Radioonkologen: Strahlentherapie hat das beste Nutzen-Risiko-Profil bei lokal begrenztem Prostatakrebs9. Mai 2023 Stephanie Combs, Direktorin der Klinik für Radioonkologie und Strahlentherapie am Klinikum rechts der Isar der TU München. Foto: Klinikum rechts der Isar Die Deutsche Gesellschaft für Radioonkologie e. V. (DEGRO) erkennt in der Studie ProtecT („Prostate Testing for Cancer and Treatment Trial“), dass die Strahlentherapie im Hinblick auf die Nutzen-Risiko-Bewertung die beste Bilanz aufweise: Die Bestrahlung verhindere Rückfälle ebenso gut wie die Operation, sei aber gleichzeitig nebenwirkungsärmer. Bei lokal begrenzten Prostatakarzinomen gibt es mehrere Behandlungsoptionen, die „aktive Surveillance“, die Operation oder die Strahlentherapie. Ein 15-Jahres-Follow-up hat gezeigt [1], dass die prostatakrebsspezifische Mortalität bei allen drei Optionen vergleichbar niedrig ist. Dennoch sei es unter aktiver Überwachung signifikant häufiger zum Fortschreiten der Krebserkrankung gekommen, was die Qualität der verbleibenden Lebenszeit stark beeinträchtige, so die DEGRO in einer aktuellen Mitteilung. ProtecT evaluierte die verschiedenen Therapieoptionen bei Patienten mit lokal begrenztem Prostatakrebs, der durch einen PSA-Test entdeckt wurde [1]. Von 1999 bis 2009 erhielten 82.429 Männer an neun Zentren in Großbritannien einen PSA-Test (Alter zum Zeitpunkt des Tests 50-69 Jahre), bei 2664 wurde die Diagnose eines örtlich begrenzten Prostatakarzinoms gestellt. 1643 Patienten wurden in die Studie eingeschlossen und in drei gleich große Gruppen randomisiert (545 Patienten wurden der aktiven Überwachung, 553 der Prostatektomie und 545 der Strahlentherapie zugeführt). Primärer Endpunkt war der Tod durch Prostatakrebs; sekundäre Endpunkte umfassten die Gesamtmortalität (Tod infolge jeglicher Ursache), Metastasierung/Krankheitsprogression und Beginn einer langfristigen Androgendeprivationstherapie (ADT); diese war ab einem PSA-Wert von 20 ng/ml in allen Gruppen möglich. 1610 Patienten (98%) schlossen die Nachbeobachtungszeit ab, diese lag median bei 15 (11-21) Jahren. Die Gesamtmortalität betrug während des Follow-ups 21,7% (356 Patienten); 45 Männer (2,7%) verstarben an dem Prostatakarzinom, davon 17 (3,1%) in der Überwachungsgruppe, 12 (2,2%) in der OP-Gruppe und 16 (2,9%) und in der Strahlentherapiegruppe. Im Gesamtvergleich waren die Unterschiede statistisch nicht signifikant (p=0,53). Bei aktiver Überwachung lebten am Ende des Follow-ups 133 der 545 Männer, also ein Viertel aus der Gruppe (24,4%) ohne Behandlung des Prostatakarzinoms, d.h. sie wurden während des Follow-ups überhaupt keiner Therapie zugeführt. Die Gruppenzuteilung, der PSA-Ausgangswert, Tumorstadium, Malignitätsgrad bzw. Risikostratifizierung hatten keinen Einfluss auf den primären Endpunkt. Eine lokale Progression wiesen 259 Männer auf (15,8%); in der Überwachungsgruppe 141 von 545 (25,9%), in der OP-Gruppe 58 von 553 (10,5%) und in der Strahlentherapiegruppe 60/545 (11%). Zu Metastasen kam es in der Überwachungsgruppe bei 51 Patienten (9,4%), in der OP-Gruppe bei 26 (4,7%) und in der Bestrahlungsgruppe bei 27 (5%). Bei 104 Männern (6,3%) kam es zu Metastasen: 51 (9,4%) in der Gruppe mit aktiver Überwachung, 26 (4,7%) in der Prostatektomiegruppe und 27 (5,0%) in der Strahlentherapiegruppe. In der Überwachungsgruppe erhielten 69 (12,7%), in der OP-Gruppe 40 (7,2%) und in der Strahlentherapie-Gruppe 42 (7,7%) Patienten eine ADT. „Die Studie zeigte, dass die aktive Therapie, sei es Strahlentherapie oder Operation, zwar nicht zu einem längeren Leben, aber zu einer längeren progressionsfreien Überlebenszeit geführt habt, was mit einer deutlich besseren Lebensqualität einhergeht. Besonders spannend ist für uns, dass sich auch nach 15 Jahren beim lokal begrenzten Prostatakarzinom kein Unterschied zwischen Strahlentherapie und OP hinsichtlich Metastasierung und Überleben gezeigt hat, beide Therapieverfahren waren in der Langzeitbeobachtung gleichwertig“, kommentiert Prof. Stephanie E. Combs, Pressesprecherin der Deutschen Gesellschaft für Radioonkologie (DEGRO). „Die Strahlentherapie allerdings bringt diesen Vorteil ohne ‚hohe Kosten‘ – sie ist deutlich nebenwirkungsärmer als die Operation“, hebt sie hervor. Die Vorteile der Strahlentherapie seien, dass Narkose- und OP-Risiken entfielen, außerdem Harninkontinenz und Potenzstörungen, welche die Lebensqualität stark beeinträchtigen, seltener als Langzeitfolgen der Therapie aufträten [2], „Nach der aktuellen Datenlage ist die Radiotherapie somit das beste Verfahren bei lokal begrenztem Prostatakrebs. Sie bietet mehr Sicherheit vor einem Rückfall als die alleinige aktive Überwachung und ist im Hinblick auf die Rückfallrate und das Gesamt- sowie progressionsfreie Überleben absolut vergleichbar mit der Operation – geht aber mit deutlich weniger Nebenwirkungen bzw. Langzeitfolgen einher“, kommentiert Prof. Cordula Petersen, Hamburg, Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Radioonkologie. „Es ist wichtig, dass Patienten in dieser Situation von den behandelnden Urolog’innen über diese Therapievorteile informiert werden.“ (DEGRO/ms)
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