Semaglutid: Kardiovaskulärer Nutzen unabhängig von Gewichtsverlust

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Bei übergewichtigen Patienten ohne Diabetes kann der GLP-1-Rezeptoragonist Semaglutid das Risiko für Herz-Kreislaufprobleme reduzieren. Ob und wieviel Gewicht sie verlieren, scheint dabei keine Rolle zu spielen, wie neueste Datenanalysen nun zeigen.

Semaglutid, ursprünglich ein Diabetesmedikament, wird inzwischen auch bei adipösen Patienten ohne Diabetes zur Gewichtsreduktion eingesetzt. Immer mehr Studien belegen, dass Semaglutid auch einen kardiovaskulären Nutzen hat und das Risiko für Herz-Kreislaufprobleme signifikant senken kann.

Eine neue Analyse der SELECT-Studie hat nun ergeben, dass dieser kardiovaskuläre Nutzen dabei unabhängig vom Gewichtsverlust oder dem Ausgangsgewicht der Patienten besteht. Die Ergebnisse wurden in der Fachzeitschrift „The Lancet“ veröffentlicht.

Kardiovaskulärer Nutzen auch ohne Diabetes

Die SELECT-Studie ist die bislang größte und längste klinische Studie zur Untersuchung des kardiovaskulären Nutzens von Semaglutid. Es wurden mehr als 17.000 Erwachsene mit Herzerkrankungen und einem Body-Mass-Index (BMI) von 27 oder höher untersucht. Sie wurden nach dem Zufallsprinzip entweder mit Semaglutid oder einem Placebo behandelt. In vorherigen Analysen hatte sich gezeigt, dass Patienten ohne Diabetes unter Semaglutid ein um 20 Prozent geringeres Risiko für Herzinfarkte, Schlaganfälle und andere schwere Herz-Kreislaufprobleme (MACE) aufwiesen.

In der neuen Studie untersuchte ein Forschungsteam des University College London (Großbritannien) um Studienleiter Prof. John Deanfield, wie sich das Gewicht und der Taillenumfang im Studienverlauf veränderten und welchen Einfluss das auf ihr Risiko für kardiovaskuläre Ereignisse hatte.

BMI und Gewichtsverlust nicht ausschlaggebend

Die Ergebnisse zeigen, dass die Patienten mit Semaglutid zwar abnahmen und ihre Taillenumfänge reduzieren konnten. Allerdings waren die beobachteten Effekte auf das kardiovaskuläre Risiko weitestgehend unabhängig davon, wie viel Gewicht die Patienten verloren und mit welchem Ausgangsgewicht und BMI sie die Behandlung begannen. In Patienten mit einem niedrigeren BMI, die gerade so als übergewichtig klassifiziert werden, beobachteten die Forschenden demnach ähnliche Verbesserungen der kardiovaskulären Risiken wie in Patienten mit einem hohen BMI.

Ein Zusammenhang bestand jedoch zwischen dem kardiovaskulären Nutzen und einem verringerten Taillenumfang – ein Zeichen für weniger Bauchfett. Dieser machte etwa ein Drittel des Gesamtnutzens von Semaglutid aus. Den Autoren zufolge deuten diese Ergebnisse darauf hin, dass Semaglutid wichtige Vorteile für das Herz bieten kann, die über die Gewichtsabnahme hinausgehen.

„Bauchfett ist für unsere Herz-Kreislauf-Gesundheit gefährlicher als das Gesamtgewicht. Daher ist es nicht überraschend, dass es einen Zusammenhang zwischen der Verringerung des Taillenumfangs und dem kardiovaskulären Nutzen gibt. Zwei Drittel der kardiovaskulären Vorteile von Semaglutid bleiben jedoch weiterhin ungeklärt“, fasst Deanfield zusammen.

Klinische Anwendung überdenken?

„Diese Ergebnisse bieten unserer Meinung nach neue Perspektiven auf die Wirkung dieses Medikaments. Es wird als Mittel zur Gewichtsabnahme vermarktet, doch sein Nutzen für das Herz steht in keinem direkten Zusammenhang mit der Menge des verlorenen Gewichts“, so Deanfield weiter.

Semaglutid scheint also direkte Auswirkungen auf das Herz und pathologische Alterungsprozesse zu haben. Dementsprechend müsse darüber diskutiert werden, wie Semaglutid in der klinischen Praxis eingesetzt wird, meint Deanfield. Wenn der kardiovaskuläre Nutzen unabhängig von Ausgangsgewicht und Gewichtsverlust bestehe, dann sei nicht gerechtfertigt, das Medikament nur auf Patienten mit höheren BMIs zu beschränken. Gleichzeitig müsse man aber die potenziellen Nebenwirkungen mit einbeziehen. Angesichts der heterogener werdenden Patientenpopulation, sollten diese noch weiter untersucht werden.

Dass Adipositas nicht zwingend in direktem Zusammenhang mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen steht, haben erst kürzlich die Ergebnisse einer Studie zur genetisch bedingten Adipositas gezeigt. Patienten mit einer seltenen Genmutation, die zu starkem Übergewicht führt, hatten demnach ein geringeres kardiovaskuläres Risiko als übergewichtige Kontrollpersonen ohne die Mutation.

(mkl/BIERMANN)