Schweizer Premiere: Protonen gegen Speiseröhrenkrebs

Gantry 3 am Zentrum für Protonentherapie des PSI. Mithilfe dieser drehbaren Behandlungsapparatur werden Krebskranke mit Protonen bestrahlt, um Tumore zu zerstören. Foto: Scanderbeg Sauer Photography/Bildquelle: PSI

Am Paul Scherrer Institut PSI wurde am 15. August 2023 ein 67-jähriger Patient mit Protonen gegen Speiseröhrenkrebs bestrahlt. Es ist das erste Mal, dass in der Schweiz diese Bestrahlungsart an der Speiseröhre zum Einsatz kommt.

Die fünfwöchige Behandlung erfolgt im Rahmen einer europäischen klinischen Studie, an der das PSI und das Universitätsspital Zürich (USZ), Schweiz, gemeinsam teilnehmen. Ärzte erforschen, ob sich die Protonentherapie zur Behandlung dieser Krebsart eignet: Damit lassen sich möglicherweise Lungenkomplikationen verringern, die bei der klassischen Bestrahlung häufig auftreten.

Dr. Damien C. Weber, Leiter des Zentrums für Protonentherapie und Chefarzt am PSI. Foto: Mahir Dzambegovic/Bildquelle: Paul Scherrer Institut

„Im Rahmen einer europäischen Phase-III-Studie haben wir heute den ersten Patienten mit Speiseröhrenkrebs mit Protonentherapie behandelt“, sagt PD Dr. Damien Weber, Chefarzt und Leiter des Protonentherapiezentrums am PSI. „Der 67-jährige Patient hat am Übergang der Speiseröhre zum Magen einen Siewert-Typ-II-Tumor, der nach unserer Behandlung operiert werden kann.“

Das PSI bestrahlt seit 1996 erfolgreich Patienten mit Tumoren im Hals- und Kopfbereich sowie am Körperstamm; bei Speiseröhrenkrebs kam dieses Verfahren landesweit bisher noch nie zum Einsatz. „Wir freuen uns, den Patientinnen und Patienten in der Schweiz jetzt im Rahmen einer klinischen Studie diese Art der Behandlung anbieten zu können“, erklärt Prof. Matthias Guckenberger, Direktor der Klinik für Radio-Onkologie am USZ.

Das USZ und das PSI nutzen ihre seit vielen Jahren etablierte Zusammenarbeit bei der Behandlung von Krebspatienten und untersuchen jetzt gemeinsam, ob Protonen für die Bestrahlung des Speiseröhrenkrebs Vorteile bringen. Das geschieht im Rahmen der europaweiten Studie PROTECT (PROton versus photon Therapy for Esophageal Cancer: a Trimodality Strategy, auf Deutsch: Protonen- versus Photonentherapie für Speiseröhrenkrebs: eine trimodale Strategie): Sie vergleicht die Nebenwirkungen herkömmlicher Strahlentherapie mit jenen der Protonentherapie bei der Bestrahlung von Speiseröhrenkrebs.

„Wir vermuten, dass es mit einer Protonentherapie weniger häufig zu Lungenkomplikationen kommt“, erläutert Weber. „Ob das stimmt, wollen wir jetzt überprüfen – zum Wohle der Patientinnen und Patienten.“

Sowohl Protonen als auch Röntgenstrahlung (Photonen), die bei der klassischen Krebsbestrahlung eingesetzt werden, schädigen die Erbsubstanz in den Tumorzellen und töten sie damit ab. Die Röntgenstrahlen lassen sich zwar heutzutage sehr präzise auf den Tumor fokussieren, aber sie belasten in geringem Ausmaß dennoch auch das umgebende, gesunde Gewebe und können es schädigen.

Protonen sind im Gegensatz zu Röntgenstrahlen Teilchen mit Masse und Ladung, und ihre Eindringtiefe ins Gewebe ist physikalisch ganz genau vorbestimmt. Protonen verlieren auf dem Weg zum Tumor nur wenig Energie und geben den größten Teil im Tumor ab – sie bleiben dort stecken. Gesundes Gewebe vor und hinter dem Tumor wird daher größtenteils geschont. Dadurch, so hoffen die Ärzte, sollte es nach einer Bestrahlung weniger Komplikationen an der Lunge geben.

Europaweite Studie

19 Forschungspartner aus ganz Europa, darunter Universitäten, Spitäler und Forschungszentren, haben sich für die Studie PROTECT zusammengeschlossen. „Dadurch, dass wir zusammenarbeiten, können wir in die Studie mehrere Hundert Teilnehmende einbeziehen und unsere Studienergebnisse haben eine stärkere Aussagekraft“, sagt Radio-Onkologe Dr. Dominic Leiser, Verantwortlicher für klinische Studien am PSI. Die Studienleitung liegt bei der Universität Aarhus in Dänemark; das PSI hat die Studie auf europäischer Ebene mit initiiert.

Insgesamt sollen in der Studie knapp 400 Patienten mit nichtmetastasiertem Speiseröhrenkrebs behandelt werden, etwa 20 davon in der Schweiz. Alle Studienteilnehmenden erhalten zunächst eine kombinierte Strahlen- und Chemotherapie, sechs bis zwölf Wochen danach werden sie operiert. Rund die Hälfte der Personen werden am USZ mit Röntgenstrahlen bestrahlt, die Übrigen am PSI mit Protonen; die Einteilung erfolgt per Zufallsprinzip. So lässt sich der Behandlungserfolg von Protonentherapie und herkömmlicher Bestrahlung direkt vergleichen. Am USZ finden neben der Bestrahlung mit Röntgenstrahlung auch für alle Studienteilnehmenden die Chemotherapie und die anschließende Operation statt.

„Wir setzen alle drei Säulen der Krebstherapie ein, um bei dieser Krebsart die beste Behandlung zu gewährleisten“, sagt Prof. Panagiotis Balermpas, Studienleiter und leitender Arzt an der Klinik für Radio-Onkologie am USZ. „Und egal, ob die Patientinnen und Patienten Photonen- oder Protonentherapie erhalten: Sie werden im Rahmen dieser Studie in jedem Fall exzellent behandelt.“

Teilnehmende werden kontinuierlich gesucht und auf ihre Eignung, an der Studie teilzunehmen, gescreent. Die Studie schließt auch Menschen mit Tumoren am Übergang zwischen Magen und Speiseröhre ein (gastroösophagealer Übergang).

„Bestätigt sich die Hoffnung, dass die Protonentherapie bei der Behandlung des Speiseröhrenkrebs Vorteile bringt, könnte diese Krebsart auf die Indikationsliste des Bundesamts für Gesundheit gesetzt werden“, sagt Weber. „Dann würden Krankenversicherungen in Zukunft die Kosten für eine Protonentherapie bei Speiseröhrenkrebs übernehmen.“ Und Guckenberger fügt hinzu: „Wir haben hier die große Chance, den nächsten Schritt in der Behandlung des Ösophaguskarzinoms zu gehen und eine bessere Therapie möglich zu machen.“

Erkrankte können sich für weitere Informationen bei den Studienärzten am USZ oder PSI melden.

Am USZ: Telefon: +41 44 255 29 34; E-Mail: radioonkologie@usz.ch
Am PSI: Telefon: +41 56 310 35 24, E-Mail: [email protected]