Scrollen, Staunen, Stress: Medfluencer und Beauty Docs

Symbolbild © Olesia Bilkei/stock.adobe.com

Eine Kolumne von Fine Lammert.

Auch wenn mein letzter Text schon von Digitalisierung handelte – diesmal geht es um eine, die uns sogar in unserer Freizeit erwischt: Medizin auf Social Media. Wer mir da am meisten auffällt sind Medfluencer und Beauty Docs.

Es gibt Tage, da lernt man mehr über das Medizinstudium beim Scrollen durch Instagram als in der Bibliothek. Zumindest glaubt man das. Da sitzen sie, die Medfluencer, mit farblich perfekt abgestimmten Karteikarten und Lernzetteln, gebügeltem Kittel und Latte Art im Kaffeebecher, irgendwo zwischen Bibliothek und Café. Das Medizinstudium wirkt hier wie eine Mischung aus High-Performance-Sport und Lifestyle-Event. Das Problem: Es stimmt – und es stimmt nicht.

Natürlich ist es nett, wenn erfahrene Studierende Tipps geben, wie man die Neuroanatomie überlebt oder welche Lernapps angeblich Wunder wirken. Aber Social Media liebt Inszenierung, und Perfektion verkauft sich besser als Realität. Was im Feed selten auftaucht: der Moment, in dem man in einer Klausur durchfällt und sich fragt, wofür man eigentlich die letzten Wochen gelebt hat. Die Tage, an denen man vor lauter Stoff eben nicht perfekt aussieht, weil zwischen Lernen, Uni und Schlafmangel keine Zeit bleibt für das, was auf Instagram wie selbstverständlich wirkt. Das Bild, das so entsteht, ist eine Art Instagram-Hochglanzversion der Medizin: glamourös, stressig, elitär – und damit weit weg von der nüchternen Wirklichkeit.

Für Mitstudierende kann das subtilen Druck erzeugen. Social-Media-Algorithmen schlagen einem solche Inhalte automatisch vor, weil sie zu den eigenen Interessen passen. Und selbst wenn man sich eigentlich nicht ständig mit anderen vergleichen möchte, bleibt einem durch die ständige Präsenz dieser perfekt inszenierten Ausschnitte oft keine Wahl. Wenn dann nicht einmal die Realität gezeigt wird, sondern nur eine sorgfältig gefilterte Perfektion, kann das enorm stressen. Nicht jeder findet das motivierend – manche fühlen sich schlicht überfordert und blockieren daher bestimmte Medfluencer bewusst, um einfach um wieder in Ruhe studieren zu können. Außerdem können zum Beispiel auch Studienanfänger oder Studieninteressierte getäuscht werden. Wer glaubt, das Studium sei durchgehend so ästhetisch wie im Feed, erlebt schnell eine echte Ernüchterung.

Und dann sind da die „Beauty Docs“. Ärzte und Ärztinnen, die Social Media nicht nur nutzen, um aufzuklären, sondern um zu verkaufen. Die Marketingstrategien sind oft so subtil wie chirurgisch präzise: Vorher-Nachher-Fotos, „Day in the Life“-Clips mit glänzenden OP-Instrumenten, Empfehlungen von zufriedenen Behandelten, die plötzlich „endlich wieder sie selbst“ sind – wobei „selbst“ meist heißt: glatter, schmaler, voller.

Es geht hier selten um medizinisch notwendige Eingriffe, sondern um Optimierungen. Und wenn Likes und Klicks zu Währung werden, verschwimmen schnell die Grenzen zwischen medizinischer Beratung und Lifestyle-Werbung. Der Schönheitsdruck steigt, nicht nur für Patientinnen und Patienten, sondern für alle, die zuschauen – oft auch sehr junge oder auch minderjährige Menschen. Bei ihnen landet dieser Content schließlich genauso im Feed, wie bei allen anderen. Für ihre Entwicklung und ihr Bild von Schönheitsidealen ist das alles andere als hilfreich.

Das Gefährliche daran ist, dass Social Media selten differenziert. Ein kurzer Clip reicht nicht, um Risiken, Alternativen oder die Frage nach der medizinischen Notwendigkeit wirklich zu diskutieren. Stattdessen entsteht ein permanenter Strom aus makellosen Endergebnissen – eine Art Dauerwerbesendung im Story-Format. Wer das konsumiert, verinnerlicht unbewusst neue Standards: Schönheit ist optimierbar, und optimieren ist normal.

Im Gegensatz dazu gibt es natürlich auch Ärztinnen und Ärzte, die die Reichweite von Social Media nutzen, um über Krankheiten und Gesundheit aufzuklären und wichtige sowie nützliche Tipps zu geben, sodass man vom Scrollen auf dem Handy tatsächlich viel Sinnvolles mitnehmen kann. Zwischen Ehrlichkeit und Geldmacherei, medizinischem Wissen und Wichtigtuerei oder fundierter Aufklärung und oberflächlicher Selbstdarstellung lässt es sich nur leider nicht immer so einfach unterscheiden.

Am Ende bleibt eine Verantwortung bei denen, die ihr Leben – oder Ausschnitte davon – öffentlich teilen. Wer als Medfluencer jeden Lernmoment, jeden Kliniktag und jede Erfolgsgeschichte ins Netz stellt, sollte wissen, dass das bei Mitstudierenden oder Studienanfängern mehr auslösen kann als nur ein Doppeltap. Und wer als Beauty Doc operiert, optimiert und gleichzeitig inszeniert, beeinflusst nicht nur potenzielle Patientinnen und Patienten, sondern prägt unweigerlich auch Vorstellungen davon, wie Medizin aussieht und was „normal“ sein sollte. Reichweite ist Macht – und wer sie hat, sollte genau hinsehen, wofür er sie nutzt.


junge Frau, blond, Fluss im Hintergrund, Sonne scheint

Fine Lammert studiert seit dem Sommersemester 2024 an der Universität Münster Humanmedizin. Die gebürtige Düsseldorferin begeistert sich vor allem für die Kindermedizin, liebt aber die vielseitigen Erfahrungen aus dem Studium, so zum Beispiel die Präparation, und ist daher noch für alle Fachrichtungen offen. Ihre (tatsächlich wenige) freie Zeit verbringt sie am liebsten mit ihren Freunden an der frischen Luft am See oder in Cafés.