Schwangerschaft: Rascher Anstieg bei der Diagnose und Versorgung psychischer Erkrankungen2. April 2024 Foto: © Laia-Balart/stock.adobe.com In den letzten zehn Jahren vor der Corona-Pandemie wurden bei Privatversicherten mehr Diagnosen und Behandlungen psychischer Erkrankungen während der Perinatal-Periode durchgeführt. Das haben drei neue Studien der University of Michigan, USA, ergeben. Psychische Probleme während der Schwangerschaft oder im ersten Jahr der Elternschaft werden heute sehr viel häufiger erkannt und behandelt als noch vor zehn Jahren, wie eine Reihe neuer US-Studien zeigt. Der Anstieg bei der Diagnose und Behandlung ist jedoch nicht bei allen Gruppen und in allen US-Bundesstaaten gleich, so dass einige Schwangere mit größerer Wahrscheinlichkeit unter behandelbaren Symptomen leiden, die sie und ihr Neugeborenes gefährden können. Generell zeigen die Studien einen Anstieg der Diagnosen von Angstzuständen, Depressionen und posttraumatischen Belastungsstörungen während der Schwangerschaft und im ersten Jahr nach der Geburt bei privat versicherten US-amerikanischen Staatsbürgern zwischen 2008 und 2020. Auch die Zahl der Behandlungen – sowohl mit Psychotherapie als auch mit Medikamenten – nahm in dieser Bevölkerungsgruppe zu. Die Ergebnisse, die in drei Artikeln in der Fachzeitschrift „Health Affairs“ veröffentlicht wurden, stammen von einem Team der University of Michigan, USA, das die psychische Gesundheit in der Perinatalperiode untersucht. In ihrer Analyse fassen sie mehrere Erkrankungen, die in diesem Zeitraum diagnostiziert werden, unter der Bezeichnung PMAD zusammen. Der Begriff umfasst depressive Störungen und Angstzustände, die während der Schwangerschaft und im Jahr nach der Geburt auftreten. Die wichtigsten Ergebnisse von 2008 bis 2020 bei privat versicherten Personen im Alter von 15 bis 44 Jahren: Die Rate der perinatalen PTBS(Posttraumatische Belastungsstörung)-Diagnosen hat sich vervierfacht und lag im Jahr 2020 bei fast 2 Prozent aller Schwangeren. Der größte Teil des Anstiegs entfiel auf diejenigen, bei denen auch eine PMAD diagnostiziert wurde. Die Rate der PMAD-Diagnosen hat sich fast verdoppelt, wobei der größte Anstieg seit 2015 zu verzeichnen ist. Bis 2020 erhielten 28 Prozent der Schwangeren eine PMAD-Diagnose. Die Rate der Selbstmordgedanken oder -handlungen bei Schwangeren hat sich insgesamt mehr als verdoppelt, basierend auf den Informationen, die den Versicherungsgesellschaften gemeldet wurden. Bei all jenen, die eine PMAD-Diagnose erhalten hatten, ging die Rate jedoch zurück. Die Rate der schwangeren oder entbundenen Patientinnen, die eine Psychotherapie erhielten hat sich mehr als verdoppelt. Die Rate der Psychotherapie bei denjenigen, bei denen eine PMAD-Diagnose gestellt wurde, stieg während des gesamten Studienzeitraums um 16 Prozent, wobei nach 2014 ein deutlicher Anstieg zu verzeichnen war. Die Verschreibungsrate von Antidepressiva während der Schwangerschaft und nach der Geburt stieg insgesamt an, am stärksten jedoch bei denjenigen, bei denen während der Schwangerschaft ein PMAD diagnostiziert wurde. Die Verschreibungsrate von Antidepressiva stieg besonders stark an, nachdem 2015 und 2016 mehrere Leitlinien für Kliniker zur Behandlung von PMAD veröffentlicht wurden. Bis 2020 erhielt knapp die Hälfte der Personen, bei denen ein PMAD diagnostiziert wurde, ein Rezept für ein Antidepressivum. „Zusammengenommen zeigen diese Studien, dass sich im Bereich der psychischen Gesundheit von Müttern viel getan hat“, so Dr. Stephanie Hall, Postdoktorandin an der Abteilung für Psychiatrie der Medizinischen Fakultät der University of Michigan. „Die Landschaft hat sich verändert, zumindest was die Fähigkeit unseres Gesundheitssystems angeht, Erkrankungen zu erkennen und den Menschen zu helfen, sich behandeln zu lassen“, ergänzt sie. „Wenn überhaupt, dann sind die von uns dokumentierten Diagnose- und Behandlungsraten eine Untergrenze und keine Obergrenze, basierend auf den Erkenntnissen anderer Studien darüber, bei wem diese Symptome auftreten“, betont Kara Zivin, Professorin an der Medizinischen Fakultät und der Fakultät für öffentliche Gesundheit, der University of Michigan. Ungleichheiten bei Diagnose und Behandlung Alle Studien zeigen Unterschiede zwischen den einzelnen Personengruppen in Bezug auf die Diagnose- und Behandlungsraten. So erhielten beispielsweise weiße Personen mit PMAD während der Schwangerschaft viel häufiger Antidepressiva verschrieben als Personen schwarzer, hispanischer oder asiatischer Herkunft. Bei ihnen wurde auch eher eine PTBS während der gesamten Perinatalperiode diagnostiziert, obwohl andere Untersuchungen gezeigt haben, dass die tatsächliche Häufigkeit von PTBS während der Perinatalperiode bei nicht-weißen Menschen höher ist. Tatsächlich verzeichneten Schwarze als Gruppe den größten Anstieg der PMAD-Diagnosen im Untersuchungszeitraum. Von allen Altersgruppen verzeichneten die Jüngsten (15 bis 24 Jahre) während des Untersuchungszeitraums den größten Anstieg sowohl bei den PMAD-Diagnosen als auch bei den Verschreibungen von Antidepressiva. Bei den 15- bis 26-Jährigen wurde häufiger eine PTBS diagnostiziert als bei Angehörigen älterer Altersgruppen. Die PMAD-Diagnosestudie zeigt auch große Unterschiede zwischen den einzelnen US-Bundesstaaten.
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