SARS-CoV-2: Anlasslose Freitests für Alle?

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Vermutlich aufgrund des verstärkten Reiseaufkommens und regionaler Ausbruchsgeschehen wie zuletzt in Niederbayern oder Nordrhein-Westfalen ist auch in der 30. Kalenderwoche die Zahl der SARS-CoV-2-PCR-Tests weiterhin höher als im längerfristigen Wochendurchschnitt – mit einem Plus von circa einem Prozent auf einem neuen Höchststand von 493.221 Tests.

Die durch die Akkreditierten Labore in der Medizin (ALM) seit Anfang März durchgeführte wöchentliche Datenerhebung, an der nun bereits 144 Labore teilnehmen, zeigt darüber hinaus einen Anstieg der positiven Ergebnisse um 29 Prozent auf 3974 (Positivrate 0,8 Prozent). Die Testkapazität liegt aktuell bei 967.400 Tests pro Woche.

„Die steigenden Fallzahlen zeigen, dass es weiterhin wichtig und angemessen ist, bei bestehendem Anlass mit niedrigschwelligem Angebot breit und umfassend zu testen – ganz im Sinne der Teststrategie der Bundesregierung ‘Testen, testen, testen, aber gezielt!’. Die PCR-Tests sollten dort eingesetzt werden, wo sie besonders nötig sind – zum Beispiel bei regionalen Ausbrüchen”, betont Dr. Michael Müller, 1. Vorsitzender des ALM.

Die Mitglieder des fachärztlichen Berufsverbandes weisen erneut darauf hin, dass es nicht sinnvoll sei, labordiagnostische Leistungen für alle Bürger unbegrenzt und ohne Anlass als frei verfügbar zu versprechen. „Es ist mehr als verständlich, dass sich Bürgerinnen und Bürger Sicherheit wünschen und die Bundesregierung das Pandemiegeschehen in der Reisezeit mit allen Mitteln eindämmen möchte. Dennoch sollte eine wesentliche Grundregel in der Medizin beachtet werden, nämlich diagnostische Verfahren nicht ohne entsprechenden Anlass anzuwenden.“

Als Facharzt für Laboratoriumsmedizin hat Müller neben dem ressourcenschonenden Einsatz begrenzter Mittel auch die nur scheinbare Sicherheit, in der sich alle Beteiligten wiegen könnten, im Blick: „Das ‘Einfach-so-Freitesten’ von Reiserückkehrern mit Aufhebung der Quarantänepflicht bei negativem Ergebnis ist ein nicht kalkulierbares Risiko. Als Reaktion darauf jetzt einfach ‘zwei Tests’  im Abstand weniger Tage zuzusagen, verkennt die Fakten“, so Müller. „Wichtiger ist es, die PCR-Untersuchung zum möglichst richtigen Zeitpunkt durchzuführen, wobei der Qualität der Abstrichentnahme eine große Bedeutung zukommt.“

„Es ist sicher richtig und auch wichtig, besorgten Bürgerinnen und Bürgern ein leicht zugängliches Angebot zur SARS-CoV-2-Diagnostik zu machen“, betont auch Dr. Wolf Kupatt, Vorstand im ALM. Dieses bestehe allerdings schon seit Wochen. „Noch wichtiger ist eine konsequente und wirkungsvolle Prävention, die darin besteht, dass sich die Menschen an die AHA-Regel mit ‘Abstand’, ‘Hygiene’ und ‘Alltagsmaske’ halten und bei den ersten Symptomen, mögen diese auch unklar ein, eine Teststelle oder Ihren Hausarzt aufsuchen.“ Das gelte auch im Falle von Kontakten mit etwaigen Infizierten und dies für alle, nicht nur für die Reiserückkehrer. „Im März und April war das ein breiter gesellschaftlicher Konsens. Den brauchen wir auch jetzt wieder“, so Kupatt.

Auf ihrer 93. Konferenz am vergangenen Freitag hatten die Minister sowie Senatoren für Gesundheit der Länder im Einvernehmen mit dem Bundesminister für Gesundheit den Beschluss gefasst, dass Reiserückkehrer und sonstige Einreisende aus Risikogebieten im Ausland (veröffentlicht durch das RKI) grundsätzlich die Möglichkeit erhalten sollten, nach Einreise in die Bundesrepublik Deutschland auf Basis der Testverordnung des Bundes getestet zu werden. Wer über kein negatives Testergebnis verfüge, müsse sich nach landesrechtlicher Regelung in eine 14-tägige häusliche Absonderung begeben. Auch wer aus Staaten einreist, die nicht als Risikogebiete im Sinne der Veröffentlichungen des Robert Koch-Instituts ausgewiesen sind, kann sich demnach innerhalb von 72 Stunden nach Einreise im Rahmen der Testverordnung testen lassen.
Eine rechtliche Verpflichtung zur Testung werde noch geprüft, heißt es, sei jedoch das Ziel der in dieser Woche erwarteten Anpassung der Rechtsverordnung.

Aus Sicht des ALM ist eine unkritische Testung aller Reiserückkehrern medizinisch-fachlich nicht sinnvoll und auch infektionsepidemiologisch von geringem Nutzen. Auch wenn die PCR-Testkapazitäten im Moment noch mehr als ausreichend seien, sei das kein Grund, diese auch auszuschöpfen, so der fachärztliche Berufsverband. „Die Kapazitäten wurden aufgebaut und werden vorgehalten, um analog der Situation auf den Intensivstationen im Falle einer deutlichen Zunahme des Infektionsgeschehens gut und sicher vorbereitet zu sein sowie kurzfristige Spitzen im Testgeschehen wie bei aktuellen regionalen Ausbrüchen abzudecken“, erklärt Dr. Müller. „Ob beim generellen Testen von Reiserückkehrern Nutzen und Aufwand in einem angemessenen Verhältnis stehen, darf infrage gestellt werden. Möglicherweise bietet ein Konzept mit Fokus auf eine fallbezogene ‘Cluster-Isolierung’ und konsequente zeitnahe Testung aller Kontaktpersonen eine weitere Verbesserungsoption.“

Prof. Jan Kramer, Vorstand im ALM, warnt auch davor, rein kommerziell ausgerichtete Anbieter für die Testungen zu beauftragen oder zuzulassen: „Bund und Länder sollten im Blick haben, dass Testkapazitäten bei allen Bemühungen um Ausweitung immer begrenzt sind und dass die PCR-Untersuchung eine komplexe Leistung ist, die nur durch fachärztlich verantwortete Labore qualitätsgesichert, effektiv und effizient durchgeführt werden kann. Denn nur hier gelten die für eine gute Patienten- und Versichertenversorgung bestehenden Regeln der ärztlichen Berufsordnung, der Qualitätssicherung und auch der ärztlichen Sorgfaltspflicht. Es ist ein hohes Risiko, wenn nicht-ärztliche oder rein industrielle Anbieter das Recht der Patienten auf eine qualitätsgesicherte medizinische Diagnostik durch Angebote, zum Beispiel auf Internetplattformen, unterlaufen und dabei letztlich nur mit der Sorge vor einer Ansteckung spielen.“

Statt nur auf die rein quantitative Ausweitung der Testungen zu setzen, sollten Bund und Länder nach Auffassung des ALM verstärkt auf die konsequente Umsetzung der nationalen Teststrategie und eine rasche Umsetzung der Digitalisierung des elektronischen Meldewesens setzen. „Hieran beteiligen sich die Mitgliedslabore des ALM e.V. sehr intensiv und schaffen damit die Datengrundlage für eine umfassende tagesaktuelle Lageeinschätzung“, sagt Dr. Christian Scholz, als Vorstand im ALM Leiter der AG IT. „Darüber hinaus unterstützen wir seit mehr als fünf Monaten mit unserer standardisierten wöchentlichen Datenerhebung, an der derzeit 144 Labore teilnehmen, die Behörden im Bund und in den Ländern“, ergänzt Dr. Michael Müller. Zudem stünden die Experten im ALM und in den Laboren mit Tausenden von Mitarbeitern tagtäglich für eine gute Versorgung der Menschen mit Labordiagnostik ein.