SARS-CoV-2: Möglicher protektiver Effekt durch Androgenentzug22. Mai 2020 Grafik: David Spieth – stock-adobe.com Einer italienisch-schweizerischen Studie zufolge könnte die Androgendeprivationstherapie (ADT) bei fortgeschrittenem Prostatakarzinom einen schützenden Effekt gegenüber einer Infektion mit SARS-CoV-2 haben. In ihrer populationsbasierten Studie (1) untersuchten die Autoren die Daten von 9280 mit dem Virus infizierten Patienten aus 68 Krankenhäusern im Veneto, einer der am stärksten von der Corona-Pandemie betroffenen Regionen Italiens, im Zusammenhang mit Daten aus dem Veneto-Register für SARS-CoV-2-Infektionen, dem Tumorregister Archive und dem Regional Medicines Technical Commission (CTRF). Männer stärker betroffen Von den Patienten waren 4532 Männer. Wie bereits aus einer früheren Studie (2) bekannt, waren Männer häufiger von schwereren Verläufen der COVID-19-Erkrankung betroffen: Obwohl die Mehrheit (56%) der Infizierten weiblich war, waren 60 Prozent der hospitalisierten Patienten Männer; in der Intensivstation machten Männern mit 78 Prozent sogar die große Mehrheit aus. Auch waren Männer unter den verstorbenen Patienten mit 62 Prozent überrepräsentiert. Zudem hatten unter den Männern mehr Krebspatienten schwere Krankheitsverläufe als Patienten ohne Krebs. Betrachtet man die Gesamtpopulation der Prostatakrebspatienten, so hatten diejenigen ein geringeres Risiko für eine Infektion, die mit ADT behandelt wurden: Nur vier der 5273 im Veneto mit ADT behandelten Prostatakrebspatienten wurde infiziert und keiner starb. Verglichen mit der Gesamtheit aller SARS-CoV-2-Infektionen war das Risiko für ADT-Patienten also geringer, mit dem Virus infiziert zu werden (OR 4.05; 95%-KI 1,55–10,59). Noch größer fiel der Unterschied aus, wenn die Anzahl der Prostatakrebspatienten mit ADT den Patienten mit Krebserkrankungen aller Art gegenübergestellt wurde (OR 5,17; 95%-KI 2,02–13,40). Androgenabhängiger Zelleintritt Montopoli et al. postulieren daher einen protektiven Effekt der Androgendeprivation gegenüber der SARS-CoV-2-Infektion. Die Autoren bieten auch ein Erklärungsmodell für das beobachtete Phänomen an: Zweck der ADT ist es, die Androgene herunterzuregulieren, da der Tumor diese zum Wachstum braucht. Androgenabhängig ist aber auch die Serinprotease TMPRSS2, und diese wiederum spielt eine wichtige Rolle in der Infektion mit dem neuen Corona-Virus: Nachdem das Virion mit seinem Spike-Protein an das membranständige Enzym ACE2 gebunden hat, ist TMPRSS2 – wie auch bei anderen viralen Infektionsvorgängen – das Enzym, das die Fusion der Membranen und damit die Integration des Virus in die Zelle vermittelt. Dieser Mechanismus würde dann im Zuge der Androgendeprivation ebenfalls herunterreguliert. (ms) Literatur: Montopoli M et al. Androgen-deprivation therapies for prostate cancer and risk of infection by SARS-CoV-2: a population-based study (n=4532). Ann Oncol 2020 May 4;S0923-7534(20)39797-0Cai H. Sex difference and smoking predisposition in patients with COVID-19. Lancet Respir Med 2020 Apr;8(4):e20.
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