Social Media in O & U: „Deutschland ist ein schwarzes Loch“4. Mai 2023 Foto: REDPIXEL/stock.adobe.com Soziale Medien sind aus dem Alltag vieler Menschen nicht mehr wegzudenken, das gilt nicht nur für die jüngere Generation. Wie aktiv Orthopäden und Unfallchirurgen bei Instagram oder Twitter und was die Vor- und Nachteile sind, war Thema auf dem VSOU-Kongress. „Wenn ich das interessant finde, ist es bestimmt auch für andere interessant“, erklärte Dr. Edward Oates seine Motivation in den sozialen Medien aktiv zu sein. Der Flensburger Oberarzt in einem überregionalen Traumzentrum nutzt Twitter, weil er Fälle besprechen wollte und ihm der wissenschaftliche Austausch mit Kollegen und Ärzten in Weiterbildung im Berufsalltag zu kurz kommt. Die Zeit für fallbezogenes Lernen gäbe es in der Klinik einfach nicht mehr, so Oates. Reaktionen auf seine Postings kommen aus der ganzen Welt. Vielleicht sei nicht immer alles relevant, aber oft kämen neue Ideen. Von seinen insgesamt 8000 Followern stammen die wenigsten aus Deutschland. Die Nutzung des Microblogging-Dienstes ist hierzulande unter Orthopäden und Unfallchirurgen nicht so verbreitet: „Deutschland ist ein schwarzes Loch“, so Oates‘ Einschätzung. Nicht nur seine: Einer Studie von Varady et al. aus dem Jahr 2019 zufolge stammen 83 Prozent der Top-Orthopädie-Social-Media-Influencer auf Twitter aus den USA, aber nur elf Prozent aus Europa. Publizieren nur noch via Twitter? Wie Oates berichtete, erreicht er mit seinen einfachen Fallbesprechungen im Schnitt 35.000 bis 50.000 Impressions ‒ also „Sichtkontakte“ durch andere Twitter-Nutzerinnen und -Nutzer ‒ und bis zu 2000 Engagements, das heißt Interaktionen mit den geposteten Inhalten. Bei mehreren Millionen Impressions pro Monat stellt sich Oates die Frage: „Muss ich überhaupt noch in Fachzeitschriften veröffentlichen?“ Seine Antwort: „Ich glaube ich habe das Publizieren ersetzt.“ Einen Nachteil sieht Oates darin, dass die Fallbesprechungen nach spätestens zwei Tage aus der Timeline verschwunden und dann nur schwer wieder zu finden sind. Abhilfe schafft eine von Oates initiierte Website auf der Fallbeschreibungen archiviert und mit anderen Nutzern geteilt werden können. Als „disruptive Technologie“ bezeichnete PD Dr. Alexander Back, der die Diskussionsrunde auf dem VSOU-Kongress moderierte, das Publizieren von Fallbeispielen via Twitter & Co. Die neue Form der Publikation sei geeignet, um Fragen wie etwa „Wie löse ich bei einem Fall ein Problem?“ anzugehen. Auch Prof. Philipp Niemeyer findet den Publikationsaspekt „total spannend“, etwa im Hinblick auf das Thema Reichweite. „Es ist modern und bringt Aufmerksamkeit“, so der Kongresspräsident, der soziale Medien – beispielsweise LinkedIn – selbst aktiv nutzt. Ein „wunder Punkt“ ist für ihn allerdings die Qualitätskontrolle: „Die Selbstkontrolle über die Crowd sehe ich nicht.“ Die Möglichkeit eigene Publikationen in Fachjournals durch soziale Medien zu promoten, sprach Yasmin Youssef, Leipzig, aktiv beim Jungen Forum der Deutschen Gesellschaft für Orthopädie und Unfallchirurgie (DGOU) und in der AG Digitalisierung der DGOU, an. Diese wären dann viel präsenter. Ein weiterer Punkt, mit dem sich Podium und Publikum kritisch auseinandersetzte, ist das Thema Datenschutz, den Oates ernst nimmt. Er schützt die Patienten indem sämtliche Daten – Namen, Aufnahmezeitpunkt, Gerätenummer oder Seitenangaben wie links/rechts – entfernt werden. Oates nennt nur Informationen, die für den speziellen Fall notwendig sind und verändert bestimmte Angaben wie Alter oder Geschlecht. Wichtig sei die zeitliche Entkopplung. Niemeyer betonte, dass beim Datenschutz die Identifizierbarkeit des Patienten „das Thema“ ist. Patienten oder Fachkollegen – Wen möchte ich erreichen? Oates nutzt Twitter professionell und erfolgreich für den Austausch mit Fachkollegen, an Patienten richtet er sich nicht: Er kommuniziere gar nicht mit Patienten via Internet. Das gebe nur Probleme, etwa die Gefahr von Missverständnissen. Allerdings sind die Aufbereitung von Informationen für Patienten oder die Nutzung von sozialen Medien zur Patientenakquise und Vermarktung der eigenen Praxis beziehungsweise Klinikabteilung durchaus Ziele, die bei der Nutzung von sozialen Medien verfolgt werden können. Youssef hat sich mit dem Thema auseinandergesetzt und für sie ist klar: „Man muss sich wirklich Gedanken machen, wen möchte ich erreichen: Kollegen oder Patienten?“ Neben der klaren Definition der Zielgruppe und des Mediums ist es Niemeyer zufolge wichtig, die Kommunikation mit Patienten ganz klar vom Austausch mit Fachkollegen zu trennen. Gerade für die Patientenkommunikation sei Authentizität ein „wichtiger Parameter“. Auch die Ansprache über Fakten funktioniere bei Patienten nicht so gut, Emotionen hingegen schon. Niemeyer betonte auch, dass es wichtig sei, negativen Kommentaren auf den eigenen Kommunikationskanälen etwas entgegenzusetzten. Nicht jeder sieht einen Benefit für die Kommunikation mit Patienten, wie eine Umfrage unter BVOU-Mitgliedern ergeben hat, die Youssef vorstellte. Von den 208 Befragten nutzen zwar 100 Prozent soziale Medien im professionellen Kontext, allerdings vorwiegen passiv: Nur 20,2 Prozent gaben an, eigenen Content zu posten. Viele gaben an, dass die Nutzung sozialer Medien helfe, up-to-date zu bleiben. Problematisch für die Befragten war der hohe Zeitaufwand und viele waren unsicher, was medikolegale Aspekte angeht, wie Youssef erläuterte. Ihr Fazit: „Wir müssen nicht alle Influencer werden, aber ich glaube, denen die aktiv sind, sollten wir Hilfestellungen bieten.“ Sie verwies auf einen Leitfaden der Youngster in O&U, der in Vorbereitung sei. (ja)
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