Schneller wirksame Psychotherapien entwickeln

Simon Blackwell vom Forschungs- und Behandlungszentrum für Psychische Gesundheit (Foto: © Forschungs- und Behandlungszentrum für psychische Gesundheit)

Forschende der Ruhr-Universität Bochum (RUB) und der LMU München haben ein Verfahren aus der Krebsforschung adaptiert, um verschiedene psychische Interventionen effizient zu vergleichen, ohne mehrere klinische Studien nacheinander durchführen zu müssen.

„Klinische Studien sind meistens zeitaufwendig und ineffizient“, sagt Dr. Simon Blackwell vom Forschungs- und Behandlungszentrum für Psychische Gesundheit der RUB. „Sie können Jahre in Anspruch nehmen und hunderte Teilnehmerinnen und Teilnehmer erfordern – und am Ende stellt sich möglicherweise heraus, dass die getestete Intervention nicht wirksam ist. Und selbst wenn die Intervention wirksam wäre, würde man sie wahrscheinlich schnell wieder verbessern wollen, weil in der Zwischenzeit beispielsweise neue relevante Forschungsdaten publiziert worden sind. Dies wiederum bedeutet, dass man eine weitere, wahrscheinlich noch größere und noch zeitaufwendigere klinische Studie planen und durchführen muss.“

Um eine Alternative zur traditionellen klinischen Forschung zu finden, adaptierte das Psychologie-Team Methoden aus der Krebsforschung. Beim Leapfrog-Design werden Interventionen, die sich als nicht wirksam erweisen, früh aufgegeben und direkt durch neue Interventionen ersetzt. Zudem können neue Erkenntnisse aus der Grundlagenforschung nahtlos in eine laufende klinische Studie integriert werden, sodass diese sofort auf ihren klinischen Nutzen hin überprüft werden können. Wichtig ist im Rahmen des Leapfrog-Designs auch, dass die wirksamste Intervention nicht nur rasch identifiziert wird – sie wird auch der neue Maßstab für die Wirksamkeit aller anderen Interventionen. So lassen sich mit dem Leapfrog-Prozess bestehende Interventionen kontinuierlich und systematisch optimieren.

Nicht wirksame Interventionen schnell verwerfen

In der aktuellen Publikation zeigten die Forschenden, dass die Methode auch für psychische Interventionen umsetzbar ist. Sie verglichen verschiedene Versionen eines Onlinetrainings für Menschen, die sich depressiv fühlen. Die Stärke der depressiven Symptome wurde zu verschiedenen Zeitpunkten mit Fragebögen erfasst. Im Rahmen des Onlinetrainings lernten die Betroffenen, sich positive Alltagssituationen vorzustellen. Insgesamt nahmen 188 Menschen teil. Vier verschiedene Versionen des Trainings wurden getestet. Am Ende identifizierten die Forschenden eine Trainingsversion, die die Symptome signifikant linderte. Das Training konzentrierte sich insbesondere darauf, die anhedonischen Symptome der Depression zu verringern, also den Verlust der Fähigkeit, sich auf Aktivitäten zu freuen und diese zu genießen. Genau diese Symptome sind ein besonders wichtiges Ziel für neue Interventionen, da sie oft nicht auf die derzeitigen Interventionen ansprechen.

„Wir konnten schnell feststellen, welche Trainings weniger effektiv waren als andere und diese dann noch während der laufenden Studie durch neue Trainings ersetzen“, so Blackwell, der 2022 den Early Career Scientist-Practitioner Award von der European Association for Behavioural and Cognitive Therapies verliehen bekam. „Im Vergleich zu einer Studie mit einem klassischen Testdesign haben wir zudem mit der Leapfrog-Methode bedeutend weniger Teilnehmerinnen und Teilnehmer gebraucht, um die wirksamste Trainingsversion zu identifizieren.“

Alle Materialien für die Durchführung des Leapfrog-Designs – von der Planung bis zur Datenanalyse – haben die Forschenden frei zugänglich publiziert. „Wir hoffen, dass andere Forschende das Design nutzen werden, um dringend benötigte Psychotherapien schneller als bislang entwickeln und verbessern zu können“, resümiert der Bochumer Forscher. „Es muss sich etwas ändern in der Art und Weise, wie wir Interventionen im Bereich der psychischen Gesundheit erforschen. Wir sind davon überzeugt, dass das Leapfrog-Design hierfür ein vielversprechender Ansatz ist.“