Robotischer Anzug: Mit einem weichen Exosuit einfacher aufstehen2. Oktober 2026 Xiaohui Zhang vom Lehrstuhl für Intelligente Bio-Robotische Systeme der TUM zeigt ihr Exoskelett, das älteren Menschen mit Hüftproblemen das Aufstehen erleichtert. (Foto: Andreas Heddergott/TUM) Forschende der Technischen Universität München (TUM) haben einen Anzug entwickelt, der mithilfe künstlicher Sehnen die Hüftstreckung unterstützt. Diese helfen älteren Menschen dabei, aus einem Stuhl aufzustehen und effizienter zu gehen. Wenn man von einem Stuhl aufsteht, sind die Bewegungsabläufe eingespielt, ohne darüber nachzudenken. Soll ein robotergestützter Anzug einen Teil des nötigen Kraftaufwands übernehmen, muss er daher intuitiv und synchron auf die Körperbewegungen reagieren. „Wir nutzen maschinelles Lernen, um den Menschen genau im richtigen Moment die notwendige Unterstützung zu bieten“, sagt der Forscherin Dr. Xiaohui Zhang vom Lehrstuhl für Intelligente Bio-Robotische Systeme der TUM School of Computation, Information and Technology. Um dieses System zu entwickeln und den Algorithmus zu trainieren, sammelten die Forschenden zunächst Bewegungsdaten einer Gruppe junger, gesunder Personen. Denn je mehr Nutzungsdaten vorliegen, desto besser kann das System verfeinert werden, so die TUM, die das System folgend berschreibt: Robotische Assistenz wie von alleine Das Robotersystem lässt sich wie ein Anzug in nur wenigen Minuten an- und ausziehen. Es verfügt über zwei Oberschenkelriemen, einen Hüftgurt und künstliche Sehnen, die zu einem kleinen Motor führen, der am Rücken getragen wird – fast wie ein Rucksack. Zwei Sensoren an den Oberschenkeln messen die Bewegungen der Beine. Erkennt das System, dass die Person aufsteht oder geht, zieht der Motor an den Sehnen und stützt die Hüfte. „Die Sensoren erfassen die Bewegungen der Nutzerin oder des Nutzers in Echtzeit und senden diese Informationen an die Steuerung, die dann den Motor aktiviert“, erklärt Zhang. Die Nutzerinnen und Nutzer stehen häufiger und schneller auf Zehn ältere Erwachsene „mit eingeschränkter Funktionsfähigkeit der unteren Extremitäten“ testeten den Exosuit im Rahmen der wissenschaftlichen Studie. Sie waren zwischen 69 und 85 Jahre alt. In diesem Alter ist ein Mensch im Alltag in der Regel bereits weit über eine Million Mal von einem Stuhl aufgestanden, was mit zunehmden Alter oft schwerer fällt. Mit der Unterstützung des Exosuits fiel das Aufstehen wieder leichter: Einige Teilnehmenden schafften bis zu vier zusätzliche Sitz-Steh-Zyklen pro Minute, wobei sich die Zyklusdauer um bis zu 21,9 Prozent verkürzte. Im Durchschnitt standen die Personen der Versuchsgruppe 18 Mal pro Minute auf – zwei Mal mehr als zuvor. Auch das Gehen wurde effizienter: Der Stoffwechselaufwand sank im besten Fall um 27,5 Prozent durchschnittlich um 14 Prozent. Auch die subjektiven Eindrücke der Nutzerinnen und Nutzer waren sehr positiv: Obwohl sie einen robotergestützten Assistenzanzug als technische Hilfe trugen, hatten sie dennoch das Gefühl, die Kontrolle über ihre eigenen Bewegungen zu behalten. „Auf einer 7-Punkte-Skala bewerteten sie ihr Gefühl der Eigenverantwortung mit über 6, was auf ein hohes Maß an wahrgenommener Autonomie hindeutet“, sagt Forscherin Zhang. „Es ist klasse zu sehen, dass unsere Algorithmen den Menschen tatsächlich im Alltag helfen können.“ Robotische Assistenz wie ein normales Kleidungsstück „Die Menschen haben unseren Roboteranzug getragen und berichten, dass er nicht als störend empfunden wird und bequem über normaler Kleidung getragen werden kann“, erklärt Prof. Lorenzo Masia, Geschäftsführer des TUM MIRMI Robotics Institute und Leiter des Lehrstuhls für Intelligente Bio-Robotische Systeme. Zum Einsatz kommen soll der Exosuit bei älteren Menschen, die länger selbstständig bleiben möchten, sowie in der Rehabilitation. Hintergrund: Das Munich Institute of Robotics and Machine Intelligence (TUM MIRMI) ist ein auf Robotik und KI fokussiertes integratives Forschungsinstitut der TUM. Das MIRMI verfügt über Expertise auf zentralen Gebieten der Robotik, zum Beispiel Perzeption und Data Science. Knapp 80 TUM-Lehrstühle sind im TUM MIRMI vernetzt, um robotische und KI-unterstützte Lösungen für Umwelt, Gesundheit, Mobilität, Arbeit sowie Sicherheit und Verteidigung zu entwickeln. Originalarbeit: Zhang X et al. Enhancing sit-to-stand transitions and walking efficiency in older adults with a soft robotic suit. Nat Commun 2026;17(1):6540.