Restriktive Sauerstoffzufuhr bei Patienten nach einem Herzstillstand ist nicht schädlich2. September 2022 Foto: ©pirke – stock.adobe.com Ein restriktives Oxygenierungsziel bei komatösen Patienten, die nach einem außerklinischen Herzstillstand wiederbelebt werden, verschlechtert weder das Überleben noch das neurologische Ergebnis im Vergleich zu einem liberalen Ziel. Dies geht aus aktuellen Forschungsergebnissen hervor, die auf dem ESC-Kongress 2022 vorgestellt wurden. Mehr als 750.000 Europäer erleiden jedes Jahr einen Herzstillstand. Viele von ihnen sterben, bevor sie das Krankenhaus erreichen. Von denjenigen, die es lebend ins Krankenhaus schaffen, versterben weitere rund 40 Prozent, wobei die ersten Tage auf der Intensivstation entscheidend sind. Hypoxisch-ischämische Hirnschäden sind dabei bei weitem die häufigste Todesursache. Zwischen zu viel und zu wenig Sauerstoff Während der Wiederbelebung ist das Gehirn einer Hypoxie und Ischämie ausgesetzt. Wenn der Kreislauf wiederhergestellt ist, kann die Reperfusion weitere Schäden verursachen. Um dies abzumildern, wird in den Leitlinien eine Temperaturkontrolle mit Sedierung und mechanischer Beatmung empfohlen. Beobachtungsstudien haben gezeigt, dass ein hoher Blutsauerstoffgehalt mit einem hohen Risiko für Hirnschäden und Mortalität verbunden ist. Tierstudien haben zudem ergeben, dass zu viel Sauerstoff die Hirnschädigung nach einem Herzstillstand verschlimmert. Aber auch zu wenig Sauerstoff birgt Risiken. Daher besteht ein klinisches Gleichgewicht hinsichtlich des Nutzens verschiedener Ziele für die Sauerstofftherapie bei Patienten, die nach einem Herzstillstand wiederbelebt werden. Randomisierte Studie testet restriktive vs. liberale Oxygenierung Die zeitgleich im „New England Journal of Medicine“ publizierte Studie BOX fokussierte sich auf komatöse Patienten, die nach einem außerklinischen Herzstillstand wiederbelebt wurden. Konkret betrachtet wurden die Auswirkungen von zwei Sauerstoffzielwerten während der mechanischen Beatmung auf den zusammengesetzten Endpunkt Tod aus beliebiger Ursache oder Entlassung aus dem Krankenhaus in einem schlechten neurologischen Zustand. Die Studie hatte ein faktorielles Design, bei dem die Patienten auch einem von zwei Zielblutdruckwerten zugewiesen wurden. Die Ergebnisse dieses Teilbereichs der Studie wurden ebenfalls auf dem ESC-Kongress präsentiert und in einer weiteren Studie im „New England Journal of Medicine“ publiziert (wir berichten hier). Die Blutdruckintervention war doppelt verblindet, die Oxygenierungsintervention war offen. Die Studie wurde in zwei dänischen Zentren mit hohem Aufkommen an Herzstillstandspatienten durchgeführt. Insgesamt 789 komatöse Erwachsene wurden nach einem außerklinischen Herzstillstand mit vermuteter kardialer Ursache im Verhältnis 1:1 randomisiert und erhielten entweder eine restriktive Oxygenierung mit einem arteriellen Sauerstoffpartialdruck (PaO2) von neun bis zehn kPa oder eine liberale Oxygenierung mit 13 bis 14 kPa. Das Durchschnittsalter der Teilnehmer betrug 63 Jahre und 81 Prozent waren Männer. Die Patienten erhielten 24 Stunden lang ein gezieltes Standard-Temperaturmanagement bei 36 °C. Festgelegtes Sauerstoffziel ohne Einfluss auf Mortalität und neurologischen Zustand Der primäre Endpunkt war die Gesamtmortalität innerhalb von 90 Tagen oder die Entlassung aus dem Krankenhaus in einem Zustand der zerebralen Leistungskategorie (CPC) 3 oder 4 (definiert als abhängig von anderen für tägliche Aktivitäten oder schlechter), je nachdem, was zuerst eintrat. Zu den sekundären Endpunkten gehörten die Gesamtmortalität und die CPC nach drei Monaten, der modifizierte Rankin-Score zur Bewertung der Behinderung und der Montreal Cognitive Assessment (MoCA)-Score zur Bewertung der leichten kognitiven Beeinträchtigung. Der primäre zusammengesetzte Endpunkt trat bei 126 von 394 Patienten (32,0 %) in der restriktiven Sauerstoffzielgruppe und bei 134 von 395 Patienten (33,9 %) in der liberalen Sauerstoffzielgruppe auf (Hazard Ratio 0,91; 95%-Konfidenzintervall 0,71–1,16; p=0,59). Bei der modifizierten Rankin-Skala, den CPC- oder MoCA-Scores gab es keine Unterschiede zwischen den Gruppen. „Die BOX-Studie zeigt, dass eine restriktive Oxygenierung bei komatösen Patienten, die nach einem außerklinischen Herzstillstand reanimiert wurden, im Vergleich zu einer liberalen Oxygenierung weder das Überleben noch das neurologische Ergebnis beeinflusst“, fasst Studienautor Prof. Jacob Moller vom Universitätskrankenhaus Odense (Dänemark) zusammen. Die Ergebnisse würden darauf hindeuten, dass Oxygenierungsziele, die auf einen PaO2 zwischen neun und 14 kPa abzielen, die Risiken einer niedrigen und einer hohen Oxygenierung gut ausgleichen. Seiner Ansicht nach sollten die Ergebnisse Kliniker darin bestärken, dass ein PaO2 in diesem Bereich bei Patienten mit Herzstillstand keinen Schaden anrichtet. (ah)
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