Sexualisierte Belästigung in der Medizin: DGAI und BDA wollen Strukturen für Prävention und Unterstützung stärken28. September 2026 Der DGAI-Jahreskongress fand erneut im Kongress Palais Kassel statt. (Foto: ©Mike Auerbach/DGAI) Sexualisierte Belästigung, Grenzverletzungen und Machtmissbrauch kommen auch im ärztlichen Arbeitsumfeld vor – und werden noch immer zu häufig nicht angesprochen. DGAI und BDA wollen das Thema deshalb stärker in den Fokus rücken. Erstmals widmete sich beim Jahreskongress der Deutschen Gesellschaft für Anästhesiologie und Intensivmedizin (DGAI) in Kassel eine eigene Hot-Topic-Sitzung der Frage, wie Grenzverletzungen erkannt, Betroffene besser geschützt und Führungskräfte für ihre Verantwortung sensibilisiert werden können. Initiiert wurde die Sitzung vom Forum Anästhesistinnen des der Berufsverbandes Deutscher Anästhesistinnen und Anästhesisten (BDA) und der Kommission Anästhesiologinnen der DGAI gemeinsam mit der Charlotte-Lehmann Stiftung. Laut eigenen Angaben wollen DGAI und BDA die Impulse aus der Diskussion nun aufgreifen und daraus konkrete Handlungsmöglichkeiten für das Fachgebiet entwickeln. Grenzverletzungen erkennen, Betroffene ernst nehmen Wie aktuell das Thema ist, zeigten zuletzt die Ereignisse beim 130. Deutschen Ärztetag im Mai 2026, bei dem Medizinstudentinnen öffentlich von Grenzverletzungen und sexualisierten Übergriffen berichteten. Auch aktuelle Zahlen des Marburger Bundes verdeutlichen den Handlungsbedarf: 49 Prozent der 9000 Befragten gaben an, in den vergangenen zwölf Monaten Machtmissbrauch, 13 Prozent sexuelle Belästigung durch ärztliche Beschäftigte erlebt zu haben. „Wir dürfen bei diesem Thema nicht wegsehen und nicht schweigen“, sagte BDA-Präsidentin Prof. Grietje Beck. Es gehe darum, genauer hinzuschauen, Grenzverletzungen ernst zu nehmen und Strukturen zu schaffen, die Betroffene schützen und einen angemessenen Umgang mit Vorfällen ermöglichen. Gerade Hierarchien und berufliche Abhängigkeiten könnten es Betroffenen erschweren, Grenzverletzungen anzusprechen oder Vorfälle zu melden. Führungskräfte hätten deshalb eine besondere Verantwortung, aufmerksam zu sein, Grenzverletzungen ernst zu nehmen und frühzeitig zu handeln. Strukturelle und kulturelle Voraussetzungen für Prävention und Handlungssicherheit schaffen DGAI und BDA wollen zugleich dazu beitragen, die Handlungssicherheit im Umgang mit solchen Situationen zu erhöhen. „Nicht immer sind Grenzüberschreitungen klar erkennbar. Es gibt eindeutige Fälle, aber auch Situationen, die schwieriger einzuordnen sind“, sagte DGAI-Präsident Prof. Gernot Marx. Eine Aufgabe der Fachgesellschaft und des Berufsverbandes könne deshalb darin bestehen, Kliniken Orientierung und mögliche Wege im Umgang mit solchen Situationen aufzuzeigen. Konkrete Ansatzpunkte seien klare und möglichst niedrigschwellige Meldewege, ein verlässlicher und fairer Umgang mit gemeldeten Vorfällen sowie Orientierungshilfen für Führungskräfte und Kliniken, heißt es von DGAI und BDA. Zugleich brauche es eine Kultur, in der Grenzverletzungen wahrgenommen und angesprochen werden. „Struktur macht noch lange keine Kultur“, sagte Kongresspräsident Prof. Ralf Michael Muellenbach. Strukturen müssten durch eine klare Haltung im Arbeitsalltag mit Leben gefüllt werden. DGAI und BDA geben an, das Thema konsequent weiterverfolgen und damit Prävention, Handlungssicherheit und den Schutz Betroffener innerhalb des Fachgebiets stärken zu wollen.
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