Studie zur stationären Antibiotikabehandlung bei Harnwegsinfekten und Sepsis

Ältere Patienten mit Harnwegsinfektion werden zu 63% per Infusion stationär behandelt, um sie besser überwachen zu können. (Foto: ©Valentin Pellio)

Eine Untersuchung an vier deutschen Paracelsus-Kliniken nahm die stationäre Antibiotikabehandlung von ambulant erworbenen Harnwegsinfektionen und Sepsen unter die Lupe. Das Ergebnis: Eine leitliniengerechte Behandlung ist aufgrund der gegebenen Patientencharakteristika häufig nicht möglich. Von den Erkenntnissen könnten auch andere deutsche Krankenhäuser profitieren.

Unter dem Begriff Antibiotic Stewardship (ABS) werden alle Bemühungen und Maßnahmen für eine Verbesserung der leitliniengerechten Antibiotikaverordnung zusammengefasst. Wie gut sie beim ABS dastehen, wollten die Paracelsus-Kliniken wissen. Im Rahmen einer Dissertation ließen sie daher die antibiotische Therapie bei relevanten Infektionen an vier Kliniken auf den Prüfstand stellen. Dabei wurden die Sepsis als besonders schwerwiegende Infektion und die Harnwegsinfektion als besonders häufige Infektion ausgewählt. Die Harnwegsinfektion kommt sowohl ambulant, als auch stationär häufig vor. Bei ihr ist eine leitliniengerechte Therapie besonders wichtig, um bakterielle Resistenzen zu vermeiden. 

Leitliniengerechte Behandlung oft nicht möglich 

Leiter der Unteruschung: Joachim Biniek (Foto: ©Paracelsus)

Joachim Biniek, Doktorand und Weiterbildungsassistent am Zentralinstitut für Krankenhaushygiene und Umweltmedizin der Paracelsus-Kliniken, wertete rund 600 Fälle aus den Jahren 2019 und 2020 datenschutzgerecht aus – davon zwei Drittel Harnwegsinfekte und ein Drittel Sepsen.

Eines der ersten Ergebnisse: Vor allem bei älteren Menschen ist eine streng an den Leitlinien ausgerichtete und kostensparende DRG-Behandlung nicht immer möglich. Zwei Drittel der Patienten brauchen aus medizinischen Gründen eine abweichende Behandlung, häufig führen Komorbiditäten zu einer besonderen Erkrankungsschwere.

Patienten älter als erwartet

„Wir haben bei unseren Untersuchungen gesehen, dass das Durchschnittsalter unserer Patientinnen und Patienten bei 77,6 Jahren liegt. Das heißt, wir bewegen uns in einem rein geriatrischen Setting mit Patienten, die Vorerkrankungen haben”, erläutert Biniek. Bei 61 Prozent der aufgenommenen Patienten wurde deshalb in den einbezogenen Paracelsus-Kliniken vorsorglich eine mikrobiologische Untersuchung vorgenommen und in 83 Prozent der Fälle tatsächlich der Nachweis eines Keims erbracht.

„Damit sind wir – ähnlich wie bei multiresistenten Keimen – in unseren Kliniken gut, was das Erkennen von Infektionen angeht”, so Biniek. „Wenn eine Harnwegsinfektion bei einem älteren Patienten so schwerwiegend ist, dass eine stationäre Aufnahme erforderlich wird, dann sollte immer eine mikrobiologische Diagnostik erfolgen.“

Stationär besser aufgehoben

Zweite Hürde: Die Gabe der Antibiotika. Sie erfolgt in den Paracelsus-Kliniken in 63 Prozent der Fälle ausschließlich parenteral, also per Infusion oder Injektion – nur 13 Prozent der Patienten bekommen Tabletten. „Wir müssten gemäß den Leitlinien eigentlich häufiger zur Tablette greifen, aber mit Sicht auf die Patientengruppe ist das nicht immer möglich”, erklärt Joachim Biniek.

„Gerade ältere, multimorbide Patienten brauchen eine besondere Überwachung des komplexen Genesungsprozesses im Krankenhaus. Man kann sie nicht einfach mit Tabletten nach Hause schicken.“ Unter dem Strich lohnt sich aber der Aufenthalt in der Klinik. „Wir haben in den Paracelsus Kliniken bei Sepsis eine Sterblichkeitsrate von 19 Prozent“, erklärt der medizinische Doktorand. „Bundesweit sind es 26,5 Prozent. Das heißt, wir retten jedem 13. Patienten das Leben dadurch, dass wir ihn stationär und auf unsere Weise behandeln. Und das sollte es wert sein.”

Optimale Behandlung durch genaue Kenntnis des Patientenklientels

„Wir haben mit dieser umfassenden Auswertung erstmals die Möglichkeit, das Risikoprofil unserer Patienten mit Sepsen und Harnwegsinfektionen genau zu erkennen und das zukünftig bei Diagnostik und Therapie zu berücksichtigen”, zieht PD Dr. Karolin Graf, Leiterin des Zentralinstituts für Krankenhaushygiene der Paracelsus-Kliniken, eine erste Bilanz der Untersuchung. „Unser Ziel ist es, einerseits den medizinischen Anforderungen unserer Patienten an eine hohe Behandlungsqualität gerecht zu werden, andererseits werden uns von Leitlinien und Finanzierungsvorgaben teilweise enge Grenzen gesetzt.”

In der Konsequenz der Studienergebnisse müsse es darum gehen, die mikrobiologische Diagnostik zu stärken, die Therapien entsprechend anzupassen und die Leitlinien und DRG-Vorgaben mit der Praxis der Kliniken zu synchronisieren, so die Ärztin. „Eine solch umfassende Studie zu diesen Fragestellungen hat es vorher in den grundversorgenden Krankenhäusern Deutschlands noch nicht gegeben. Mit den Erkenntnissen haben wir zukünftig die Möglichkeit, die Patienten optimal zu behandeln, Resistenzen einzuschränken und Kosten zu sparen. Und davon werden auch andere Krankenhäuser in Deutschland profitieren können, wenn die Studiendaten publiziert sind.”

Die Paracelsus-Kliniken haben sich für 2023 vorgenommen, die Ergebnisse der Studie in die Aus- und Weiterbildung ihrer Fachkräfte einfließen zu lassen. In allen Akutstandorten der Klinikgruppe sind derzeit bereits ABS-Teams etabliert, die jetzt auch in einer standortübergreifenden Arbeitsgruppe zusammengeschlossen werden, um Lösungen auf Konzern-Ebene für den optimalen Einsatz von Antibiotika zu finden.