Sehen, Hören und Gleichgewicht zählen zu den wichtigsten Sinnen

Eine aktuelle Studie aus Großbritannien bestätigt, dass das Sehen als der wichtigste Sinn des Menschen empfunden wird. Foto: © oksana_bondar – Adobe.Stock

Welche Sinne empfinden Menschen als die wichtigsten? Intuitiv ist gut erklärbar, dass bestimmte Sinne wie Sehen oder Hören im täglichen Leben besonders wertvoll sind. Es gibt jedoch nur begrenzte wissenschaftliche Erkenntnisse über die Einstellung der Bevölkerung zu den verschiedenen Sinnen. Forscher der City, University of London <https://www.city.ac.uk/>, sind dieser Frage nun nachgegangen.

Die Wissenschaftler befragten einen Querschnitt von 250 Erwachsenen aus der britischen Öffentlichkeit. Es ging darum zu ermitteln, wie hoch sie jeden der einzelnen Sinne im Vergleich zu den anderen bewerten. Die neue Studie, die in JAMA Ophthalmologie <https://jamanetwork.com/journals/jamaophthalmology/article-abstract/2752217> veröffentlicht wurde, ergab, dass die Befragten das Sehen als ihren wertvollsten und das Hören als ihren zweitwertvollsten Sinn einstufen.
Überraschenderweise bewerteten sie das Gleichgewicht als den drittwichtigsten Sinn, vor den eher „klassischen“ Sinnen wie Tastsinn, Geschmack und Geruch (jeweils der vierte, fünfte und sechste Platz, gefolgt von Schmerzgefühl und schließlich dem Temperaturgefühl).

Der relativ hohe Rang für das Gleichgewicht lässt vermuten, dass die „klassischen Sinne“ möglicherweise nicht den sensorischen Funktionen entsprechen, die tatsächlich am meisten geschätzt werden. Dies steht auch im Einklang mit den Beweisen, dass Gleichgewichtsstörungen ein Schlüsselfaktor für eine verminderte Lebensqualität sein können, da sie für die Mobilität und die täglichen Aktivitäten von Bedeutung sind.

Time-Trade-off-Test
Die Befragten nahmen auch an einem Time-Trade-off(TTO)-Test teil, einer häufig verwendeten Technik, um die Auswirkungen einer Erkrankung auf die Betroffenen abzuschätzen. Die Teilnehmer wurden gebeten, die Situation von zehn Lebensjahren ohne Sehvermögen mit unterschiedlichen Zeitabständen bei perfekter Gesundheit (10 bis 0 Jahre) zu vergleichen. Dieser Test zeigte, dass die Befragten im Durchschnitt eher 4,6 Jahre vollkommener Gesundheit als zehn Jahre mit vollständigem Sehverlust wählen würden, respektive 5,4 Lebensjahre mit vollkommener Gesundheit opfern würden, um zehn Jahre Erblindung zu vermeiden. Bei der TTO-Frage zum Hören wählten die Befragten durchschnittlich 6,8 Jahre vollkommener Gesundheit als Alternative zu zehn Lebensjahren mit vollständigem Hörverlust (respektive 3,2 vs. 10).

Während die Ergebnisse der Studie darauf hindeuten, dass die Bevölkerung das Sehen mehr als jeden ihrer anderen Sinne schätzt, ist es wichtig zu beachten, dass die Urteile möglicherweise auf begrenzten Informationen darüber beruhen, wie sich ein Zustand des sensorischen Verlustes auswirken könnte. Sie spiegeln möglicherweise nicht das Werturteil wider, das abgegeben würde, wenn angemessene weitere Informationen zum Leben mit der Krankheit zur Verfügung gestellt würden.

So hätten beispielsweise Befragte mit einer chronischen Erkrankung oder einer familiären Vorbelastung mit sensorischen Verlusten das Leben mit Hörverlust als weniger belastend für sie bewertet als diejenigen ohne sensorische Verluste. Es könnte daher sein, dass umfassendere Erfahrungen mit solchen Verklusten helfen, die tatsächlichen Auswirkungen auf das eigene Leben besser zu verstehen.

Familienstand, Bildungsstand und Religion hatten den Studienautoren zufolge keine signifikanten Auswirkungen auf die Wahl der Befragten in der Online-Umfrage.

Betroffene richtig ansprechen und unterstützen
David Crabb <https://www.city.ac.uk/people/academics/david-crabb>, Professor für Sehforschung und Statistik an der City, University of London, und Direktor des Crabb Lab <http://www.staff.city.ac.uk/crabblab>, das die Studie durchführte, sagte: „Es ist wichtig zu verstehen, welche Wahrnehmungen und Ängste die Öffentlichkeit und die Patienten haben, wenn es um den Sinnesverlust geht, da dies darüber Auskunft geben kann, wie Angehörige der Gesundheitsberufe sie bei einem solchen Verlust ansprechen und unterstützen sollten.“ Auch wenn sich sensorische Verluste extrem nachteilig auswirken könnten, sei es wichtig, die Bevölkerung darüber zu informieren, wie man damit umgehen und sich anpassen könne, sagte der Studienleiter. So habe man zum Beispiel kürzlich auch eine Studie über die altersbedingte Makuladegeneration (AMD) <https://www.nature.com/articles/s41433-019-0445-8> veröffentlicht, die mit Abstand die häufigste Erblindungsursache in Großbritannien sei. Die Studie komme zu dem Schluss, dass die Anleitung und Beratung des behandelnden Arztes eine Schlüsselrolle dabei spiele, wie die erkrankte Person die Auswirkungen der AMD auf ihr tägliches Leben wahrnehme und wie sich die Erkrankung entwickeln werde.

Quelle: City, University of London