die Psychotherapie? Dieser Frage ging die Session „Berührungsängste in O&U?“ am 20. Oktober auf dem Deutschen Kongress für Orthopädie und Unfallchirurgie (DKOU) im CityCube Berlin nach. Gestaltet wurde sie von der ANOA-Arbeitsgruppe Psychosomatik gemeinsam mit der Deutschen Gesellschaft für Orthopädie und Unfallchirurgie (DGOU). Die Teilnehmenden waren sich einig: Bei chronischen Schmerzen am Bewegungssystem lassen sich körperliche und psychische Faktoren nicht voneinander trennen. Für eine gute Versorgung müssen beide Fachrichtungen deshalb enger zusammenarbeiten.

Auf dem Podium diskutierten Dr. Jan Holger Holtschmit (ANOA-Präsident und Chefarzt, St. Wendel-Ottweiler), Prof. Bernd Kladny (Generalsekretär der DGOU und Chefarzt, Herzogenaurach) und Dr. Wolfgang Bartels (Leiter der AG Psychosomatik der DGOU und niedergelassener Orthopäde, Düren). Mit ihnen sprachen Prof. Volker Köllner (Ärztlicher Direktor und Facharzt für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie, Klinik Seehof, Teltow), Dipl.-Psych. Wolfgang Ritz (ANOA-Schriftführer und Leitender Psychotherapeut, Sommerfeld) und Dr. Désirée Herbold (Neustadt am Rübenberge). Zum Einstieg hielten Holtschmit und Köllner zwei Vorträge: „Die Angst des Orthopäden vor der Psyche“ und „Die Angst des Psychotherapeuten vor der Somatik“. Beide zeigten, wie wichtig ein offener und respektvoller Dialog über die Fachgrenzen hinweg für eine patientenzentrierte Behandlung ist.

Psychische Risikofaktoren früh erkennen

Kladny hob zu Beginn der Veranstaltung hervor, dass es zum ärztlichen Selbstverständnis gehört, in der Orthopädie auch die Seele der Patientinnen und Patienten mitzudenken. Holtschmit stellte im Anschluss die Yellow Flags vor, die der Identifizierung von Faktoren dienen, welche ein Risiko für die Chronifizierung von Schmerzen darstellen. Das sind beispielsweise psychosoziale Risikofaktoren wie berufsbezogener Stress, Depressivität, Katastrophisieren oder Schon- und Vermeidungsverhalten. „Wer fragt diese Yellow Flags regelmäßig ab? Ich fürchte, das tun nicht alle behandelnden Ärztinnen und Ärzte“, so Holtschmit. Gerade bei Schmerzpatientinnen und -patienten mit Beschwerden am Bewegungssystem sei es aber entscheidend, psychische Begleiterkrankungen zu berücksichtigen.

In den Behandlungspfaden der ANOA ist die Psychotherapie fester Bestandteil, wie Holtschmidt berichtete. Das gilt besonders für die Multimodale Komplexbehandlung des Bewegungssystems (OPS 8-977) und die Multimodale Schmerztherapie (OPS 8-918). Für die Multimodale Schmerztherapie ist die Beteiligung einer psychiatrischen, psychosomatischen oder psychologisch-psychotherapeutischen Fachdisziplin sogar vorgeschrieben. Der ANOA-Präsident sah auch bei den Patienten eine deutliche Veränderung: „Vor 20 Jahren riefen Patienten noch erschrocken: ‚Ein Psychotherapeut? Warum das denn, ich bin doch nicht verrückt!‘ Heute verstehen glücklicherweise die meisten, dass Körper und Seele zusammenhängen und dass Stress und andere seelische Belastungen die eigene Gesundheit stark beeinflussen können.“

Berührungsängste auf beiden Seiten

Die weitere Diskussion zeigte, dass es Berührungsängste nicht nur bei den Orthopäden gibt. Köllner berichtete, dass auch viele Psychotherapeuten Vorbehalte gegenüber körperlichen Erkrankungen haben. Das ist bemerkenswert, denn Psychotherapie, vor allem die Verhaltenstherapie, gehört laut Leitlinien zu den wirksamsten Behandlungen bei chronischem Kreuzschmerz. Fragt man Psychologische Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten, warum sie keine Schmerzpatienten behandeln, nennen viele die Angst, etwas Körperliches zu übersehen und dadurch Fehler zu machen. Köllner stellte zugleich klar, dass keine Disziplin allein ausreicht: „Wir brauchen einander.“

Ritz wies darauf hin, dass oft die Erfahrung in der Langzeitbehandlung von Schmerzpatienten fehle. Er sprach sich dafür aus, dass die Fachrichtungen mehr praktische Erfahrung in der Zusammenarbeit sammeln.

Ergebnis: Beide Fachrichtungen noch umfassender weiterbilden

Ein zentrales Ergebnis der Diskussion betraft die Aus- und Weiterbildung. Demnach sollten psychosomatische und psychotherapeutische Inhalte in der Weiterbildungsordnung für Orthopädie und Unfallchirurgie fest verankert werden. Umgekehrt sei es wünschenswert, so das gemeinsame Fazit, dass Behandlungen bei körperlichen Erkrankungen in der psychotherapeutischen Aus-, und Weiterbildung mehr Raum bekommen. Außerdem war man sich einig, dass integrative Behandlungskonzepte bekannter werden sollten. Entwicklungen, von denen nicht nur die Patienten profitieren würden: Denn, wenn in beiden Bereichen fundiertes Wissen vorhanden sei, entlaste dies auch die interdisziplinären Behandlungsteams.

Das gemeinsame Ergebnis der DKOU-Session: Berührungsängste gibt es auf beiden Seiten, sie lassen sich aber überwinden, wozu beide Fachrichtungen ihren Teil beitragen müssen. Hierbei geht es nicht um ein „Entweder-oder“, sondern es geht vielmehr darum, somatische und psychische Ansätze in der Behandlung zusammenzuführen.