ROP: Neue Therapieoption und überarbeitete Screening-Leitlinie

Prof. Andreas Stahl erläuterte Neuerungen in Therapie und Screening der Frühgeborenenretinopathie. Fotos: ©Tobilander – stock.adobe.com/Biermann Medizin (Archiv)

Netzhautschäden infolge einer Frühgeburt sind in Deutschland die häufigste Erblindungsursache bei Kindern. Da immer mehr extrem früh geborene Babys überleben, steigt die Zahl der Betroffenen mit einer Frühgeborenenretinopathie (ROP) an. Für die Behandlung steht nun seit kurzem neben dem herkömmlichen Laserverfahren eine zugelassene Therapie mit dem VEGF-Inhibitor Ranibizumab zur Verfügung.

Welche Vorteile die Anti-VEGF-Behandlung im Vergleich zum Laser hat, erläuterte Prof. Andreas Stahl, Direktor der Universitäts-Augenklinik Greifswald, auf der Vorab-Pressekonferenz zum 118. Kongress der Deutschen Ophthalmologischen Gesellschaft (DOG), der vom 9. bis 11. Oktober online stattfindet.

Eine zu frühe Geburt kann die Gefäßentwicklung in der Netzhaut stören und so eine Frühgeborenenretinopathie (Retinopathy of prematurity = ROP) auslösen. Bleibt die Augenerkrankung unentdeckt und unbehandelt, droht den Kindern im schlimmsten Falle die Erblindung. Das aber wird durch eine rechtzeitige Therapie in der Regel verhindert. In Deutschland kommen nach Angaben der Fachgesellschaft jährlich etwa 65.000 Frühgeborene zur Welt, davon müssen bis zu 500 Kinder mit einem behandlungsbedürftigen ROP-Stadium therapiert werden.

Anti-VEGF-Therapie als Alternative zur Laserkoagulation
Das Laserverfahren galt seit den 1990er-Jahren als therapeutischer Goldstandard. Dabei werden die äußeren Randgebiete der Netzhaut mit einem Laserstrahl verödet (retinale Laserkoagulation), um ein Voranschreiten der Erkrankung bis hin zur bedrohlichen Netzhautablösung zu verhindern. Nun wurde Ende 2019 auch die Anti-VEGF-Therapie mit dem Wirkstoff Ranibizumab von den europäischen Behörden zur Behandlung der ROP zugelassen. Damit stehe eine neue Therapieoption für alle Krankheitsstadien zur Verfügung, die klassischerweise mit Laser behandelt werden, berichtete Stahl.

Weniger extreme Kurzsichtigkeit, weiteres Gefäßwachstum
Ranibizumab, so die Fachgesellschaft, hemme die Krankheitsaktivität mindestens so gut wie die Lasertherapie – das belege eine weltweit an 86 Zentren durchgeführte randomisierte Studie, die zwei verschiedene Ranibizumab-Dosierungen mit der herkömmlichen Lasertherapie verglichen habe. Den Ergebnissen der RAINBOW-Studie* zufolge habe die Injektionstherapie sogar Vorteile gegenüber der Laserkoagulation.

Nach der Anti-VEGF-Therapie könne im Gegensatz zur Laserbehandlung die Netzhaut in den Randbereichen weiter ausreifen, erläuterte Stahl. Und anders als nach der Lasertherapie könnten diese Bereiche somit später zur Sehfunktion des Kindes beitragen. Darüber hinaus sei ein weiterer wichtiger Vorteil beobachtet worden. Die Anti-VEGF-Behandlung verringere die Häufigkeit des Auftretens hoher Myopie, fügte Stahl hinzu.
Wichtig bei der Entscheidung für die Anti-VEGF-Therapie sei jedoch die Möglichkeit, die im Vergleich zur Lasertherapie aufwendigen und langfristigen Nachkontrollen sicherstellen zu können, um ein etwaiges Rezidiv nicht zu verpassen.

Ein zentrales Instrument zur Beantwortung der Fragen, ob die Studiendaten den Realitätstest bestehen, wann welche Therapieoption zu wählen ist – in enger Abstimmung der Augenärzte mit den Neonatologen und Eltern – und welche langfristigen Effekte die Anti-VEGF-Therapie zeigt, ist das Retina.net-ROP-Register. In diesem Register werden zahlreiche Behandlungsverläufe aus der klinischen Routinebehandlung gesammelt und ausgewertet. Stahl rief daher die Behandler auf, hier möglichst viele Daten einzugeben.

Neue Leitlinie setzt Screening-Alter herab
Eine weitere Neuerung bringt die Überarbeitung der deutschen Screening-Leitlinie für Frühgeborenenretinopathie**, die im Sommer 2020 veröffentlicht wurde: Da die aktualisierte Leitlinie das Untersuchungsalter für Frühgeborene von der vollendeten 32. Schwangerschaftswoche auf 31 Wochen herabsetzt, werden künftig weniger Kinder gescreent. Damit könnten nun unnötige, für die Kinder belastende Untersuchungen vermieden werden, erklärte Stahl. Die Anpassung der Leitlinie sei ein wichtiger Schritt, der allen Beteiligten das Leben leichter mache.

Insgesamt zeigen die Neuerungen in Therapie und Screening die enorme Dynamik, die sich in der Frühgeborenenretinopathie entfaltet hat und die weiter zur Verbesserung der Versorgung der Kinder beiträgt, so das Resümee der Fachgesellschaft.

Anm. d. Red.:
*Link zur Studie: https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/31522845/

**Link zur Leitlinie: https://www.awmf.org/uploads/tx_szleitlinien/024-010l_S2k_Augenaerztliche_Screening-Untersuchung_Fr%C3%BChgeborene_2020-07.pdf