Studie: Land ermöglichte NS-Psychiatern nach 1945 weitere Karriere

Niedersachsen hat in der Nachkriegszeit mehreren an Nazi-Gräueln beteiligten Ärzten eine Karriere in der landeseigenen Psychiatrie ermöglicht. Dies ist das Ergebnis einer 2016 in Auftrag gegebenen medizinhistorischen Studie, die Sozialministerin Carola Reimann (SPD) vorgestellt hat.

“Es ist schockierend, dass Täter aus dem Nationalsozialismus nach 1945 weiter Patientinnen und Patienten behandeln durften, als wäre nichts gewesen – hier haben staatliche Organe versagt”, sagte Reimann. Umso wichtiger sei es, dass diese Missstände nun aufgearbeitet würden.

Der wohl gravierendste Fall ist Hans Heinze, der an der Kinder- und Erwachseneneuthanasie der Nazis beteiligt war und nach dem Krieg Leiter der Jugendpsychiatrie in Wunstorf bei Hannover wurde. Aber auch Psychiater wie Willi Baumert, in der Nazizeit Leiter einer zur Ermordung von Minderjährigen bestimmten Abteilung in Lüneburg, und Ernst Meumann, der als Direktor der Heil- und Pflegeanstalt Königslutter eine Zwischenstation für eine Euthanasie-Anstalt in Bernburg/Saale leitete, konnten nach dem Krieg ihre Laufbahn fortsetzen.

Die Studie kommt zu dem Schluss, dass sich das Land nach dem Krieg bei dem Einsatz belasteter Ärzte vorrangig von formalen juristischen Prämissen leiten ließ. Bewertungskriterien seien dabei die Entnazifizierung, die Voraussetzungen der Verbeamtung im Nationalsozialismus sowie die Ergebnisse staatsanwaltlicher Ermittlungen zur Beteiligung an Patientenmorden gewesen. Eine ärztlich-ethische Gewissensbelastung der Mediziner habe keine Rolle gespielt. (dpa)

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