Stress hilft beim Verlernen von Angst18. Mai 2018 Wie Stress auf das Extinktionslernen wirkt, haben Christian Merz, Shira Meir Drexler und Oliver Wolf (v. l.) untersucht. (© RUB, Marquard) Stress kann positive Effekte auf das Extinktionslernen haben – und das unabhängig vom Kontext. Dies könnte für Therapien von Angststörungen nützlich sein, wie Kognitionspsychologen der Ruhr-Universität Bochum berichten. Treten zwei Reize wiederholt zeitlich gepaart auf, reagiert das Gehirn irgendwann schon bei der Präsentation des ersten Reizes mit der Antwort, die eigentlich erst auf den zweiten Reiz folgen würde. Experten nehmen an, dass die sogenannte Konditionierung am Entstehen von Angststörungen beteiligt ist. Diese lassen sich zum Beispiel behandeln, indem Betroffene schrittweise mit dem angstauslösenden Objekt konfrontiert werden. “Man geht davon aus, dass die Extinktion eine große Rolle bei dieser Expositionstherapie spielt”, erklärte PD Dr. Christian Merz vom Bochumer Institut für Kognitive Neurowissenschaft. “Das Extinktionslernen ist allerdings stark kontextabhängig”, ergänzte Dr. Shira Meir Drexler. “Lernt jemand in einer Psychotherapiepraxis, dass eine Spinne kein Grund zur Angst ist, kann es sein, dass er im eigenen Keller trotzdem wieder ängstlich auf den Achtbeiner reagiert.” Buntes Licht als angstauslösender Reiz Die Bochumer Psychologen zeigten nun, dass diese Kontextabhängigkeit nicht auftritt, wenn dem Extinktionslernen eine Stresssituation vorausgeht. An der Studie nahmen 40 Probanden an drei aufeinanderfolgenden Tagen teil. Am Computer sahen sie Bilder eines Büros mit einer Schreibtischlampe. Leuchtete die Lampe in einer bestimmten Farbe, folgte kurz darauf eine milde elektrische Stimulation der Haut, die zwar nicht schmerzhaft, aber unangenehm war. Andere Farben wurden nicht von einer elektrischen Stimulation begleitet. So lernten die Teilnehmer, Licht einer Farbe mit dem unangenehmen Reiz zu verbinden. Anhand von Hautleitfähigkeitsmessungen zeigten die Forscher, dass die Probanden nach einigen Durchgängen bereits vor der elektrischen Stimulation ängstlich auf die Präsentation dieser Lichtfarbe reagierten. Stress macht Extinktionslernen kontextunabhängig Am darauffolgenden Tag wurde die Hälfte der Probanden einer stressigen Situation ausgesetzt: Sie mussten eine Hand in Eiswasser halten und wurden dabei gefilmt und von einem Versuchsleiter beobachtet. Die andere Hälfte musste sich diesem Stresstest nicht unterziehen. Alle sahen anschließend Bilder der farbig leuchtenden Schreibtischlampe, auf die keine elektrische Stimulation folgte; die Lampe stand allerdings nicht mehr im Büro, sondern in einer Bibliothek. Am dritten Tag präsentierte das Team Büro- und Bibliotheksbilder mit farbig leuchtender Lampe, ohne dass es eine elektrische Stimulation gab. Probanden in der Stressgruppe reagierten im Büro- und im Bibliothekskontext wenig ängstlich auf die Lichtfarbe, die am ersten Tag noch eine elektrische Stimulation angekündigt hatte. Sie hatten das Wissen, dass kein unangenehmer Reiz mehr erfolgt, vom Bibliothekskontext auf den Bürokontext übertragen. Anders war es bei nicht gestressten Probanden. Sie zeigten nach wie vor eine Angstreaktion, wenn sie im Büro die Lichtfarbe sahen, die am ersten Tag von einer elektrischen Stimulation begleitet worden war. Bei Bibliotheksfotos reagierten sie wie die Kontrollgruppe jedoch wenig ängstlich. Das Extinktionslernen war bei ihnen nur in einem speziellen Kontext erfolgt. Studien zum Therapieerfolg geplant “Pharmakologische Studien haben gezeigt, dass die Gabe des Stresshormons Cortisol die Behandlung von Angststörungen erfolgreicher machen kann”, sagte Prof. Oliver Wolf. “Unsere Studie liefert Hinweise auf einen zugrunde liegenden Mechanismus.” In Rahmen des Sonderforschungsbereichs 1280 wollen mehrere Bochumer Arbeitsgruppen künftig untersuchen, ob Stress vor einer Expositionstherapie tatsächlich deren Wirksamkeit verbessert. Originalveröffentlichung: Meir Drexler S et al.: Preextinction stress prevents context-related renewal of fear. Behavior Therapy, 8. März 2018
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