Studie zur Brailleschrift: Assistive Technologien ergänzen die Blindenschrift, verdrängen sie nicht15. August 2019 Eine Studie zur Zukunft der Brailleschrift zeigt, dass das Lesen auf Papier trotz digitaler assistiver Technologien nach wie vor eine bedeutende Rolle hat. Illustration: © olgapraktika – Adobe.stock Ein kürzlich abgeschlossenes Kooperationsprojekt “Zukunft der Brailleschrift” der Pädagogischen Hochschule Heidelberg und der Interkantonalen Hochschule für Heilpädagogik Zürich (Schweiz) zeigt, dass die traditionelle Blindenschrift nach wie vor wesentlich ist für Lese- und Schreibkompetenzen von blinden und sehbehinderten Menschen – und damit für deren gesellschaftliche Integration. Die Studie “ZuBra – Zukunft der Brailleschrift” unter Leitung von Prof. Markus Lang, Institut für Sonderpädagogik der Pädagogischen Hochschule (PH) Heidelberg, und Prof. Ursula Hofer, Interkantonale Hochschule für Heilpädagogik Zürich, ist das größte deutschsprachige Forschungsprojekt zu diesem Thema und wurde von 2015 bis 2018 durchgeführt. Das Projekt veranschaulicht, dass Sehbehinderte vergleichbare Rechtschreibkompetenzen haben wie Menschen ohne Sehbeeinträchtigung. Das Projekt weist auch nach, dass Textzugänge mittels assistiver Technologien die Punktschrift in Papierform sinnvoll ergänzen, aber nicht ersetzen. Lesen und Schreiben sind unhintergehbare Fähigkeiten, die von klein auf gelernt und ein Leben lang angewendet werden, um Ausbildung, Beruf und gesellschaftliche Teilhabe zu verwirklichen. Doch wie funktioniert das für blinde Menschen und Menschen mit hochgradiger Sehbehinderung? Seit nahezu 200 Jahren garantiert die aus tastbaren Punkten bestehende Brailleschrift diesem Personenkreis den Zugang zu schriftlicher Information und ermöglicht dadurch Bildung und Ausbildung. Im Zuge zunehmender Digitalisierung stehen assistive Technologien wie die Sprachausgabe bei Computern und Smartphones der Brailleschrift zur Seite. Der auditive Informationszugang, also derjenige über das Anhören von Texten, erscheint im Vergleich zum Lesen schneller zu erfolgen und weniger Übungsaufwand zu erfordern. Wie wird Braille unter diesen Vorzeichen heute erlernt und genutzt? Lösen die assistiven Technologien die Blindenschrift zunehmend ab? Und wie ist es um die Lese- und Rechtschreibfähigkeiten der Braillenutzenden bestellt? Datenerhebung Die Datenerhebung in Deutschland, Österreich und der Schweiz wurde laut Mitteilung der PH Heidelberg in drei Etappen durchgeführt. Die Erhebung empirischer Daten bei allen Altersstufen fand 2015 in Deutschland und in der Schweiz statt; 819 gültige Fragebögen konnten ausgewertet werden. Die zweite Erhebung 2017 erreichte 190 Braillenutzende im Alter von elf bis 22 Jahren. Bei ihnen wurden mit standardisierten Tests Lese- und Hörkompetenzen sowie Rechtschreibung erfasst. 2018 schließlich wurden in der dritten Erhebung in zehn Fokusgruppen-Interviews zentrale Ergebnisse qualitativ reflektiert. Ergebnisse Ein zentrales Ergebnis der drei Erhebungen ist, so berichten die beteiligten Hochschulen, dass alle Altersgruppen die Bedeutung der Brailleschrift auch heute als sehr hoch einschätzen. Die tendenziell etwas geringere Einschätzung bei den jüngsten Teilnehmenden im Alter bis 22 Jahre kann allerdings als Indiz dafür interpretiert werden, dass sich diese Altersgruppe in stärkerem Maße auditiven Informationszugängen zuwendet. Der von den jungen Teilnehmenden erzielte höchste Wert bei der tatsächlichen Nutzung von Sprachausgabesystemen unterstützt diese Interpretation. Generell zeigt sich, dass das Lesen auf Papier nach wie vor eine bedeutende Rolle hat, auch wenn auditive Arbeitsweisen in allen Altersgruppen durchaus häufig angewendet werden. So wird die Sprachausgabe oftmals in Kombination mit dem Lesen auf der Braillezeile eingesetzt, also mit einem speziellen Computerausgabegerät, das Zeichen in Blindenschrift übersetzt. Lang stellt fest: “Die Betroffenen kombinieren heute entsprechend ihrer individuellen Fähigkeiten und Vorlieben verschiedene Lese- und Schreibstrategien miteinander. Es ist also nicht so, dass die assistiven Technologien die Blindenschrift verdrängen – sie ergänzen einander vielmehr. Hören wie Lesen sind zwei je verschiedene Kompetenzen, wobei die eine keinen grundsätzlichen Ersatz für die andere darstellt.” Die Vielfalt der Braillenutzung in Kombination mit assistiven Technologien lässt annehmen, so die Forscher, dass das Ausstattungsniveau mit lese- und schreibspezifischen Hilfsmitteln in Deutschland, Österreich und in der Schweiz im Schul-, Ausbildungs- und Berufsalter hoch ist. Die Studie belegt erwartungsgemäß, dass für das Lesen der Brailleschrift zwei- bis dreimal mehr Zeit benötigt wird als für das Lesen ohne Sehbeeinträchtigung. Bestätigt wurde zudem die Annahme, dass Informationen schneller durch Hören als durch Brailleschrift-Lesen aufgenommen werden. Braille als Vollschrift wird im Durchschnitt mit achteinhalb Jahren erlernt, ihre Computer-adaptierte Form mit knapp zehn Jahren und die Kurzschrift mit elfeinhalb Jahren. Ein weiteres interessantes Ergebnis ist in diesem Kontext, dass es in allen Brailleversionen schnelle Leserinnen und Leser gab und diese in der Regel auf Papier lasen. Die Studie zeigt, dass eine früh einsetzende Braille-Leseförderung die Lesegeschwindigkeiten erhöht. Blinde und hochgradig sehbehinderte Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene weisen grundsätzlich altersgemäße Kompetenzen in der Rechtschreibung auf. “Nicht-Sehen wirkt sich also nicht negativ auf Rechtschreibkompetenzen aus”, betonen die Forscher. Hier wird aber auch sichtbar, dass die schnellen Leserinnen und Leser der Brailleschrift die Nase vorn haben: “Niedrige Werte in der Leseflüssigkeit und in der Lesegeschwindigkeit gehen einher mit niedrigeren Werten im Leseverstehen und in der Rechtschreibung”, erläutern Lang und Hofer. Am problematischsten sind durchgängig die Leistungen der Teilnehmenden, die dual Brailleschrift und vergrößerte Schwarzschrift nutzen. Diese Gruppe zeigte oftmals nur geringe Braille-Lesekompetenzen. Schlussfolgerungen für den Unterricht Aus diesen Ergebnissen der “ZuBra”-Studie ziehen die Forscher insbesondere diese Schlussfolgerungen für den Schulunterricht: Die Nutzung der Sprachausgabe neben dem Lesen in oberen Klassenstufen ist eine schlichte Notwendigkeit zur Bewältigung des umfangreichen Unterrichtsstoffs. Der Einsatz auditiver Strategien sollte daher zielgerichtet, aufgaben- und fächerspezifisch sein. Effizientes Hören ist als Kompetenz dabei gezielt zu fördern. Hinsichtlich des Brailleschrift-Lesens gilt, dass angemessene Maßnahmen des Nachteilsausgleichs notwendig sind. Hinzutreten sollten ein früh einsetzendes individuelles Training von Lesekompetenzen und fächerübergreifendes Unterstützen regelmäßigen Lesens (insbesondere bei dualer Schriftnutzung). Für den Ausbau von Rechtschreibkompetenzen können zudem angemessene Kontrollmöglichkeiten des Schreibens wie etwa die gezielte Nutzung von Rechtschreibprogrammen hilfreich sein. Finanzielle Unterstützung Das Projekt wurde nach Angaben der PH Heidelberg finanziell unterstützt von den beteiligten Hochschulen, vom Eidgenössischen Departement des Inneren, von der Ernst Göhner Stiftung, der Herbert Funke Stiftung, der Dr. Gabriele Lederle Stiftung, vom Verband für Blinden- und Sehbehindertenpädagogik, von der Schweizerischen Stiftung für Taubblinde “Tanne”, dem Heilpädagogischen Schul- und Beratungszentrum Sonnenberg und dem Schweizerischen Blinden- und Sehbehindertenverband. Quelle: Pädagogische Hochschule Heidelberg
Mehr erfahren zu: "Diabetische Retinopathie: Wie Occludin die Blut-Netzhaut-Schranke aufrechterhält" Diabetische Retinopathie: Wie Occludin die Blut-Netzhaut-Schranke aufrechterhält Eine US-amerikanische Studie zeigt, wie Occludin sowohl undichte Blutgefäße als auch übermäßiges Gefäßwachstum bei diabetischer Retinopathie kontrolliert.
Mehr erfahren zu: "Glaukom: Gängige Augensalben können Implantate schädigen" Weiterlesen nach Anmeldung Glaukom: Gängige Augensalben können Implantate schädigen Anhand klinischer und experimenteller Belege zeigt eine neue Studie der Nagoya-Universität (Japan), dass Augensalben auf Petrolatum-Basis ein bestimmtes Drainage-Implantat beeinträchtigen können.
Mehr erfahren zu: "Demenz vorbeugen: Warum Hörgerät und Brille wichtig fürs Gehirn sind" Demenz vorbeugen: Warum Hörgerät und Brille wichtig fürs Gehirn sind Was haben Hörgerät und Brille mit Demenzprävention zu tun? Mehr, als viele denken. Die gemeinnützige Alzheimer Forschung Initiative (AFI) zeigt, warum unbehandelte Hör- und Sehschwächen das Demenzrisiko erhöhen können – […]