Studie zum SARS-CoV-2-Infektionsrisiko: Die Lebensumstände machen den Unterschied14. April 2023 Foto: © petiast/stock.adobe.com In einem Kooperationsprojekt hat das Forschungszentrum des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge (BAMF-FZ) gemeinsam mit anderen Einrichtungen das SARS-CoV-2-Infektionsgeschehen sowie die Impfbereitschaft gegen das Virus von Menschen mit und ohne Migrationserfahrung untersucht. Zielsetzung der Studie „Corona Monitoring bundesweit“ (RKI-SOEP-2) war es abzuschätzen, wie viele Menschen Anfang 2022 über eine Grundimmunisierung gegen das Virus verfügten und welchen Infektionsrisiken sie jeweils ausgesetzt waren. Beteiligt an der Untersuchung waren neben dem BAMF-FZ auch das Sozio-ökonomischen Panel (SOEP) am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin), das Robert Koch Institut (RKI) und das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB). Die Ergebnisse bestätigen das bisher vorherrschende Bild aus anderen Ländern wie Dänemark oder Schweden: Migranten sind einem höheren Risiko ausgesetzt, sich mit dem Corona-Virus zu infizieren, als Menschen, die in Deutschland geboren wurden. Bis Ende Oktober 2021 waren von den befragten Personen mit Migrationserfahrung rund acht, von den Menschen ohne Migrationserfahrung dagegen nur rund vier Prozent an COVID-19 erkrankt. Die stärkere Betroffenheit resultiert nicht aus der Migrationserfahrung selbst, vielmehr ist sie auf zugrundeliegende sozio-ökonomische Merkmale zurückzuführen. Im Verlauf der COVID-19-Pandemie wurde deutlich, dass die Schutzmaßnahmen gegen eine Infektion mit dem SARS-CoV-2-Virus nicht von allen Personen in gleichem Maße umsetzbar sind. Damit sind es weitgehend die persönlichen Lebensumstände in der Wohn-, beruflichen und familiären Situation, die das Risiko einer COVID-19-Erkrankung bestimmen, wie beispielsweise die Unterbringung in überfüllten Unterkünften, prekäre Arbeitsverhältnisse oder die häufige Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel. Im Fokus: Unterschiede nach Migrationserfahrung Eingeladen, an der Studie teilzunehmen, waren alle Personen, die im Jahr 2021 im Rahmen des SOEP befragt wurden. Dies umfasst auch Personen aus der IAB-SOEP-Migrationsstichprobe sowie der IAB-BAMF-SOEP-Befragung von Geflüchteten. Dadurch besteht laut den Autoren der Arbeit erstmals die Möglichkeit, auch Personen mit Migrationserfahrung in den Fokus der Untersuchung zu rücken. Die Teilnahmebereitschaft an der Studie sei mit rund 54 Prozent vergleichsweise hoch gewesen, berichten die Forschenden. Insgesamt wurden 10.225 Personen zwischen November 2021 und März 2022 befragt. Dabei berücksichtigte man Infektionen und Impfungen Befragten, die bis Ende Oktober 2021 stattgefunden hatten. Im Ergebnis war die deutliche Mehrheit der Menschen in Deutschland bis Ende Oktober 2021 grundimmunisiert, hatte also zwei Impfungen oder eine Impfung und eine Infektion hinter sich und damit mindestens zweimal Kontakt mit dem SARS-CoV-2-Virus. In einem kurzen Fragebogen wurden die Teilnehmenden unter anderem zu Infektionen mit dem SARS-CoV-2 Virus, ihrem Impfstatus, ihren Einstellungen und Verhaltensweisen bezüglich der Pandemie – wie beispielsweise das Tragen einer Maske – sowie zu weiteren Gesundheitsthemen befragt. Der Fragebogen stand insgesamt in sieben Sprachversionen zur Verfügung und konnte in schriftlicher Form oder online beantwortet werden. Hohe Impfbereitschaft in beiden Gruppen Anders als im Bereich des Infektionsgeschehens zeigen sich hinsichtlich der Impfbereitschaft gegen SARS-CoV-2 nur sehr geringe Unterschiede zwischen Menschen mit und ohne Migrationserfahrung. In beiden Gruppen wurde die Impfbereitschaft als sehr hoch beurteilt: 94 der Personen ohne Migrationserfahrung hatten bis Ende Oktober eine erste Impfung erhalten, der Anteil der geimpften Personen mit Migrationserfahrung lag nur sieben Prozentpunkte darunter bei 87 Prozent. „Bemerkenswert ist, dass ein großer Teil der ungeimpften Personen mit Migrationserfahrung über eine grundsätzliche Impfbereitschaft verfügte, sodass nicht ausgeschlossen ist, dass sich der Unterschied zwischen den beiden Gruppen im weiteren Zeitverlauf der Pandemie noch verkleinert hat. Anders als bei der Erstimpfung bestand bei der Zweitimpfung zwischen den beiden Gruppen kein nennenswerter Unterschied mehr; von denjenigen, die eine erste Impfung erhalten hatten, waren Ende Oktober 2021 auch fast alle bereits ein zweites Mal geimpft“, resümiert Dr. Manuel Siegert, wissenschaftlicher Mitarbeiter im BAMF-FZ. Die Auswertungen der Daten zeigen, dass die deutliche Mehrheit der befragten Personen ungeachtet ihrer Migrationserfahrung bis Ende Oktober 2021 durch mindestens zwei Antigenkontakte grundimmunisiert war. Der Anteil bei Migranten sei hier mit 81,8 Prozent nur etwas niedriger als bei Personen ohne Migrationserfahrung (89,5%), heißt es in dem Bericht. Nach aktuellem Wissensstand werde ein solider Schutz vor schweren Infektionsverläufen erst nach drei Antigenkontakten erreicht. Diesen hatten bis Ende Oktober 2021 noch vergleichsweise wenige Personen, wobei kein signifikanter Unterschied zwischen Personen mit und ohne Migrationserfahrung bestand. Fazit: Lebensumstände beeinflussen das Infektionsrisiko Die Ergebnisse der Studie bestätigen nach Angaben der Autoren erstmals auch in Deutschland die Erfahrungen, die bereits bei der Ausbreitung früherer Infektionskrankheiten gemacht wurden: Es besteht ein Zusammenhang zwischen der Ausbreitung von Infektionskrankheiten und sozio-ökonomischen Ungleichheiten. Die individuellen Lebensumstände beeinflussen das Expositions- sowie das Übertragungsrisiko für das SARS-CoV-2-Virus, wonach Menschen mit einem niedrigeren sozio-ökonomischen Hintergrund höheren Risiken einer Infektion ausgesetzt sind. Mit dieser Erkenntnis trage die Studie zur Aufarbeitung der Corona-Pandemie in all ihren Facetten bei, erklären die Forschenden: Sie bringe die Unterschiede sowohl im Impf- als auch im Infektionsgeschehen jeweils nach Migrationserfahrung zum Vorschein – wenngleich diese Unterschiede im Ergebnis vergleichsweise klein seien.
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