Selbsterfüllende Prophezeiung: Wie Erwartungen Schmerz verstärken können

Erwartungen und Realität können auch in der Schmerzmedizin auseinander gehen. (Foto: ©Song_about_summer)

Soziale Informationen können beeinflussen, wie stark Menschen Schmerz und Anstrengung empfinden. Eine US-amerikanische Studie zeigt, welche Mechanismen dahinterstecken.

Die in den „Proceedings of the National Academy of Sciences“ veröffentlichten Ergebnisse zeigen, dass soziale Informationen beeinflussen können, wie Menschen negative Ereignisse erleben – von körperlichen Schmerzen über das Beobachten von anderen, die Schmerzen haben, bis hin zur Bewältigung geistig anspruchsvoller Aufgaben.

„Unsere Ergebnisse deuten darauf hin, dass Menschen, wenn ihre Erwartungen durch soziale Informationen geprägt werden, dazu neigen, an diesen Erwartungen festzuhalten, was wiederum unsere Empfindungen nachhaltig beeinflusst“, sagt Aryan Yazdanpanah, Doktorand am Department of Psychological and Brain Sciences an der Dartmouth University (USA).

Studienaufbau

Um zu untersuchen, wie soziale Informationen Wahrnehmungsurteile und Lernen beeinflussen, führten die Forscher ein Experiment durch, bei dem die Teilnehmer gebeten wurden, drei verschiedene Aufgaben zu absolvieren. Diese umfassten:

  1. eine erfahrungsbezogene Schmerzaufgabe, bei der dem Arm eines Teilnehmers Wärme zugeführt wurde, um einen schmerzhaften, aber unschädlichen Reiz zu erzeugen
  2. eine stellvertretende Schmerzaufgabe, bei der Videos von anderen Personen mit Schmerzen angesehen wurden, wie zum Beispiel das verzerrte Gesicht einer Person
  3. eine kognitiv anstrengende Aufgabe, bei der die Teilnehmer Bilder von zwei 3D-Objekten mental drehen und feststellen mussten, ob sie identisch waren.

Vor jeder dieser Aufgaben ereignete sich eine ähnliche Abfolge von Ereignissen. Zunächst erhielten die Teilnehmer soziale Hinweise: Auf einem Computerbildschirm wurde ihnen ein Punktwert gezeigt, der anzeigte, wie schmerzhaft oder geistig anstrengend die zehn vorherigen Teilnehmer die Aktivität oder den Reiz bewertet hatten. Tatsächlich war der Punktwert jedoch zufällig und unabhängig von der bevorstehenden Reizintensität.

Die Teilnehmer wurden dann nach ihren Erwartungen hinsichtlich des bevorstehenden Schmerzes oder der geistigen Anstrengung gefragt oder gebeten, den Schmerz anderer zu bewerten. Anschließend absolvierten sie die jeweilige Aufgabe.

Übertragung der Erfahrungen anderer auf die eigene Realität

Im Bereich der Schmerzen neigten Menschen dazu, eine Erfahrung selbst als sehr schmerzhaft zu empfinden, wenn ihnen gesagt wurde, dass andere sie als sehr schmerzhaft empfanden – selbst wenn sie tatsächlich nur einer geringen Hitzeeinwirkung ausgesetzt waren. Dieser Effekt zeigte sich auch, wenn die Teilnehmer die Schmerzen anderer sahen.

„Diese Ergebnisse haben wichtige Implikationen dafür, wie Menschen die Erfahrungen anderer interpretieren. Wenn beispielsweise eine Person tatsächlich starke Schmerzen hat, andere aber glauben, dass die Schmerzen nicht ernst sind, kann diese soziale Überzeugung dazu führen, dass man das Leiden dieser Person unterschätzt oder übersieht“, sagte Yazdanpanah. „Ähnlich verhält es sich, wenn andere eine Tätigkeit wie das Lösen von Mathematikaufgaben als sehr anstrengend beschreiben: Menschen empfinden dieselbe Aufgabe dann möglicherweise als geistig anspruchsvoller.“

Zwei zugrundeliegende Mechanismen

Mithilfe von Verhaltensanalysen und computergestützten Modellen entdeckten die Forscher außerdem, dass zwei Mechanismen dieses Verhalten antreiben: die Bestätigungsverzerrung (engl. Confirmation Bias) beim Lernen und die Färbung der eigenen Wahrnehmung durch Erwartungen.

„Wir haben festgestellt, dass eine Person Beweise bevorzugt, die mit ihren Überzeugungen übereinstimmen, während sie diejenigen ignoriert oder abschwächt, die nicht damit übereinstimmen“, sagt Alireza Soltani, außerordentlicher Professor für Psychologie und Gehirnwissenschaften an der Dartmouth University. Seine Forschungsarbeit befasst sich mit den neuronalen Prozessen, die Entscheidungsfindung und Lernen steuern. Das beobachtete Verhalten verdeutlicht den Confirmation Bias beim Lernen und wurde im gesamten Verlauf der Studie beobachtet.

Ein zweiter Mechanismus kann es erschweren, diese Überzeugungen zu aktualisieren – nämlich wenn die Wahrnehmung durch Erwartungen gefärbt ist. Als gängiges Beispiel nennt Yazdanpanah die Behandlung von Rückenschmerzen: „Eine Person, die Rückenschmerzen erlebt hat, erwartet möglicherweise, dass sich Beugen schmerzhaft anfühlt. Selbst wenn der Körper physiologisch geheilt ist und das Beugen sicher ist, kann diese Erwartung die empfundenen Schmerzen verstärken. Infolgedessen können sich Bewegungen, die eigentlich sicher sind, dennoch schmerzhaft anfühlen. Genau dadurch wird das Signal geschwächt, das benötigt wird, um die Überzeugungen zu erneuern.“

Erklärung für selbsterfüllende Prophezeiungen

Nach Ansicht der Forschenden können solche Informationen in der heutigen hypervernetzten Welt, in der Erfahrungen über soziale Netzwerke weit verbreitet werden, Erwartungen in viel größerem Maßstab prägen.

„Unsere Ergebnisse könnten Aufschluss darüber geben, warum Erwartungen auch ohne Belege, die sie stützen, bestehen bleiben können“, sagt Letztautor Tor Wager, Professor für Neurowissenschaften an der Dartmouth University, dessen Labor die Neurophysiologie von Schmerz und anderen affektiven Prozessen untersucht. „Die von uns beobachteten Dynamiken können selbsterfüllende Prophezeiungen hervorrufen – Rückkopplungszyklen, die viele Arten von Gesundheitszuständen beeinflussen, darunter chronische Schmerzen und Müdigkeit, sowie Überzeugungen über andere Menschen.“

(ah/BIERMANN)