Schneller Gewichtsverlust effektiver für klinisch relevante und nachhaltige Gewichtsabnahme?2. Juni 2026 Zu schneller Gewichtsverlust wird allgemein als ungesund angesehen – doch stimmt diese Annahme? Symbolbild: Pixel-Shot/stock.adobe.com Einer klinischen Studie zufolge verlieren Menschen mit Adipositas im Rahmen eines strukturierten Programms für schnellen Gewichtsverlust (RWL) nicht nur mehr Gewicht, sondern können dieses auch effektiver halten. Die neuen Daten wurden auf dem ECO 2026 vorgestellt. Bei Menschen mit Adipositas, die ihr Gewicht reduzieren wollen, könnte entgegen gängiger Annahmen ein schneller Gewichtsverlust (RWL) weitaus effektiver sein als ein langsamer (gradueller) Gewichtsverlust (GWL) – sowohl im Hinblick auf das Ausmaß der Gewichtsabnahme als auch die Erhaltung. Das legen neue Forschungsergebnisse nahe, die auf dem diesjährigen European Congress on Obesity (ECO 2026) in Istanbul (Türkei) präsentiert wurden. Geleitet wurde die Studie von Dr. Line Kristin Johnson und Kolleg:innen aus der Abteilung für Endokrinologie, Adipositas und Ernährung des Vestfold Hospital Trust in Tønsberg (Norwegen). Das Zentrum fungiert als Kooperationszentrum der European Association for the Study of Obesity (EASO) (EASO-COM-Centre); diese Organisation ist federführend bei der Interessenvertretung und Aufklärungsarbeit zum Thema Adipositas in Europa und richtet zudem den ECO aus. Ist ein schneller Gewichtsverlust ungesund? Ein rapider Gewichtsverlust (RWL) ist ungesund und erhöht die Wahrscheinlichkeit einer erneuten Gewichtszunahme – so lautet zumindest eine weit verbreitete Annahme. Laut den Autor:innen der aktuellen Studie stützen sich diese Bedenken jedoch größtenteils auf Beobachtungsdaten, historische Annahmen oder kleine, methodisch eingeschränkte Studien. Die wissenschaftliche Evidenz, die diese Behauptungen direkt stützt, sei insgesamt begrenzt und widersprüchlich, so die Forschenden. Zudem seien qualitativ hochwertige Belege aus randomisierten kontrollierten Studien relativ rar. Eine kürzlich veröffentlichte, große bevölkerungsbasierte Kohortenstudie von Busetto et al. (2025) kam zu dem Schluss, dass ein Body-Mass-Index (BMI) von ≤ 27 kg/m² sowie ein Taille-Größe-Verhältnis (WHtR) von ≤ 0,53 nach einer Gewichtsabnahme klinisch bedeutsame Behandlungsziele darstellen könnten. Deren Erreichung zielt darauf ab, das 10-Jahres-Risiko für adipositasbedingte Komplikationen zu senken. Dazu zählen beispielsweise Typ-2-Diabetes, Hypertonie, atherosklerotische Herz-Kreislauf-Erkrankungen sowie Hüft- und Kniearthrose. Die Forschenden um Johnson untersuchten in ihrer Studie die Wirksamkeit eines RWL-Programms hinsichtlich der Erreichung genau dieser Behandlungsziele und verglichen sie mit der eines GWL-Programms. Die 52-wöchige randomisierte klinische Studie wurde als Kooperation zwischen der Abteilung für Endokrinologie, Adipositas und Ernährung des Vestfold Hospital Trust und Roede AS durchgeführt, einem der führenden Anbieter kommerzieller Programme zur Gewichtsabnahme in Norwegen. Anfangs höchstens 1000 Kalorien am Tag Insgesamt 284 Erwachsene mit Adipositas (BMI ≥ 30) wurden im Verhältnis 1:1 randomisiert und entweder einem 16-wöchigen, ernährungsbasierten RWL- oder GWL-Programm zugewiesen. 257 (90 %) der Teilnehmenden waren weiblich. Das RWL-Programm bestand dabei aus drei Intervallen: In Woche 1 bis 8 nahmen die Teilnehmenden höchstens 1000 Kilokalorien pro Tag zu sich, in Woche 9 bis 12 höchstens 1300 kcal/Tag und in Woche 13 bis 16 höchstens 1500 kcal/Tag. Die Teilnehmenden im GWL-Programm sollten täglich rund 800 bis 1000 kcal unter ihrem geschätzten Gesamtenergieverbrauch liegen; die selbstberichtete Aufnahme lag hier im Durchschnitt bei circa 1400 kcal/Tag. Im Anschluss an diese anfängliche Phase der Gewichtsreduktion erfolgte für alle Teilnehmenden das gleiche 36-wöchige Programm zur Prävention einer erneuten Gewichtszunahme. Bereits während der ersten 16 Wochen umfassten die Interventionen zusätzlich wöchentliche persönliche Gruppensitzungen. Darauf folgten in den ersten drei Monaten persönliche Gruppentreffen im 14-tägigen Rhythmus und in den verbleibenden fünf Monaten monatliche Treffen oder individuelle Kontakte per Webinar, Video oder Telefon. In diesen Sitzungen wurde den Teilnehmenden geraten, ihre tägliche Energieaufnahme im ersten Monat nach der Gewichtsabnahme schrittweise um 100 bis 300 kcal zu steigern, bis eine Gewichtsstabilität erreicht war. Anschließend wurde die tägliche Energieaufnahme während der gesamten achtmonatigen Phase der Gewichtserhaltung bedarfsweise und in Reaktion auf etwaige begleitende Gewichtsveränderungen angepasst. Den Teilnehmenden stand es frei zu entscheiden, ob sie ihr Gewicht halten oder eine weitere Gewichtsabnahme anstreben wollten. Die Mehrheit entschied sich nach Ablauf der anfänglichen 16-wöchigen Phase für eine weitere Gewichtsreduktion. Die Lebensmittelzusammensetzung beider Programme orientierte sich an den aktuellen norwegischen Ernährungsempfehlungen, die vom Norwegischen Gesundheitsdirektorat (Norwegian Directorate of Health) herausgegeben wurden. Zu den zentralen Empfehlungen zählt der Verzehr von Gemüse, Obst, Vollkornprodukten, fettarmen Milchprodukten, Fisch, Eiern, magerem Fleisch und anderen proteinreichen Nahrungsmitteln. Gleichzeitig soll die Aufnahme gesättigter Fettsäuren und zugesetzter Zucker begrenzt werden. Signifikant höherer Gewichtsverlust nach einem Jahr Das primäre Endziel war der prozentuale Gesamtgewichtsverlust (%TBWL) nach einem Jahr. Die Anteile der Teilnehmenden, die nach einem Jahr einen BMI von ≤ 27 kg/m² oder ein WHtR von ≤ 0,53 erreichten, stellten explorative Endziele dar. Zu Studienbeginn (Baseline) betrug das Durchschnittsalter in der RWL-Gruppe 48,5 Jahre, das Körpergewicht 102,4 Kilogramm und die Körpergröße 169 Zentimeter. Der durchschnittliche BMI lag bei 35,8 kg/m², der Taillenumfang bei 112,5 Zentimeter und das WHtR bei 0,67. Die entsprechenden Werte in der GWL-Gruppe lagen bei 47,7 Jahren, 103,0 Kilogramm, 168 Zentimeter, 36,5 kg/m², 112,8 Zentimeter und 0,67. Während der ersten 16 Wochen verloren die Teilnehmenden der RWL-Gruppe signifikant mehr Körpergewicht als jene der GWL-Gruppe: der mittlere %TBWL betrug dabei -12,9 Prozent bzw. -8,1 Prozent, was einer Differenz zwischen den Gruppen von -4,8 Prozentpunkten entsprach. Nach einem Jahr blieb dieser signifikante Unterschied bestehen: Der mittlere %TBWL lag in der RWL-Gruppe bei -14,4 Prozent und in der GWL-Gruppe bei -10,5 Prozent (Differenz: -3,9 Prozentpunkte). Der Anteil der Teilnehmenden, die einen BMI von ≤ 27 kg/m² erreichten, war in der RWL-Gruppe sowohl nach 16 Wochen (13,8 % vs. 0,8 %) als auch nach einem Jahr (28,3 % vs. 9,7 %) signifikant höher als in der GWL-Gruppe. Ebenso erreichte in der RWL-Gruppe ein höherer Anteil der Teilnehmenden ein WHtR von ≤ 0,53 – sowohl nach 16 Wochen (24,2 % vs. 8,9 %) als auch nach einem Jahr (33,0 % vs. 18,4 %). Unabhängige Forschung muss Ergebnisse bestätigen „Unsere Ergebnisse stellen die gängige Annahme, dass ein langsamer und stetiger Gewichtsverlust notwendig sei, um eine erneute Gewichtszunahme zu verhindern und adipositasbedingte Komplikationen zu reduzieren, eindeutig infrage“, schlussfolgert Johnson. Stattdessen zeigten sie, dass ein schneller Gewichtsverlust nicht mit einer erneuten Gewichtszunahme einhergeht. Im Vergleich zum schrittweisen Gewichtsverlust könne mit RWL zudem das 10-Jahres-Risiko für Typ-2-Diabetes, Bluthochdruck, atherosklerotische Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Hüft-/Kniearthrose schneller reduziert werden. Allerdings sei zu betonen, dass die Studie von einem kommerziellen Anbieter für Abnehmprodukte unterstützt wurde. Nicht zuletzt aufgrund von potenziellen Interessenskonflikten, die die Autor:innen zwar transparent offenlegen, bedarf es daher weiterer unabhängiger Untersuchungen sowie längerer Nachbeobachtungszeiträume. Die Tatsache, dass 90 Prozent der Teilnehmenden Frauen waren, könnte im Rahmen der geschlechtersensiblen Medizin besonders interessant sein. Zeitgleich bedeutet sie, dass sich die Ergebnisse womöglich nicht auf die Allgemeinheit übertragen lassen. Ebenso stellt sich die Frage nach Körperzusammensetzung und Stoffwechselparametern. Zwar handelt es sich bei diesem Studiendesign nicht um eine „Crash-Diät“ im klassischen Sinn. Dennoch könnten sich durch die unterschiedlichen Dynamiken im Gewichtsverlust relevante Unterschiede ergeben. Ob diese Daten erhoben wurden und wie sie sich in den beiden Gruppen verhalten, berichten die Autor:innen zum jetzigen Zeitpunkt jedoch nicht. Auch das Aktivitätsniveau der Teilnehmenden während des Studienzeitraums bleibt unklar. Eine Veröffentlichung der Studienergebnisse steht derzeit noch aus. (mkl/BIERMANN) Das könnte Sie auch interessieren: Ist der „Jo-Jo-Effekt“ wirklich ein klinisches Problem? KI-Atlas deckt verborgene Ganzkörperschäden durch Adipositas auf
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