Symptome während der Strahlentherapie bei Brustkrebs: Oft vom Arzt nicht richtig erkannt, vor allem bei Jüngeren und Minderheiten

ANN ARBOR (Biermann) – Klinische Studien beruhen häufig auf ärztlichen Beurteilungen, die die Common Toxicity Criteria for Adverse Events (CTCAE) verwenden. Doch im Vergleich zu den Angaben betroffener Patienten scheinen diese die Symptome zu unterschätzen.

Darauf deutet eine Studie hin, die Patient-Reported Outcomes (PROs) von Brustkrebs-Patientinnen, die im Zeitraum 01.01.2012–31.03.2020 eine Strahlentherapie erhielten, mit den Arzt­angaben verglich. Die Kohortenstudie umfasste insgesamt 29 Praxen, die an der Qualitätsinitiative des Michigan Radiation Oncology Quality Consortium teilnehmen. Von 13.725 Patientinnen mit Brustkrebs, die nach einer Lumpektomie eine Strahlentherapie erhielten, füllten 9941 Patientinnen (72,4 %) während der Strahlentherapie ≥1 PRO-Fragebogen aus und wurden für die Studie einbezogen. Davon seien 9868 Patientinnen (99,3 %) mit ärztlichen CTCAE-Bewertungen, die innerhalb von 3 Tagen nach den PRO-Fragebögen ausgefüllt worden waren, abgeglichen worden, berichtet das Forscherteam um Dr. Reshma Jagsi von der University of Michigan in Ann Arbor, USA.

Im Fokus standen Schmerzen, Pruritus, Ödeme und Fatigue aus Sicht von Betroffenen und Ärzten. Unter  9941 Patientinnen waren 1655 (16,6 %) Afroamerikanerinnen, 7925 (79,7 %) Weiße und 361 (3,6 %) hatten eine andere Hautfarbe und ethnische Zugehörigkeit (inkl. amerikanische Ureinwohnerinnen aus Alaska, Araberinnen/Naher Osten, und Asiatinnen), entweder nach Selbstauskunft oder laut elektronischer Krankenakte. Insgesamt 1595 (16,0 %) waren <50 Jahre, 2874 (28,9 %) 50–59 Jahre, 3353 (33,7 %) 60–69 Jahre und 2119 (21,3 %) ≥70 Jahre alt.

Eine mangelnde/zu geringe Erkennung der Symptome lt. PROs stellten die Autoren bei 2094/6781 (30,9 %) Beobachtungen mäßiger/schwerer Schmerzen, 748/2039 Beobachtungen (36,7 %) von häufigem Juckreiz, 2309/4492 Beobachtungen (51,4 %) von Ödemen und 390/2079 Beobachtungen (18,8 %) zu erheblicher Fatigue fest. Bei 2933/5510 (53,2 %) derjenigen, die ≥1 wesentliches Symptom angaben, sei ≥1-mal eine Untererkennung von ≥1 Symptom aufgetreten, unterstreichen die ­Wissenschaftler.

Ferner ergab die multivariable logistische Regression Faktoren, die unabhängig mit einer Unter­erfassung assoziiert waren: jüngeres Alter (< 50 Jahre vs. 60–69 Jahre: OR 1,35; 95 %-KI 1,14–1,59; P<0,001; 50–59 Jahre vs. 60–69 Jahre: OR 1,19; 95 %-KI 1,03–1,37; p=0,02), Hautfarbe (schwarze vs. weiße Frauen: OR 1,56; 95 %-KI 1,30–1,88; p<0,001; Frauen anderer Hautfarbe oder ethnischer Zugehörigkeit vs. weiße Frauen: OR 1,52; 95 %-KI 1,12–2,07; p=0,01), konventionelle Fraktionierung (OR 1,26; 95 %-KI 1,10–1,45; p=0,002), männliches Arztgeschlecht (OR 1,54; 95 %-KI 1,20–1,99; P=0,002) und 2-Feld-Strahlentherapie (ohne supraklavikuläres Feld) (OR 0,80; 95 %-KI 0,67–0,97; P=0,02).

Die Erfassung unerwünschter Ereignisse nur anhand der CTCAE könne offenbar wichtige Symptome übersehen, bilanziert das Team. Daher halten die Studien-autoren die Erfassung von PROs in Studien für unerlässlich. Da offenbar die Ärzte in dieser Studie bei bestimmten Patientinnen, inkl. jüngerer Frauen und Frauen anderer Hautfarbe/ethnischer Zugehörigkeit, systematisch wesentliche Symptome übersehen haben, kann die Verbesserung der Symptomerkennung eine Maßnahme sein, die ergriffen werden kann, um Unterschiede zu verringern. (sf)  

 

Autoren: Jagsi R et al.
Korrespondenz: [email protected]
Studie: Identifying Patients Whose Symptoms Are Underrecognized During Treatment With Breast Radiotherapy
Quelle: JAMA Oncol 2022;8(6):887–894.
Web: doi.org/10.1001/jamaoncol.2022.0114