„Psychisch krank macht oft arm“

Viele psychisch kranke Menschen müssen mit wenig Geld auskommen. Die explodierenden Preise für Energie verschärfen die Lage noch. (Foto: © Stockfotos-MG – stock.adobe.com)

Viele psychisch kranke Menschen sind von den derzeitigen Preiserhöhungen in allen Bereichen des Lebens häufig besonders hart betroffen. Sie können die Mehrkosten finanziell nicht mehr bewältigen. Der Bundesverband der Vertragspsychotherapeuten (bvvp) fordert daher ein umfangreiches Hilfsprogramm, das die Existenz dieser Menschen sichert und ihnen die Teilhabe am öffentlichen Leben weiterhin ermöglicht.

Viele Menschen mit psychischen Erkrankungen sind nicht in der Lage, in vollem Umfang berufstätig zu sein. Manche waren dies noch nie. Dies gilt insbesondere dann, wenn es sich um schwerere psychische Störungen handelt. Die Betroffenen sind dann entweder nur in Teilzeit tätig, sind frühberentet oder beziehen soziale Grundsicherung oder Arbeitslosengeld II. Zum Teil arbeiten sie auch in Werkstätten für Menschen mit psychischer Erkrankung, wo sie nur ein bescheidenes Taschengeld erhalten. Psychische Erkrankungen begünstigen Armut. Und Armut begünstigt somatische und psychische Erkrankungen.

In den psychotherapeutischen Sitzungen seien Existenzängste zunehmend Thema, konstatiert der Verband, der mehr als 5700 Psychotherapeuten aller drei Grundberufe – Psychologische und Ärztliche Psychotherapeuten wie Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten – vertritt. Angstauslösend wirkten dabei bereits grundlegende Lebensanforderungen wie die nächste Mietzahlung oder der nächste Essenseinkauf.

Psychisch kranke Menschen hätten es schon bisher aufgrund ihrer eingeschränkten oder fehlenden Arbeitsfähigkeit besonders schwer gehabt, ihre Existenz zu bestreiten, erklärte der bvvp. Verschärfend wirkte sich die überdurchschnittliche Belastung dieser Menschen durch die Pandemie aus. Sie wohnen überdurchschnittlich häufig in beengten Wohnverhältnissen, die Anforderung des Homeschooling ihrer Kinder stellte für sie besonders häufig eine völlige Überforderung dar, ihnen fehlten meist die finanziellen Ressourcen für technische Hilfsmittel wie Laptop, ihr armutsbedingtes Krankheitsrisiko lag höher und ihr Zugang zur notwendigen psychotherapeutischen Versorgung (zum Beispiel zu einer Gruppenpsychotherapie) war lange Zeit erschwert. Nun sei durch die Energiekrise und die Inflation ein Punkt erreicht, an dem selbst eine minimale Absicherung nicht mehr gewährleistet werden könne, mahnte der Verband.

„Für psychische Erkrankungen gibt es kein eigenes Verschulden der Betroffenen und sie lassen sich auch nicht dadurch beheben, dass sich diese Menschen einfach mal ein bisschen mehr anstrengen, um ihre Lebensverhältnisse zu verbessern. Und wenn reale Existenzängste ins Spiel kommen, dann kann oft nur schwer an den eigentlichen Themen der Psychotherapie gearbeitet werden“, erklärt der bvvp-Bundesvorsitzende Benedikt Waldherr. Psychotherapie erziele die besten Behandlungsergebnisse unter sicheren Rahmenbedingungen. Das gelte sowohl im Therapieraum als auch außerhalb der Sitzungen im Lebensraum der Patienten. „Psychotherapie hilft natürlich auch bei der besseren Bewältigung von Existenzängsten und sorgt für eine besser Resilienz. Sie kann und darf aber kein Ersatz für die Beseitigung massiver sozialer Missstände sein“, ergänzt der Verbandsvorsitzende. „Politische Verantwortung muss auch von der Politik getragen werden.“

Der bvvp fordert deshalb die Politik auf, bei ihren Hilfspaketen und Entlastungsmaßnahmen Menschen mit psychischen Erkrankungen in besonderer Weise zu berücksichtigen und ihnen die notwendige Unterstützung zukommen zu lassen.