Sehforschung: Wie beeinflussen Unterschiede im Gehirn den individuellen Blick auf die Welt?12. September 2019 Dr. Benjamin de Haas. Foto: Michael Basseler Die Europäische Union (EU) fördert ein innovatives Forschungsgebiet in der Wahrnehmungspsychologie mit 1,5 Millionen Euro. Welche Rolle spielen Unterschiede im Gehirn bei der Art und Weise, wie Menschen die Welt wahrnehmen? Diese Forschungsfrage im Bereich Wahrnehmung und Persönlichkeit hat international überzeugt: Die EU fördert die Arbeiten des Gießener Nachwuchswissenschaftlers Dr. Benjamin de Haas in den kommenden fünf Jahren mit 1,5 Millionen Euro. Dem Psychologen und Neurowissenschaftler aus der Abteilung des JLU-Wahrnehmungspsychologen Prof. Karl Gegenfurtner ist es gelungen, einen der begehrten Starting Grants des Europäischen Forschungsrats (ERC)* an die Justus-Liebig-Universität Gießen (JLU) zu holen. Die von de Haas untersuchte Frage, wie und weshalb Menschen sich in ihrer Wahrnehmung unterscheiden, ist ein noch junger Schwerpunkt der Sehforschung. Sehen zwei Menschen das gleiche, wenn sie dasselbe Bild betrachten? Wie unterscheiden sich die Blickbewegungen? Und woher kommen solche Unterschiede? Können sie Einblick geben, wie das Gehirn Aufmerksamkeit steuert, oder sogar Diagnosen von Entwicklungsstörungen erleichtern? Diese Fragen sind weitgehend unerforscht und liegen im Schnittbereich von Allgemeiner, Differentieller und Klinischer Psychologie. „Ich freue mich sehr über die Förderung der EU und die Gelegenheit, meine Arbeitsgruppe an der JLU anzusiedeln“, sagte de Haas und betonte: „Hier in Gießen wurde eine – auch international – einmalige Forschungsumgebung geschaffen. Ich bin gespannt darauf, was wir herausfinden werden!‘ de Haas hat an der JLU Psychologie studiert und wurde im Jahr 2009 in eines der angesehensten Promotionsprogramme der Neurowissenschaften am University College London aufgenommen. Dort forschte er nach seiner Promotion noch mehrere Jahre in der Experimentalpsychologie. Vor zwei Jahren wechselte er mit Unterstützung eines Just’us-Stipendiums zurück an die JLU, um in Gießen eine Nachwuchsgruppe aufzubauen und ein eigenes Forschungsprogramm zu entwickeln. In seinen Forschungen kombiniert de Haas modernste Methoden der funktionellen Gehirnbildgebung mit der Messung beobachtbaren Verhaltens. Nach seiner Rückkehr an die JLU hat er seine früheren Arbeiten zu individuellen Unterschieden in der Sehverarbeitung auf die Steuerung des Blickverhaltens ausgeweitet. Bereits die ersten Ergebnisse dieses innovativen Ansatzes lieferten unerwartete Befunde: de Haas konnte zeigen, dass individuelle Blickbewegungen beim Betrachten komplexer Szenen stark variieren. So werden die Augenbewegungen mancher Individuen doppelt so stark von Gesichtern angezogen wie die anderer Versuchspersonen. Die Befunde haben potenzielle Auswirkungen auf Erkenntnisse zum menschlichen Blickverhalten aus Informatik, Psychologie, künstlicher Intelligenz sowie die Seh- und Hirnforschung. Fünfjähriges Forschungsprogramm INDIVISUAL Um zu verstehen, wie Unterschiede im Gehirn den individuellen Blick auf die Welt bedingen, wird de Haas in seinem fünfjährigen Forschungsprogramm INDIVISUAL im wesentlichen drei Kernfragen nachgehen: „Ganz besonders interessiert uns, wie gut unsere Laborbefunde dazu geeignet sind, Blickverhalten im echten Leben vorherzusagen“, erläutert de Haas. „Sind Menschen, deren Augenbewegungen beispielsweise stärker von Text angezogen werden, dadurch auch anfälliger für textbasierte Ablenkungen im Straßenverkehr?“ Zweitens möchte der Wissenschaftler die neuronalen Grundlagen der Unterschiede im Blickverhalten erforschen: „Wie schafft das Gehirn es, unsere Augen zielgerichtet auf Gesichter oder Text zu lenken, wenn sie am Rand des Blickfeldes auftauchen?“ Und drittens soll untersucht werden, ob Augenbewegungen sich für die Diagnostik – zum Beispiel psychischer Leiden – nutzen lassen. „Dazu möchten wir die Augenbewegungen Tausender Freiwilliger messen, um eine Vorstellung davon zu bekommen, wie breit das Spektrum ‚normaler‘ Augenbewegungen ist“, kündigt der Psychologe an. „Für diesen aufregenden Teil des Projektes werden wir uns wieder aus dem Labor ‚trauen‘ und unter anderem mit dem Gießener Mathematikum zusammenarbeiten.“ *Mit den ERC Starting Grants fördert die EU vielversprechende Nachwuchswissenschaftlerinnen und -wissenschaftler, die bereits eine wissenschaftliche Erfolgsbilanz (Publikationen, Auszeichnungen etc.) nachweisen können, eine eigene unabhängige Karriere starten und eine eigene Arbeitsgruppe aufbauen möchten. Quelle: Justus-Liebig-Universität Gießen
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