Psychische Gesundheit ist nicht nur Privatsache7. Mai 2024 „Gerade von Arbeitgebern kann die seelische Gesundheit noch viel umfassender und gezielter gefördert werden”, sagt Prof. Silvia Schneider vom Deutschen Zentrum für Psychische Gesundheit (DZPG). (Foto: © DZPG) Die Zahlen sind hoch – und sie steigen immer weiter: 15 Prozent aller in Deutschland anfallenden Fehltage gehen auf das Konto seelischer Erkrankungen. Das bewirkt nicht nur individuelles Leid, sondern auch einen enormen wirtschaftlichen Schaden. Prof. Silvia Schneider, Sprecherin des Standorts Bochum-Marburg des Deutschen Zentrums für Psychische Gesundheit (DZPG), sieht daher großen Bedarf in der Betriebsmedizin. Laut Schneider haben in den vergangenen Jahren auch die zum Teil einschneidenden Veränderungen in der Arbeitswelt zu den steigenden Zahlen von psychischen Erkrankungen beigetragen. Unter anderem treibe der Fachkräftemangel die Ausfälle wegen seelischer Probleme nach oben; aber auch Homeoffice-Regelungen können zum Risikofaktor werden. Die Forschung am DZPG ist dem Problem bereits auf der Spur. Besonders drängend ist dieses Problem nicht nur durch das individuelle Leid der Betroffenen, sondern auch durch die Krankheitsdauer, die mit durchschnittlich 36 Tagen dreimal so hoch ist wie bei somatischen Erkrankungen mit zwölf Tagen, wie Zahlen des Bundesgesundheitsministeriums belegen. „Forschung und Medizin haben sich lange auf die Faktoren Resilienz und Coping bei den Beschäftigten konzentriert., aber das greift zu kurz: Die Verantwortung für menschengerecht gestaltete Arbeit liegt bei den Arbeitgebern. Hier können Fachärzte für Arbeitsmedizin wertvolle Beiträge leisten, das muss essenzieller Bestandteil in der Betriebsmedizin sein“, erklärt Schneider. Faktoren, die seelisch krank machen: Druck, Einsamkeit und Fachkräftemangel „Natürlich kann Arbeit auch Ressource sein“, weiß Prof. Martin Schütte von der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA), einer Partnerinstitution des DZPG. Er ist Wissenschaftlicher Leiter des BAuA-Fachbereichs „Arbeit und Gesundheit“ und forscht zum Thema Arbeitsbedingungen und deren Effekte auf die mentale Gesundheit. „Arbeit hat auch einen stabilisierenden Einfluss auf die psychische Gesundheit“, erklärt Schütte. Aber ebenso können bei der Arbeit Gefahren für die Seele liegen. Die WHO fasst diese Belastungsfaktoren knapp zusammen: Arbeitsumgebungen, die von Diskriminierung und Ungleichheit geprägt sind, gehören ebenso dazu wie übermäßige Arbeitsbelastung, geringe Kontrolle und Jobunsicherheit. Schneider sieht in diesem Zusammenhang auch sehr junge Entwicklungen als Belastung: „Der technologische Fortschritt bringt nicht nur Arbeitserleichterung, sondern auch Arbeitsverdichtung und oft komplexere Aufgaben. Das kann Druck erzeugen. Das Gleiche gilt für die Flexibilisierung der Arbeit. Homeoffice-Regelungen können Einsamkeit und Isolation fördern; das ist ein erheblicher Risikofaktor für Depressionen, wir untersuchen auch das im DZPG.“ Fachkräftemangel setzt Belegschaften unter Druck Beim Stichwort Arbeitsverdichtung spiele auch der steigende Fachkräftemangel eine große Rolle, berichtet Schneider: „In Berufsgruppen wie dem Gesundheitssektor oder öffentlichen Dienst sind die Mitarbeitenden durch die Inhalte ihrer Arbeit ohnehin schon höherer psychischer Belastung ausgesetzt. In den vergangenen Jahren ist eine enorme Arbeitsverdichtung hinzugekommen. Denn in Kliniken, an Schulen und in Behörden fehlen Arbeitskräfte; das steigert die Gefahr seelischer Erkrankungen wie Erschöpfungszuständen oder Depressionen für alle.“ Psychische Störungen Krankschreibungsgrund Nummer 2 Der jüngste Report der Techniker Krankenkasse belegt, wie drängend das Problem ist: Die mit Abstand häufigste Ursache von Krankschreibungen bildeten demnach auch 2023 wieder Krankheiten des Atmungssystems. „Depressive Episoden“ belegten aber bereits Rang zwei der Tabelle – noch vor Rückenschmerzen. Dabei gibt es wirksame Maßnahmen, um psychische Gesundheitsrisiken am Arbeitsplatz zu verhindern, die mentale Gesundheit am Arbeitsplatz zu schützen und zu fördern sowie Arbeitnehmer mit psychischen Erkrankungen zu unterstützen. „Prävention und die Förderung der psychischen Gesundheit als Teil eines nachhaltigen betrieblichen Gesundheitsmanagements sind von enormer Bedeutung. Die Gesundheit der Beschäftigten trägt maßgeblich zum wirtschaftlichen Erfolg von Unternehmen bei. Während das bei somatischen Krankheiten schon gängiges Wissen ist, müssen Arbeitgeber für die psychische Gesundheit noch weiter sensibilisiert werden“, so Schneider. Und Schütte ergänzt: „Neben der Primärprävention, das heißt der menschengerechten Gestaltung der Arbeitsbedingungen, sind sekundär- und tertiärpräventive Ansätze wichtig, wie zum Beispiel eine nachhaltige Rückkehr in den Betrieb zu erreichen. Hier sind niedrigschwellige Angebote hilfreich, etwa eine psychosomatische oder psychotherapeutische Sprechstunde, um auftretende Beeinträchtigungen der psychischen Gesundheit frühzeitig erkennen zu können.“
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