Psychische Gesundheit: Wie sehr belastet Menschen die Dauerkrise?10. Oktober 2026 Zahlreiche Krisen belasten die Psyche der Menschen. (Foto: © Win Nondakowit – stock.adobe.com) Pandemie, Kriege, Inflation: Die Krisen der vergangenen Jahre hinterlassen Spuren in der Psyche vieler Menschen. Besonders belastet fühlen sich die Jüngeren. Was heißt das – auch für die Prävention? Von Ulrike von Leszczynski, dpa Viele Deutsche haben Angst vor Geldnöten, Migration und Krieg. Doch bedeuten mehr Krisen auch mehr psychische Belastung? Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen bejahen das. Seit dem Jahr 2020 zeigten sich beim seelischen Wohlbefinden in Deutschland Negativ-Trends. Davon besonders belastet sind junge Frauen. Hat sich die psychische Gesundheit in Deutschland verschlechtert? „Meine Antwort ist ja“, sagt Prof. Andreas Meyer-Lindenberg, Leiter des Zentralinstituts für Seelische Gesundheit in Mannheim. „Es gibt diese Abfolgen von Krisen. Erst die Pandemie, dann der Angriffskrieg auf die Ukraine mit all seinen auch wirtschaftlichen Folgen. Das wird in Deutschland auch als gesamtgesellschaftliche Bedrohung wahrgenommen.“ Eine stärkere psychische Belastung der Bundesbürger belegen repräsentative Umfragen des Robert Koch-Instituts (RKI). „Wir sehen tatsächlich seit 2020 einen ansteigenden Trend, etwa eine Zunahme von depressiven Symptomen und Angstsymptomen in der Bevölkerung“, berichtet Caroline Cohrdes, kommissarische Leiterin des Fachgebiets Psychische Gesundheit am RKI. „Insgesamt kann man sagen, dass sich die psychische Gesundheit in Deutschland verschlechtert hat.“ Was sagen die RKI-Zahlen genau? Der Anteil von depressiven Symptomen bei den Erwachsenen in der Bevölkerung liegt in der Befragung für 2024 bei rund 22 Prozent. Diese Angaben spiegeln sich im vergleichbaren Zeitraum in hausärztlichen oder psychotherapeutischen Praxen: Diagnosen depressiver Störungen im ambulanten Bereich lagen 2023 bei etwa 17 Prozent, erklärt Cohrdes. Ähnliche Tendenzen zeigen sich auch in anderen RKI-Daten zur psychischen Gesundheit. 28 Prozent der befragten Erwachsenen schätzten ihr psychisches Wohlbefinden 2024 als eher schlecht ein. Nur rund elf Prozent fühlten sich eher gut. „Das ist ein überraschend niedriges Ergebnis“, betont die Forscherin. „Seit den Pandemiejahren sehen wir in verschiedenen Bereichen der psychischen Gesundheit auffällig steigende negative Tendenzen.“ Daten für 2025 sind bislang nicht abschließend ausgewertet. Wer hat ein besonderes Risiko für psychische Belastungen? „Besonders hoch sind depressive Symptome und Angstsymptome in Deutschland aktuell bei jüngeren Erwachsenen“, berichtet die RKI-Expertin. „Das ist ein Befund, den wir ernst nehmen müssen.“ Frauen seien häufiger betroffen als Männer. „Besonders hohe Werte sehen wir aktuell bei jungen Frauen.“ Für das Zentralinstitut für Seelische Gesundheit ergänzt Psychiater Meyer-Lindenberg: „In der Praxis sehen wir einen sehr großen Anstieg bestimmter psychischer Störungen bei jungen Menschen – am deutlichsten bei Ess-Störungen.“ Generell zeigen sich depressive Symptome nach RKI-Erkenntnissen häufiger bei Menschen, die keinen höheren Bildungsgrad erreichen konnten. Das gilt auch für Personen mit einem niedrigen Einkommen. Was bedeutet das für eine Gesellschaft? Psychische Erkrankungen seien inzwischen die Hauptursache für Frühberentungen, erklärt Meyer-Lindenberg. „Sie sind auch ein Hauptgrund dafür, warum Menschen krankgeschrieben sind, häufig sehr lang. Das verursacht einen massiven wirtschaftlichen Schaden.“ Leidet darunter auch der gesellschaftliche Zusammenhalt? So zugespitzt lässt sich das aus der internationalen Forschung bislang nicht belegen. Eine zunehmende psychische Belastung kann aber sozialen Zusammenhalt etwa in Familien oder der Nachbarschaft schwächen, weil sie sozialen Rückzug und Konflikte begünstigt. Studien zeigen jedoch zugleich, dass soziale Verbundenheit und Unterstützung psychische Belastungen abfedern können. Was ließe sich mit Blick auf psychische Gesundheit verbessern? Für Meyer-Lindenberg gehört dazu vor allem die Stärkung der Gesundheitskompetenz. „Die Deutschen wissen insgesamt wenig über Erkrankungen und wie man sie verhindern kann“, erklärt er. Leider wüssten sie ganz besonders wenig über die Psyche. Wissensbasierte Präventionsangebote wie psychologische Erste-Hilfe-Kurse für Laien hält er deshalb für sehr sinnvoll. „Und dazu Schulstunden über die bessere Regulation von negativen Emotionen.“ Besonders für Jugendliche und junge Erwachsene wäre es wichtig, dass sie sich besser mit der psychischen Gesundheit auskennen und passende Hilfsangebote leicht finden und nutzen können, betont auch RKI-Forscherin Cohrdes. „Es ist auch eine Frage der Medienkompetenz“, ergänzt sie. „Gerade in sozialen Medien ist es nicht immer einfach zu entscheiden, ob eine Information verlässlich ist.“ Hat psychische Belastung etwas mit Depressionen zu tun? Äußere Belastungen werden als Ursache von Depressionen oft überschätzt. Diese sind jedoch in hohem Maße Folge einer vererbten oder erworbenen Veranlagung. „Menschen mit dieser Veranlagung erkranken auch bei guten äußeren Umständen“, erklärt Psychiater Prof. Ulrich Hegerl, Vorsitzender der Stiftung Deutsche Depressionshilfe. Eine „Depressions-Epidemie“ durch eine Polykrise schließt Hegerl deshalb aus. Auch andere psychische Erkrankungen seien mehr als eine Reaktion auf äußere Belastungen wie Krisenzeiten, erläutert er. Ängste und Sorgen seien immer ein Teil der Symptomatik von Depressionen und Angsterkrankungen. „Viren oder Kriege sind dann aber nicht die Ursachen dafür. Sie könnten aber wie ein Trigger von der Erkrankung aufgegriffen werden.“ Dass Finanzsorgen direkt zu psychischen Erkrankungen führen, hält Hegerl für unwahrscheinlich. „Das entspricht weder meiner klinischen Erfahrung noch liegen dafür ausreichend Belege vor.“ Gibt es mehr psychische Erkrankungen als früher? „Wir rechnen in Deutschland in jedem Jahr mit rund 30 Prozent der Bevölkerung, die eine behandlungsbedürftige diagnostizierbare psychische Erkrankung haben“, erklärt Meyer-Lindenberg. „Das ist wirklich sehr viel. Und eine Häufigkeit, die viele Leute sich nicht so klarmachen.“ Lange Zeit hätten Forschende gedacht, psychische Erkrankungen seien zwar sehr häufig, die Fallzahl nehme aber nicht zu. „Jetzt legen Daten aus einer internationalen Studie eine Zunahme nahe, insbesondere bei der jüngeren Bevölkerung.“
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