Reformpaket führt zu Millionen unnötiger Arztbesuche und verschärft Terminknappheit2. Juli 2026 Bild: Peter Atkins – stock.adobe.com Die Ärzteschaft kritisiert die am 2. Juli vorgestellten Pläne der Koalition einer verpflichtenden Krankschreibung ab dem ersten Krankheitstag sowie dem Wegfall der telefonischen Krankschreibung. „Das produziert Millionen zusätzliche, medizinisch unnötige Arztbesuche“, warnte etwa der Virchowbund-Bundesvorsitzende Dr. Dirk Heinrich. Gleichzeitig streiche die Regierung die Finanzierung für schnelle Facharzttermine. „Dass das nicht zusammengeht, sollte jedem klar sein“, urteilte er weiter. „Man kann nicht Millionen Termine mit meist Bagatellerkrankungen bei Eintages-AUs blockieren, und gleichzeitig die Voraussetzungen für schnelle Termine in dringenden Fällen abschaffen.“ Wie eine Facharztgarantie unter diesen Vorzeichen ausgestaltet werden soll, ist dem Verband der niedergelassenen Ärztinnen und Ärzte unklar. „Wer es ernst mit der Facharztgarantie meint, sorgt dafür, dass es durch passende Finanzierung mehr ambulante Termine gibt“, machte Heinrich klar. Ausreichend Arzttermine ließen erreichen, wenn unnötige Arztkontakte reduziert und rasche Termine bei medizinischer Dringlichkeit gefördert und fair bezahlt würden und wenn Praxen wieder Investitionssicherheit hätten. Der Virchowbund fordert daher unter anderem Entbudgetierung, Vermittlungsanreize und No-Show-Gebühren – „also das Gegenteil dessen, was mit dem GKV-Beitragsstabilisierungsgesetz beschlossen werden soll“, warnte der Virchowbund-Bundesvorsitzende. Ende der Telefon-AU verschärft Andrang in den Praxen Sowohl Virchowbund als auch Bundesärztekammer kritisierten zudem die im Koalitionsausschuss beschlossene Abschaffung der telefonischen Krankschreibung. „Die telefonische Krankschreibung hat sich in der Praxis bewährt“, erklärte der Vorstand der Bundesärztekammer (BÄK). Sie erspare beispielsweise Patienten mit leichten Infekten den Weg in die Arztpraxis und verhindere damit, dass sie dort andere anstecken. BÄK und Virchowbund verwiesen dabei auf wissenschaftliche Untersuchungen, unter anderem einzelner Krankenkassen und des Zentralinstituts für die kassenärztliche Versorgung. Demnach macht der Anteil der Telefon-AU nur 0,8 bis 1,2 Prozent aller Krankschreibungen aus und könnte nicht ursächlich für den gestiegenen Krankenstand sein. „Das Missbrauchspotenzial ist gering“, sagte Heinrich. Laut Virchowbund lässt sich der Anstieg der Krankheitstage vielmehr auf die Einführung der digitalen Erfassung und auf langfristige Erkrankungen zurückführen. „Nicht nachvollziehbar und wenig durchdacht“ Den Wegfall der telefonischen Krankschreibung hält die BÄK „aus ärztlicher Sicht nicht nachvollziehbar“. Besonders kritisch ist der BÄK zufolge, dass dies nun mit einer Attestpflicht ab dem ersten Krankheitstag zusammenfällt. In der Kombination müssten künftig Patienten mit einer leichten Erkrankung für ein Attest persönlich in die Arztpraxis kommen. Gerade in der Erkältungs- und Grippesaison werde das die Wartezimmer weiter füllen und die Praxisteams, die schon jetzt an ihrer Kapazitätsgrenze arbeiteten, zusätzlich belasten, erläuterte die BÄK. Der BÄK-Vorstand befürchtet, „dass am Ende die Versorgung von Patientinnen und Patienten mit akutem Behandlungsbedarf leidet, weil Termine durch Fälle blockiert werden, die keine schwere Symptomatik vorweisen“ und kritisiert: „Das erscheint auch vor dem Hintergrund des von der Regierungskoalition angestrebten Primärversorgungssystems wenig durchdacht.“ Affront gegen die Ärzteschaft Die BÄK bezeichnete es zudem als „Affront, dass die Ärzteschaft nun unter den Generalverdacht gestellt wird, falsche Arbeitsunfähigkeitsbescheinigungen auszustellen und ihr mit einer Verschärfung des Strafrechts gedroht wird“ und wies dies „in aller Entschiedenheit zurück“. (hr/BIERMANN)
Mehr erfahren zu: "Zi-Studie: Ambulante Versorgung wird häufiger genutzt als bislang messbar" Zi-Studie: Ambulante Versorgung wird häufiger genutzt als bislang messbar Eine neue Analyse vergleicht Selbstauskünfte von Patienten mit vertragsärztlichen Abrechnungsdaten. Die Inanspruchnahme ambulanter ärztlichen Versorgung ist demnach höher als bislang abgebildet wird.
Mehr erfahren zu: "David-Sackett-Preis 2026 für Forschung zur Evidenz von KI im Gesundheitswesen" David-Sackett-Preis 2026 für Forschung zur Evidenz von KI im Gesundheitswesen Christoph Wilhelm und Dr. Felix G. Rebitschek erhalten den Wissenschaftspreis des EbM-Netzwerks für ihre Forschung. Die Arbeiten leisteten einen wichtigen Beitrag zur Bewertung der Evidenz von Künstlicher Intelligenz (KI) in […]
Mehr erfahren zu: "Sonja Optendrenk ist neue G-BA-Vorsitzende" Sonja Optendrenk ist neue G-BA-Vorsitzende Mit Dr. Sonja Optendrenk ist seit dem 1. Juli 2026 erstmals eine Frau unparteiische Vorsitzende des Gemeinsamen Bundesausschusses (G-BA). Sie freue sich auf die neue Aufgabe, betonte Optendrenk.