Neuer Risikorechner kann Demenz nach einem Schlaganfall vorhersagen

Ein neues Risikobewertungstool kann die Wahrscheinlichkeit, in den zehn Jahren nach einem Schlaganfall an Demenz zu erkranken. (Symbolbild: © Thurstan Hinrichsen/peopleimages.com/stock.adobe.com)

Ein neuer Risikorechner kann die Wahrscheinlichkeit, dass Erwachsene innerhalb von zehn Jahren nach einem Schlaganfall an Demenz erkranken, präzise einschätzen.

Dies geht aus einer Vorstudie hervor, die auf der Internationalen Schlaganfallkonferenz 2026 der American Stroke Association vorgestellt wird. Sie findet vom 4. bis 6. Februar 2026 in New Orleans statt. Laut den Forschern haben Menschen nach einem Schlaganfall oder einer transitorischen ischämischen Attacke (TIA) ein hohes Risiko, später an Demenz zu erkranken. Bislang fehlen jedoch geeignete Instrumente zur Vorhersage von Demenz.

„Unsere vorherige Forschung ergab, dass etwa jeder dritte Erwachsene nach einem Schlaganfall langfristig an Demenz erkrankt. Wir haben ein neues Instrument entwickelt, das Menschen nach einem Schlaganfall anhand ihres Gesundheitszustands, der Schlaganfallmerkmale und der Risikofaktoren in fünf verschiedene Demenzrisikostufen einteilt“, erläutert Studienleiter Dr. Raed A. Joundi.

„Ziel ist ein praktisches, direkt am Krankenbett anwendbares Instrument zur Vorhersage des Demenzrisikos nach einem Schlaganfall. Unser Instrument prognostiziert Demenzraten, die sehr nahe an den beobachteten Raten liegen. Es kann dazu beitragen, Hochrisikopatienten nach einer TIA, einem ischämischen Schlaganfall oder einer Hirnblutung für klinische Studien zu gewinnen, die auf die Reduzierung des langfristigen Demenzrisikos abzielen.“

Fast 50.000 Erwachsene in die Studie mit einbezogen

Forschende untersuchten die Krankenakten von fast 50.000 Erwachsenen, die aufgrund eines Schlaganfalls stationär behandelt wurden, um ein Risikomodell zu entwickeln und zu validieren. Dieses Modell soll abschätzen, welche Schlaganfallüberlebenden das höchste Risiko haben, an Demenz zu erkranken. Die Daten des Ontario Stroke Registry umfassten Krankenhausaufenthalte aufgrund von Schlaganfällen in Kanada zwischen 2002 und 2013. Die Studienteilnehmenden, die zur Berechnung des Risikoscores aus dem Register ausgewählt wurden, umfassten 7554 Erwachsene mit TIA, 13.833 mit ischämischem Schlaganfall und 2340 mit intrazerebraler Blutung. Die Teilnehmenden wurden ohne Demenzdiagnose aus dem Krankenhaus entlassen. Anschließend wurden sie bis März 2024 (durchschnittlich 7,5 Jahre Nachbeobachtung) anhand administrativer Gesundheitsdaten auf eine mögliche Demenzdiagnose hin beobachtet.

Die Forschenden untersuchten die mit dem neuen Instrument berechneten Demenzraten und verglichen sie mit den beobachteten Demenzraten. Der Score wurde im Ontario Stroke Registry (11 regionale Schlaganfallzentren) ermittelt und im Ontario Stroke Audit validiert, einer separaten, zufällig ausgewählten Stichprobe von Patienten aus allen Krankenhäusern der Provinz.

Ermittlung des Demenzrisikos

Das Durchschnittsalter der Teilnehmenden lag bei 70 Jahren, 53 % waren Männer und 47 % Frauen. Mithilfe des neuen Risikoprädiktionsinstruments berechneten die Forschenden das individuelle Demenzrisiko für Zeiträume von einem, fünf und zehn Jahren. Auf Grundlage der vorhandenen Risikofaktoren wurden die Teilnehmenden in fünf Gruppen von niedrigem bis hohem Risiko eingeteilt.

In die Berechnung flossen unter anderem Alter, Diabetesstatus, Depression, funktionelle Einschränkungen und Geschlecht ein. Aus Anzahl und Gewichtung dieser Faktoren wurde ein Gesamtscore ermittelt, der die Wahrscheinlichkeit einer späteren Demenzerkrankung angibt.

Zur Validierung prüfte das Team zusätzlich Daten einer ähnlich großen Gruppe aus dem Ontario Stroke Audit. Die Risikowerte wurden getrennt für Personen mit TIA und für Personen mit Schlaganfall berechnet.

Die wichtigsten Risikofaktoren

Bei Menschen mit einer TIA waren die wichtigsten Risikofaktoren für eine Demenz höheres Alter, die Notwendigkeit von Hilfe bei Aktivitäten des täglichen Lebens vor der TIA, Diabetes, Depressionen, kognitive Symptome bei der Aufnahme (wie Gedächtnis-, Urteils- oder Aufmerksamkeitsstörungen) und eine Behinderung bei der Entlassung aus dem Krankenhaus.

Die wichtigsten Risikofaktoren für die Entwicklung einer Demenz bei Menschen mit einem Schlaganfall waren höheres Alter, weibliches Geschlecht, Diabetes, Depressionen, intrazerebrale Blutung (im Vergleich zu einem ischämischen Schlaganfall), kognitive Symptome während des Krankenhausaufenthalts oder eine stärkere Behinderung bei der Entlassung aus dem Krankenhaus.

Der Risikorechner nutzte die wichtigsten Risikofaktoren für Demenz, um Personen in verschiedene Risikostufen für die nächsten zehn Jahre nach einem Schlaganfall einzuteilen. Teilnehmende mit dem höchsten geschätzten Risiko hatten eine 50-prozentige Wahrscheinlichkeit, innerhalb von zehn Jahren an Demenz zu erkranken. Im Vergleich hatten Teilnehmende mit dem niedrigsten Risiko nur eine Wahrscheinlichkeit fünf Prozent.

Chancen und Limitationen des Vorhersageinstruments

Der Risikorechner soll vor der Entlassung aus dem Krankenhaus eingesetzt werden. Den Autoren zufolge hat er das Potenzial, Ärzten bei der Beurteilung zu helfen, ob Patientinnen oder Patienten nach zerebrovaskulären Ereignissen eine langfristige Demenz entwickeln könnten.

Die Studienautoren weisen allerdings auch darauf hin, dass der aktuelle Fokus auf der Risikostratifizierung von Patienten für Forschungsstudien und klinische Studien zur Demenzprävention liegt. Momentan wird der Risikorechner noch nicht zur klinischen Entscheidungsfindung oder Behandlung eingesetzt.

„Demenz ist eine schwerwiegende Erkrankung, die häufig nach einem Schlaganfall auftritt“, so Joundi. „Obwohl unser traditioneller Fokus auf der Prävention eines erneuten Schlaganfalls lag, was sehr wichtig ist, müssen wir der Entwicklung von Demenz und ihrer Prävention mehr Aufmerksamkeit schenken. Langfristig gesehen ist Demenz häufiger als ein erneuter Schlaganfall. Ein gesunder Lebensstil und die Kontrolle vaskulärer Risikofaktoren können das Demenzrisiko senken, aber wir benötigen neue und wirksame gezielte Interventionen zur Demenzprävention.“

Eine Einschränkung der Studie besteht darin, dass keine Daten über die Art der möglicherweise auftretenden Demenz vorlagen. Den Forschenden standen keine Bildgebungsaufnahmen der Studienteilnehmenden zur Verfügung, die detailliertere Informationen über die Lage und Größe des Schlaganfalls oder das Vorhandensein verdeckter Infarkte (kleiner ischämischer Hirnläsionen) geliefert hätten.

(lj/BIERMANN)

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