Schlaganfall-Warnzeichen werden in der Schwangerschaft oft übersehen

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Die Frühwarnzeichen eines Schlaganfalls werden bei Schwangeren und Postpartalen allzu oft übersehen, wie aktuelle Studiendaten aufzeigen. Die American Heart Association erarbeitete konsensbasierte Vorschläge für Diagnostik, Prävention und Akutbehandlung.

Der Schlaganfall ist weltweit eine der häufigsten Ursachen für mütterliche Todesfälle und Behinderungen und für mindestens jeden zwölften mütterlichen Todesfall verantwortlich. Obwohl er insgesamt selten ist, steigt das Schlaganfallrisiko bei Patientinnen mit Präeklampsie, Bluthochdruck oder anderen Risikofaktoren für einen Schlaganfall deutlich an.

Mütterliche Schlaganfälle können sich durch unspezifische Symptome wie starke Kopfschmerzen, Nackenschmerzen oder Verwirrtheit äußern. Möglicherweise trägt ein ungewöhnliches Beschwerdebild dazu bei, die Warnzeichen nicht als solche wahrzunehmen. Um die Häufigkeit verpasster Diagnosemöglichkeiten zu untersuchen und einen Plan zu deren Verbesserung zu entwickeln, analysierte ein Team der University of Pittsburgh School of Medicine (USA) die Behandlung von 135 Frauen mit schwangerschaftsbedingtem Schlaganfall in fünf spezialisierten Schlaganfallzentren in den Vereinigten Staaten. Die Patientinnen hatten hauptsächlich über neurologische Ausfälle (57 %), Kopfschmerzen (53 %), systemische Symptome (26 %) und Bewusstseinsstörungen (19 %) geklagt.

Selbst typische Symptome übersehen

Die im Fachmagazin „Stroke“ publizierten Ergebnisse zeigen: Mehr als jede vierte (n=37; 27 %) der inkludierten Frauen hatte im Vormonat aufgrund von Schlaganfallsymptomen Kontakt zu medizinischem Fachpersonal, erhielt aber keine rechtzeitige Diagnose. Patientinnen mit übersehenen Schlaganfall-Warnzeichen waren häufiger von einem hämorrhagischen Schlaganfall betroffen. Der Großteil (92 %) der Patientinnen mit verpasster Diagnosemöglichkeit im Monat vor der Schlaganfalldiagnose hatte mindestens einen dokumentierten Arztkontakt, verglichen mit 59 Prozent der Patientinnen, denen direkt eine Diagnose gestellt wurde.

Dr. Eliza Miller, Hauptautorin der Studie und außerordentliche Professorin für Neurologie an der University of Pittsburgh, berichtet: „Unsere Analyse ergab, dass fast die Hälfte der Patientinnen, die vor der Schlaganfalldiagnose einen Arzt aufgesucht hatten, von Gynäkologen und etwa ein Drittel von Notfallmedizinern untersucht wurden.“ Bei Patientinnen mit verpasster Diagnosemöglichkeit trugen laut Studiendaten unter anderem das Nichterkennen von Symptomen (84 %; n=31) und das Unterlassen geeigneter neuroradiologischer Untersuchungen (81 %; n=30) dazu bei, den Schlaganfall zu übersehen. Und das, obwohl die klinische Präsentation bei 35 von 37 (95%) Patienten als typisch für die endgültige Schlaganfalldiagnose beurteilt wurde.

Awareness bei Ärztinnen und Ärzten schaffen

„Unsere Ergebnisse zeigen, dass Frühwarnzeichen oft übersehen werden, insbesondere von Ärzten ohne neurologische Ausbildung, und dass Fortbildungen über Fachgrenzen hinweg unerlässlich sind“, betont Miller daher. Sie ergänzt: „Schlaganfallprävention ist lebenswichtig. Wir müssen diagnostische Lücken schließen, um die Gesundheit von Müttern zu schützen.“ Miller selbst leitet nun Initiativen, um Ärztinnen und Ärzte, die Schwangere und postpartale Frauen betreuen, beim Erkennen und Reagieren auf potenzielle Schlaganfallsymptome zu unterstützen.

Empfehlungen zu Prävention und Behandlung

Wie das aussehen kann, erklären Expertinnen und Experten um Miller in einem aktuellen wissenschaftlichen Statement der American Heart Association. Ihr Statement sei das Ergebnis einer multidisziplinären Anstrengung, den aktuellen Wissensstand zu den Risikofaktoren und vielfältigen Ursachen von Schlaganfällen in der Schwangerschaft zusammenzufassen und konsensbasierte Empfehlungen für Prävention, Akutbehandlung und postpartale Rehabilitation zu geben, schreiben sie.

Zur Primärprävention eines Schlaganfall schlagen sie folgende Strategien vor:

  • die Modifizierung von Risikofaktoren
  • eine konsequente Blutdrucksenkung und die umgehende Behandlung von schwerem Bluthochdruck in Schwangerschaft und Wochenbett
  • eine antithrombotische Therapie in bestimmten Risikogruppen.

Die sekundären Präventionsstrategien in der Schwangerschaft müssten sich nach der Art des vorangegangenen Schlaganfalls richten.

Diagnostik und Entbindung

Auf welche Bildgebenden Verfahren sollte zur raschen Beurteilung schwangerer Patientinnen mit akuten Schlaganfallsymptomen zurückgegriffen werden? Die Expertinnen und Experten empfehlen eine Computertomographie (CT), CT-Angiographie (CTA) und Magnetresonanztomographie (MRT) ohne Kontrastmittel.

Liegt ein akuter Schlaganfall vor, dürfe die Schwangerschaft die evidenzbasierte Behandlung nicht verzögern, heben die Autoren des Statements hervor. Für eine schnelle Entscheidungsfindung könne auf Telemedizin zurückgegriffen werden, um Gefäßneurologen und Spezialisten für Pränatalmedizin frühzeitig zu konsultieren. Ein akuter Schlaganfall allein sei jedoch keine Indikation für eine sofortige Entbindung, die Stabilisierung der Mutter habe Priorität. Hinsichtlich der Entbindung selbst wird von der AHA – sofern möglich – die vaginale Variante nach einem Schlaganfall bevorzugt. Damit lassen sich die mit einem Kaiserschnitt verbundenen Operationsrisiken und die hämodynamische Belastung vermeiden. Schließlich wird darauf hingewiesen, dass die postpartale Versorgung von Mutter und Kind durch ein multidisziplinäres Rehabilitationsteam unterstützt werden sollte.

Weitere Forschung notwendig

Insgesamt bedürfe es weitergehender Forschung, um die Schlaganfallrisikobewertung zu verfeinern, die Behandlungsmöglichkeiten zu erweitern und die Ergebnisse für die Mütter zu verbessern. In diesem Zusammenhang bringen die Autoren der oben genannten „Circulation“-Studie die Einrichtung eines multizentrischen Patientenregisters für Schlaganfälle bei Müttern ins Spiel. Ein solches könnte die Erfassung von Risikofaktoren und Behandlungsergebnissen erleichtern.

(ah/BIERMANN)