Studie findet mögliche Frühwarnzeichen von Multipler Sklerose

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Auf der Suche nach Antikörpern, die als Biomarker die Diagnostik von Multipler Sklerose (MS) verbessern sollen, hat ein internationales Forschungsteam bei zehn Prozent der untersuchten MS-Erkrankten eine gemeinsame Autoantikörper-Signatur entdeckt. 

Die Diagnostik von MS ist aufgrund des vielseitigen Krankheitsbildes noch schwierig und langwierig. Bluttests sind noch nicht möglich und auch Tests zur Früherkennung wurden bisher nicht entwickelt. Ein Biomarker, der bei der Diagnose berücksichtigt wird, ist das Protein Serum-Neuroflament-Light (sNfL). Dieses Protein ist allerdings nicht spezifisch für MS, sondern deutet auf verschiedene neuronale Erkrankungen hin, unter anderem Alzheimer oder Amyotrophe Lateralsklerose.

Um einen spezifischen Biomarker für MS zu finden, untersuchte das Forschungsteam die Blutseren von Hunderten MS-Patienten. Die Daten stammten vom Department of Defense Serum Repository, dem Serum-Depot des US-Verteidigungsministeriums.

Bei der Analyse der Autoantikörper-Profilen aller Proteine in den Seren entdeckten die Forschenden bei zehn Prozent der MS-Erkrankten ein spezifisches gemeinsames Muster an Autoantikörpern. Sowohl Jahre vor dem Auftreten der ersten klinischen Symptome als auch nach dem Feststellen der Krankheit waren diese spezifischen Autoantikörper nachweisbar, die auch mit einem höheren Level von Serum-Neurofilament-Light (sNfL) korrelierten. Anhand einer Validierung der Ergebnisse an einer separaten Kohorte von MS-Erkrankten zeigte sich die Spezifität der Befunde – sowohl in Nervenwasser- als auch in Serumsproben.

Die Forschenden sehen in ihren Ergebnissen einen vielversprechenden Ausgangspunkt, um zukünftig anhand von Biomarkern MS-Erkrankungen frühzeitig zu erkennen.

Prof. Bernhard Hemmer, Direktor der Klinik für Neurologie, Klinikum rechts der Isar der Technischen Universität München (TUM), findet es derzeit noch zu früh, um über eine Anwendung des Tests konkret nachzudenken. „Wenn der Test validiert wurde und insbesondere die Spezifität für die Vorhersage der MS belegt ist, dann kommen zuerst Personen mit hohem MS-Risiko infrage, insbesondere Verwandte ersten Grades, die ein deutlich erhöhtes MS-Risiko haben. Allerdings muss man einschränkend hinzufügen, dass die Anwendung des Tests sehr von der Rate von sogenannten ,falsch positiven‘ Reaktionen abhängt. Diese Frage beantwortet die Studie nicht ausreichend.“

Keinen therapeutischen Nutzen durch eine mögliche Früherkennung sieht Prof. Heinz Wiendl, Direktor der Klinik für Allgemeine Neurologie und Leiter der Arbeitsgruppe Experimentelle und translationale Neuroimmunologie an der Universität Münster. „Momentan ist (…) nicht anzustreben, eine zugelassene Therapie allein aufgrund einer Risikokonstellation zu beginnen, wenn weder klinisch noch immunologisch eine manifeste Multiple Sklerose besteht“, erklärte der Experte. Vielmehr könnten im Fall eines erhöhten Risikos für MS Betroffene versuchen, die Situation durch Modifikationen von Lebensstil und Umweltfaktoren zu beeinflussen. „Allerdings sind beide Faktoren keinesfalls kausal für das Entstehen der Krankheit.“

Hemmer vermutet, dass die bei zehn Prozent der Betroffenen beobachtete Antikörperreaktion Ausdruck einer fehlgeleiteten Immunreaktion im Rahmen einer Epstein-Barr-Virus-Infektion (EBV) sein könnte, die zu einem Autoimmunprozess gegen Eiweiße im zentralen Nervensystem führt – sogenanntes Molekulares Mimikry – und damit die MS auslöst. „EBV spielt eine Rolle in der Entstehung der MS. Allerdings entwickelt nur eine von 300 bis 400 Personen, die mit EBV infiziert ist, eine MS“, erklärte der Neurologe.