Seltene Krebserkrankung im Kindesalter erstmals umfassend molekular analysiert

Mikroskopischer Nachweis eines B-Zell-Vorläufer-Lymphoms. Mittels spezieller Färbung wird die Anreicherung von Vorläuferzellen sichtbar. Bild: © UKSH

Eine aktuelle Studie aus Kiel und Utrecht bestimmt genetische Subtypen beim pädiatrischen B-Zell-Vorläufer-Lymphom (BCP-LBL) und legt damit Grundlagen für eine gezielte Therapieplanung.

Das BCP-LBL ist eine seltene und aggressive Form von Krebs im Kindesalter. Diese Krebsform entwickelt sich aus Vorläuferzellen der Blutbildung, den unreifen B-Lymphozyten, und ist eng verwandt mit der häufigeren und sehr viel besser erforschten Akuten lymphoblastischen Leukämie (BCP-ALL). BCP-Lymphome treten vor allem in Lymphknoten, Knochen, Haut oder Unterhautgewebe auf.

Die Einteilung der Krankheitsfälle erfolgt bisher nur anhand der Ausbreitung in frühes oder fortgeschrittenes Stadium. Biologische Faktoren für den individuellen Krankheitsverlauf, die Prognose oder die Therapierbarkeit wurden noch nicht identifiziert.

In einer internationalen Studie haben Forschende der Klinischen Forschungsgruppe CATCH ALL der Medizinischen Fakultät der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel (CAU) und des Universitätsklinikums Schleswig-Holstein (UKSH), Campus Kiel, jetzt erstmals eine umfassende molekulare Charakterisierung von B-Zell-Vorläufer-Lymphomen vorgenommen, indem sie die größte bisher beschriebene Kohorte dieser seltenen Erkrankung analysierten. Die kürzlich in der Fachzeitschrift „Blood“ veröffentlichten Ergebnisse tragen wesentlich zum besseren Verständnis der BCP-LBL und ihrer relevanten Subtypen bei.

Genetische Auffälligkeiten bei 97 Krankheitsproben analysiert

Mittels vollständiger Exom-Sequenzierung (Whole Exome Sequencing) deckten die Wissenschaftler die genetischen Mutationen von 97 Krankheitsfällen auf und ermöglichten so die Zuordnung eines individuellen Krankheitsfalls zu Subgruppen. Die Proben stammten von verschiedenen europäischen Kliniken, die Auswertung erfolgte in Kiel und am Prinzessin-Máxima-Zentrum für Pädiatrische Onkologie, Utrecht, Niederlande.

Dr. Ingram Iaccarino Idelson, wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Sektion Hämatopathologie und Lymphknotenregister im Institut für Pathologie des UKSH, Campus Kiel. Bild: © UKSH

„Wir stellten fest, dass die Mutationslandschaft bei BCP-Lymphomen sehr ähnlich ist zu derjenigen bei ALL”, erklärt einer der Erstautoren Dr. Ingram Iaccarino. „Praktisch alle molekularen Subtypen, die ursprünglich bei BCP-ALL definiert wurden, sind auch bei BCP-LBL vorhanden. Nur 7 Prozent der Lymphome konnten keinem Subtyp zugeordnet werden“, erläutert der Wissenschaftler von der Sektion Hämatopathologie und Lymphknotenregister am Institut für Pathologie des UKSH, Campus Kiel, das auch Teil des campusübergreifenden Universitären Cancer Centers Schleswig-Holsteins (UCCSH) am UKSH ist.

Unterscheidung in Subgruppen kann sich auf die Behandlung auswirken

Die Definition von Subgruppen ist eine wichtige Voraussetzung für eine gezielte Therapieplanung. Denn die Unterschiede auf zellulärer und molekularer Ebene gehen meist auch mit Unterschieden in Krankheitsverlauf, Heilungsaussichten und Therapierbarkeit einher. Für die Zuordnung der Proben in Subgruppen nutzten die Forschenden das in der Forschungsgruppe CATCH ALL entwickelte Bioinformatik-Programm „ALLCatchR-Klassifikator“.

„Durch die Identifizierung der molekularen Subtypen und genetischen Veränderungen bei

Dr. Wolfram Klapper, Professor für Hämatopathologie an der Medizinischen Fakultät der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel
© privat/Juerg Frey

pädiatrischer BCP-LBL hoffen wir, Behandlungsstrategien maßzuschneidern und so die Behandlungsergebnisse bei dieser seltenen Krankheit zu verbessern”, erklärt Prof. Wolfram Klapper, federführender Autor der Studie und Leiter der Sektion Hämatopathologie und des Lymphknotenregisters.

Klinische Forschungsgruppe „CATCH ALL“

Diese Studie ist das jüngste Ergebnis der Klinischen Forschungsgruppe „CATCH ALL – Heilungsperspektive für alle Erwachsenen und Kinder mit Akuter Lymphoblastischer Leukämie (ALL)“. Die Forschungsgruppe an der Medizinischen Fakultät der CAU und dem UKSH wird seit Januar 2022 mit rund 5 Mio. Euro von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) gefördert. In enger Zusammenarbeit zwischen Forschungs- und Klinikteams unter dem Dach des Universitäten Cancer Centers Schleswig-Holstein wird daran gearbeitet, vielversprechende Therapieansätze in die klinische Praxis umzusetzen, um eine Verbesserung der Heilungschancen altersübergreifend für alle Patienten zu erreichen. Die Sprecherin der Forschungsgruppe und Vorstandsmitglied des UCCSH, Prof. Claudia Baldus, betont: „Die Identifizierung der molekularen Subtypen des pädiatrischen BCP-LBL ist ein entscheidender Schritt auf dem Weg zu einer personalisierten Medizin und verbesserten Behandlungsergebnissen.“