Sinnesinformationen fließen weit früher zusammen als bisher angenommen5. Juni 2024 Ein Forschungsteam um den Jenaer Neurobiologen Manuel Teichert untersuchte, wie die Sinnesinformationen von Sehen und Tasten im Gehirn zusammenverarbeitet werden. (Foto: Heiko Hellmann/UKJ) Bei Untersuchungen, wie die Informationen verschiedener Sinne im Gehirn kombiniert werden, entdeckte ein Forschungsteam aus Jena, London und München eine Region im sensorischen Kortex, die sowohl von visuellen als auch von Tastreizen aktiviert wird. Dies zeigt, dass Sinnesinformationen weit früher als bisher angenommen zusammen verarbeitet werden, und tragen so zum besseren Verständnis der Reizverarbeitung im Gehirn bei. Um uns in uns in unserer Umwelt zu orientieren oder eine Situation zu beurteilen, nutzen wir alle unsere Sinne, und das gleichzeitig: Wir sehen, fühlen und riechen einen vollreifen Apfel, der beim Reinbeißen knackt und säuerlich-süß schmeckt. Wie die Wahrnehmungen verschiedener Sinne im Gehirn zu einem Gesamteindruck miteinander verbunden werden, ist noch nicht vollständig verstanden. Bislang ging man davon aus, dass dies erst in einem relativ späten Stadium der Informationsverarbeitung passiert. „Wir hatten jedoch Hinweise, dass die Eindrücke eines Sinnes bereits an ihrer ersten Station in der Hirnrinde mit den Eindrücken anderer Sinne verschmolzen werden“, erklärt Dr. Manuel Teichert. Der Neurobiologe vom Universitätsklinikum Jena interessiert sich insbesondere dafür, wie diese fusionierten Sinnesinformationen den Sehsinn als führenden Sinn beeinflussen und welche Veränderungen im Gehirn vorgehen, wenn dieser Sinn kurz- oder langfristig ausfällt. Gemeinsam mit einem Forschungsteam aus Jena, London und München untersuchte er deshalb die Kopplung von Seh- und Tastsinn bei Mäusen, letzterer wird bei den Tieren über die Tasthaare an der Schnauze vermittelt. Beide Sinne dienen vor allem der räumlichen Orientierung. Im Gegensatz zum Menschen spielt bei den Nagern das Sehen nur eine untergeordnete Rolle, Mäuse können nicht sehr gut sehen. In ihrem Lebensraum, engen dunklen Gängen, decken ihr Gesichtsfeld und die empfindlichen Tasthaare etwa denselben Bereich ab. Das Forschungsteam verfolgte mit modernsten mikroskopischen und elektrophysiologischen Techniken, wie und wo im Mäusehirn die von verschiedenen Sinnen stammenden Wahrnehmungen zusammenspielen. „Die Tast- und Bildinformationen vom selben Ausschnitt der Umgebung führen auch im Gehirn in einem scharf abgegrenzten Areal zu Aktivität. Dabei entdeckten wir, dass ein Bereich der primären Sehrinde auch bei Tastreizen aktiviert wird. Bereits die primäre Verarbeitung findet also nicht isoliert statt“, beschreibt Johann Wutke ein Ergebnis. Der Medizinstudent war im Rahmen seiner Doktorarbeit an dem Forschungsprojekt beteiligt. „Erstaunlicherweise unterdrückt die Tastwahrnehmung die Aktivität der Sehverarbeitung für diesen scharfen Umweltausschnitt, die Sinne hängen also sehr eng zusammen in ihrer Funktion“, ergänzt Teichert. Künftige Messreihen sollen hier noch weitere Details aufklären: Wie beeinflussen Tastwahrnehmungen einzelne Aspekte der optischen Information, wie Sehschärfe, Kontrastempfindlichkeit und Orientierungsvermögen? Wie ändert sich die Aktivität in den Hirnarealen, während und nachdem die Maus vorübergehend nichts sehen kann? Und welche strukturellen Veränderungen löst ein dauerhafter Sehverlust aus? „Wir wissen, dass Hör- und Tastsinn bei erblindeten Menschen oft deutlich sensibler werden. Mit unserer Grundlagenforschung zur multisensorischen Verarbeitung wollen wir zum Verständnis der zugrundeliegenden Umstrukturierungsprozesse im Gehirn beitragen, die ähnlich wahrscheinlich auch nach Lähmungen oder Schlaganfällen auftreten“, erklärt Teichert.
Mehr erfahren zu: "Umbrella-Review bestätigt: Bewegung hilfreich bei einer Vielzahl von Schmerzerkrankungen" Umbrella-Review bestätigt: Bewegung hilfreich bei einer Vielzahl von Schmerzerkrankungen Die bislang umfassendste Übersichtsarbeit zum Thema Bewegung zur Schmerzlinderung verdeutlicht: Bewegung kann akute und chronische Schmerzen unterschiedlichster Genese wirksam lindern. Leichtere Übungen scheinen dafür sogar besser geeignet als ein sehr […]
Mehr erfahren zu: "Störungen des Sozialverhaltens: S3-Leitlinie wurde weiterentwickelt" Störungen des Sozialverhaltens: S3-Leitlinie wurde weiterentwickelt Das Innovationsfonds-Projekt SSV-Update hat die S3-Leitlinie „Störungen des Sozialverhaltens“ aktualisiert und weiterentwickelt. Ziel ist es, evidenz- und konsensbasierte Standards für die Prävention, Diagnostik und Behandlung bei Kindern und Jugendlichen mit […]
Mehr erfahren zu: "Überraschende Entdeckung: Wärmesensor TRPM2 löst auch Schmerzen aus" Überraschende Entdeckung: Wärmesensor TRPM2 löst auch Schmerzen aus Wissenschaftler der University of Warwick (Vereinigtes Königreich) haben anhand von Experimenten mit Mäusen herausgefunden, dass der als Wärmesensor bekannte TRPM2-Kanal auch eine direkte Rolle bei der Auslösung chronischer Schmerzsignale spielt.