Superhelden gegen Schmerzen: 20 Jahre Deutsches Kinderschmerzzentrum

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Seit zwanzig Jahren arbeitet ein multiprofessionelles Team aus den Fachbereichen Psychologie, Medizin, Krankenpflege, Sozialarbeit, Pädagogik, Krankengymnastik und anderen Therapierichtungen in Datteln daran, dass Kinder und Jugendliche lernen, ihren chronischen Schmerz zu überwinden.

Was haben Spiderman, Catwoman, Captain America, Wonder Woman und Supergirl mit chronischen Schmerzen bei Kindern und Jugendlichen zu tun? Haben sie vielleicht auch Kopf-, Bauch oder Muskel- und Gelenkschmerzen wie die jungen Patientinnen und Patienten, oder warum findet man die Superheldinnen überall in der Vestischen Kinder- und Jugendklinik Datteln – Universität Witten/Herdecke?

„Unser Ziel ist, dass Kinder und Jugendliche mit chronischen Schmerzen ihren Schmerz wieder in den Griff bekommen“, erklärt Prof. Boris Zernikow, Gründer des Deutschen Kinderschmerzzentrums. „Die Kraft, den Mut und die Fähigkeiten hierzu tragen die schmerzkranken Kinder und Jugendlichen in sich, wie eine Superheldin oder ein Superheld. Wir helfen ihnen nur, diese Kraftquellen zu finden und sie zu nutzen, damit sie wieder ein selbstbestimmtes, glückliches Leben führen können.“

Vor 20 Jahren, im Jahr 2002, hat Zernikow an der Vestischen Kinder- und Jugendklinik Datteln – Universität Witten/Herdecke die deutschlandweit erste Kinderschmerzambulanz eröffnet. Im Jahr 2011 zeichnete der Bundespräsident Christian Wulff die Kinderschmerzambulanz und -station im Wettbewerb „Deutschland Land der Ideen“ mit dem Preis „Ausgewählter Ort“ aus. Mittlerweile ist das Deutsche Kinderschmerzzentrum die weltweit größte Einrichtung zur Behandlung von Kindern und Jugendlichen mit chronischen Schmerzen. Jährlich werden 1500 Patientinnen und Patienten ambulant und mehr als 300 stationär betreut. Kooperationspartner mit ähnlichem Behandlungsangebot sind das Bayerische Kinderschmerzzentrum an der Universitätskinderklinik Augsburg und das Baden-Württembergische Kinderschmerzzentrum am Olgaspital in Stuttgart, sowie international das Children’s Hospital der Harvard Medical School in Boston, USA.

Erfolgreiches Konzept

Der Ansatz des multiprofessionellen Teams: Die Stärken und Fähigkeiten der betroffenen Familien in den Mittelpunkt stellen, Kinder ernstnehmen, Familien als Expertinnen begreifen, wertschätzend miteinander umgehen und auf allerhöchstem Niveau arbeiten. Werte, denen sich das Team in seiner Arbeit verschrieben hat – und der Erfolg gibt ihm recht: Aus ganz Deutschland reisen junge Patientinnen und Patienten zum Deutschen Kinderschmerzzentrum in Datteln, damit ihnen hier geholfen wird.

Dass das Konzept funktioniert, belegen wissenschaftliche, international veröffentlichte Studien: „Mehr als 60 Prozent der Kinder können dauerhaft geheilt werden und 20 Prozent erleben eine deutliche Verbesserung“, führt Dr. Julia Wager, Leiterin der Forschungsabteilung am Deutschen Kinderschmerzzentrum, aus. „Und wir arbeiten hart daran, dass wir auch den restlichen 20 Prozent unserer Patientinnen und Patienten auch noch helfen können“, ergänzt Kinder­ und Jugendlichenpsychotherapeut Dr. Michael Dobe, der seit 20 Jahren dabei ist und das Deutsche Kinder­schmerzzentrum mit aufgebaut hat. Dobe und Zernikow haben ihren Ansatz in einem Fachbuch genau beschrieben und beim Springer Verlag auf Deutsch und Englisch publiziert. „So kann jede Kinderklinik auf der Welt einfach nach­machen, was wir erprobt haben“, freut sich Zernikow, „und es gibt mittlerweile weltweit viele Kliniken, die nach dem Dattelner Vorbild erfolgreich arbeiten“.

„Für viele Kinder verhindern wir ein noch mehr an sinnlosen Operationen.“

Mehr als 10.000 Kinder und Jugendliche mit chronischen Kopf-, Bauch oder Muskel- und Gelenkschmerzen wurden in den letzten 20 Jahren entweder ambulant oder stationär auf einer der beiden Kinderschmerzstationen betreut. „Wir stehen den Kindern bei, dass ihnen der Schmerz geglaubt wird, und sie bewahrt werden vor dem üblichen ‚stell Dich nicht so an, Du musst nur wollen…!’“, sagt Alex Tüllmann, die Stationsleitung der Kinderschmerzstation. „Für viele Kinder verhindern wir ein noch mehr an sinnlosen Operationen und das immer weiter­ graben nach der EINEN Ursache“, ergänzt Pflegemanagerin Annika Rips, die pflegerische Bereichsleitung.

Die eine einzige Ursache des chronischen Leidens gibt es eben nicht, erklärt Zernikow. „Chronischer Schmerz entsteht aus einem Zusammenspiel von psychologischen, sozialen und biologischen Faktoren. Im Endeffekt lernt das Gehirn des Kindes den Schmerz wie eine Fremdsprache. Es ist also nichts kaputt im Körper, im Gegenteil, das schmerzverstärkende Nervensystem funktioniert gut, sogar besonders gut. Unser gemeinsames Ziel ist, dass Schmerz verlernt wird und sich die Schmerzverarbeitung normalisiert.“

Das Lösen aktueller Probleme, das Erlernen der Bewältigungstechniken, das Erproben des normalen Schulalltags und viel Bewegung trotz Schmerzen sind wichtige Therapieelemente. Damit Bewegung auch bei steigenden Coronainzidenzen im Winter, in Gruppen und mit viel Spaß stattfinden kann, soll die krankengymnastische Abteilung schnell umgebaut werden. „Für unser Projekt RaumGeben fehlt noch der ein oder andere Euro“, so Zernikow. „Es wäre ein tolles Geburtstagsgeschenk, wenn wir hier Unterstützung erfahren würden, damit wir den Kids noch besser helfen können!“