Stärke von Menschen mit Depressionen betonen hilft Betroffenen

Symbolbild: © thebigland45/stock.adobe.com

Eine Langzeitstudie mit über 700 Teilnehmenden zeigt den Einfluss von gesellschaftlichen Narrativen auf die Situation von Menschen mit Depressionen und beweist, dass das Betonen der Stärken der Betroffenen zu einer Verbesserung des Gesundheitszustandes führen kann.

An Depression erkrankte Menschen beweisen im Umgang mit ihrer Krankheit täglich Stärke, die aber oft nicht als solche wahrgenommen wird. Frühere Studien haben gezeigt, dass sie stattdessen oft einem gegenteiligen Narrativ in der Gesellschaft begegnen, demnach Betroffene als schwach betrachtet werden. Solche Vorurteile wirken sich auf die Erkrankten negativ aus. In ihrer neuen Studie zeigt die Psychologin Christina Bauer von der Universität Wien, wie wichtig es für Betroffene ist, dass ihre Kraft betont wird. Wird die Stärke der erkrankten Personen in den Fokus gerückt, steigert das das Selbstbewusstsein und die Betroffenen können ihre persönlichen Ziele besser erreichen. Die Studie wurde aktuell im Fachmagazin „Personality and Social Psychology Bulletin“ publiziert.

Menschen, die mit psychischen Krankheiten wie Depression zu kämpfen haben, zeigen oft viel Stärke im Umgang mit ihrer Erkrankung: Sie stehen morgens auf, obwohl durch ihre Erkrankung der helfende Motivationsschub fehlt; sie lernen, mit negativen Gedanken und Gefühlen umzugehen; und kämpfen sich durch schwierige Phasen. „All das zeigt von beeindruckender Stärke“, so Studienleiterin Bauer. Frühere Studien haben gezeigt, dass diese Stärken aber allzu oft in Vergessenheit geraten, wenn über Menschen mit psychischen Erkrankungen gesprochen wird, sie werden stattdessen oft als „Schwächlinge“ dargestellt.

„Es liegt nahe, dass solche Narrative negative Effekte haben: Wir wissen aus früheren Studien, dass Menschen mit Depression oft weniger Vertrauen in ihre eigenen Fähigkeiten haben. In unserer neuen Studie konnten wir nun eindeutig beweisen, wie groß der Einfluss solcher Zuschreibungen sein kann“, so Bauer. In ihrer Studie belegt die Wiener Psychologin zusammen mit Kollegen und Kolleginnen aus Österreich, Deutschland, und den USA die Gefahren solcher Narrative – und zeigt, was man dagegen tun kann.

Die Stärken sichtbar machen

Um die Wirkung von solchen Narrativen zu untersuchen, hat das Forschungsteam Defizit-Narrative in Experimenten umgedreht: Statt Menschen mit Depression als schwach darzustellen, haben die Forschenden eine kurze Übung entwickelt (ca. 20 Minuten), die die oft vergessenen Stärken von Menschen mit Depression hervorhebt: Wie Menschen mit Depression beispielsweise Durchhaltevermögen, die Fähigkeit mit negativen Emotionen umzugehen, und Stärke im Bewältigen ihrer Symptome zeigen.

In drei Experimenten mit insgesamt 748 Teilnehmenden, die Depression erlebt hatten, wurden die Menschen dazu angeregt, über ihre eigenen Stärken zu reflektieren, die sie im Umgang mit Depression gezeigt haben. Im Vergleich zu einer zufällig zugewiesenen Kontrollgruppe zeigte sich, dass diese einfache Übung das Selbstvertrauen der Teilnehmenden deutlich erhöhen konnte – und zwar unabhängig davon, wie schwer ihre aktuellen Symptome waren.

Mehr Selbstvertrauen, mehr Zielerreichung

Am wichtigsten: Dieses verbesserte Selbstvertrauen hatte auch Konsequenzen für die Fähigkeit der Teilnehmenden, ihre persönlichen Ziele zu verfolgen. In einem Langzeit-Experiment über zwei Wochen zeigte sich, dass Teilnehmende, die über ihre Stärken reflektiert hatten, 49 Prozent mehr Fortschritt bei einem selbst gewählten persönlichen Ziel machten.

„Sich selbst als stark, statt schwach zu sehen, ist für jeden von uns wichtig, um an uns glauben und unsere Ziele verfolgen zu können. Das gilt eben auch für Menschen mit Depression“, fasst Bauer zusammen. „Wir müssen verstehen, dass Menschen, die mit Depression kämpfen, nicht schwach sind. Solche Narrative können wie selbsterfüllende Prophezeiungen wirken und Menschen daran hindern, ihr volles Potenzial zu entfalten.“

Außerdem interessant zum Thema Depression:

Depression kann ein frühes Warnzeichen für Parkinson und Lewy-Body-Demenz sein

Eine Dosis Psilocybin, ein Schuss Tollwut: Neue Ansätze gegen Depression